Während es im Bezirk Mülheim im ersten Halbjahr 2025 insgesamt 29 Tage ohne Notdienst gab, sind es im ersten Halbjahr dieses Jahres 54.
ApothekensterbenNotdienste in den Kölner Bezirken werden seltener

Die Apothekerkammer Nordrhein bewertet die Versorgungslagetrotz längerer Wege und Wartezeiten als stabil.
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Wer außerhalb der normalen Öffnungszeiten von Apotheken ein Medikament braucht, fährt im besten Fall mit dem Auto. Längst nicht in jedem Kölner Bezirk stehen Notdienste zur Verfügung. So gab es auf der Schäl Sick in der Nacht von Montag auf Dienstag nur eine diensthabende Apotheke – und zwar an der Deutzer Freiheit.
Die Anzahl der angebotenen Notdienste hat überall in Köln abgenommen. Das ergibt sich aus den Angaben der Apothekerkammer Nordrhein (AKNR), die täglich von der Rundschau eingesehen werden, um Leserinnen und Lesern die nächstgelegene Anlaufstelle zu nennen. Vermehrt treten Tage auf, an denen mindestens einer der neun Kölner Bezirke ohne einen Notdienst bleibt.
Während es im Bezirk Mülheim im ersten Halbjahr 2025 insgesamt 29 Tage ohne Notdienst gab, sind es im ersten Halbjahr dieses Jahres 54. In Porz stieg die Anzahl von 62 auf 81. Den größten Anstieg in ganz Köln verzeichnet jedoch der Bezirk Lindenthal. Dort gab es zuvor noch an allen Tagen einen Notdienst, mittlerweile sind es 43. Ähnlich sieht es in Rodenkirchen aus, wo aus 21 Tagen nun 73 wurden.

Die Anzahl der Tage, an denen es keinen Apothekennotdienst gab, ist in allen Bezirken gestiegen.
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Der Grund dafür ist laut der AKNR, die unter anderem in Köln für die Verteilung der Notdienste zuständig ist, die sinkende Anzahl an Apotheken. „Am 31. Dezember 2025 gab es in Köln 209 Apotheken. Fünf Jahre zuvor waren es noch 228, zehn Jahre zuvor noch 246“, erklärte ein Sprecher.
Das mache sich „durchaus auch durch länger werdende Wege im Nacht- und Notdienst bemerkbar“. In den diensthabenden Apotheken sei zudem manchmal mit Wartezeiten zu rechnen. „Einzelfälle, in denen der Zugang erschwert ist, bedauern wir sehr.“ Er betont jedoch: „Die Versorgungslage in Köln bewerten wir insgesamt als stabil. Uns sind keine systematischen Beschwerden bekannt.“
Eine gesetzliche Vorgabe, wie viele Notdienste verfügbar sein müssen, gibt es nicht. Die Apothekerkammern sind zwar verpflichtet, die Versorgung zu gewährleisten. Wie sie das machen, bleibt aber ihnen überlassen. Für Apotheken ist es Pflicht, die Notdienste, zu denen sie eingeteilt wurden, auch zu leisten.
Die Erstellung der Dienstpläne erfolge „softwaregestützt nach klaren Vorgaben, um eine möglichst ausgewogene Verteilung zu gewährleisten“, sagt der AKNR-Sprecher. Dabei gehe es um einen Ausgleich der Interessen: „Zwischen Patienten und Kunden auf der einen Seite, aber auch Apothekerinnen und Apothekern auf der anderen Seite, die – zusätzlich zu einem regulären Arbeitstag – nachts, an Feiertagen und am Wochenende für die Menschen da sein müssen.“ Dieser Ausgleich werde durch die aktuelle Planung erreicht.
Die Notdienste würden bereits seit 2014 nach Kriterien organisiert, die mit statischen Orts- oder Stadtbezirksgrenzen nichts zu tun haben. „Köln ist derzeit in sechs Versorgungsbereiche unterteilt, denen jeweils ein zentraler Ortsmittelpunkt zugeordnet ist. Für Großstädte wie Köln gilt dabei eine maximale Entfernung von 10 Kilometern zwischen einer diensthabenden Apotheke und diesem Mittelpunkt.“ In der Praxis liege die durchschnittliche Entfernung im aktuellen Dienstplan jedoch deutlich unter diesem Höchstwert.
Angespannte Lage in diensthabenden Apotheken an Wochenenden
„Der Notdienst hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr verändert“, sagt der Kölner Apotheker Dirk Vongehr, der seit den Neunzigerjahren Inhaber der Paradies-Apotheke ist, die an der Severinstraße liegt. „Früher gab es fast in jedem Bezirk, sogar fast für jeden Stadtteil einen Notdienst. Da gab es pro Tag fast 15 diensthabende Apotheken. Das hat sich alles sehr ausgedünnt.“ Von Montag auf Dienstag waren es im Vergleich dazu in ganz Köln fünf.
„Wie oft Kunden kommen, ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Wir sind während eines Notdienstes für mindestens 70.000 Kölnerinnen und Kölner verantwortlich, und das ist nicht in Ordnung“, sagt er. Insbesondere am Wochenende sei die Lage angespannt. An einem Sonn- oder Feiertagsdienst kommen laut Vongehr rund 300 Leute zu ihm. „Wenn die Leute Pech haben, stehen sie dann eine halbe Stunde in der Schlange.“ Hinzu komme das Telefon, das „konstant klingelt“, weil Kundinnen und Kunden beraten werden wollen.
Einerseits freue er sich als Geschäftsmann darüber, wenn in seinem Laden reger Betrieb herrscht. Andererseits sei eine ausführliche Beratung oft aus Zeitmangel nicht möglich und die Arbeitsbelastung für ihn und sein Team erhöhe sich. „Wir müssen mindestens zu zweit sein und können nicht nur durch die Notdienst-Klappe bedienen, sondern müssen die Apotheke aufmachen.“
Den Grund für die Lage sehe er nicht nur in den schwindenden Apotheken. „Die Hausarztpraxen sind voll und es gibt erheblich weniger Notfall-Arztpraxen.“ Weil es weniger ärztliche Hilfe gebe, würden vermehrt die Apotheken angesteuert. „Uns sind in den meisten Fällen aber die Hände gebunden, schließlich sind wir keine Ärzte. Trotzdem kommt es immer wieder zu Diskussionen mit den Kunden, die Zeit kosten.“
Weite Anfahrtswege für benötigte Medikamente
Auch laut Dr. Anne Kelterbaum, Inhaberin der Rosen Apotheke in Dellbrück, sei die Arbeitsbelastung gestiegen. „Ich habe das Glück, dass ich mir die Dienste mit vier Personen aufteilen kann. Aber es gibt auch Apotheken, die von einem Apotheker oder einer Apothekerin alleine bespielt werden.“
Kundinnen und Kunden würden ihr zudem von weiten Wegen berichten: „Es kommt nicht selten vor, dass Kundinnen und Kunden mit dem Taxi vorbeikommen müssen, wenn wir Notdienst haben. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist es ja gerade nachts oder an Sonn- und Feiertagen eher schwierig.“ Bei den betroffenen Personen handele es sich vor allem um ältere Personen, die in anderen Bezirken leben.
Die Anliegen, mit denen sich Dr. Kelterbaum während eines Notdienstes auseinandersetzt, variieren: „Ich habe mal um 4.30 Uhr eine ausführliche Beratung am Telefon zum Thema Tabletten gegen Reiseübelkeit gegeben. Da fragt man sich natürlich schon, ob das um diese Uhrzeit relevant ist.“ Gerade in hochfrequentierten Nächten fallen solche Fälle laut der Apothekerin negativ ins Gewicht.
„Klassische Notfälle sind insbesondere akut benötigte, ärztlich verordnete Arzneimittel“, erklärt der AKNR-Sprecher. „Gleichzeitig erleben Apotheken auch Inanspruchnahmen, die nicht dringlich sind. Wer Kosmetik und Nahrungsergänzungsmittel nachts kauft, verwechselt ‚Late Night Shopping‘ mit Notdienst.“ Die Kammer wünsche sich in solchen Fällen mehr Rücksichtnahme.

Bundesweit protestierten Apotheken in der vergangenen Woche für eine höhere Vergütung.
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Damit nicht noch mehr Apotheken schließen, sei die Erhöhung des Honorars, das die Apotheken pro eingelöstem verschreibungspflichtigem Medikament verdienen, laut Dr. Kelterbaum eine wichtige Stellschraube. Auch ihre Apotheke hatte sich an den bundesweiten Protesten beteiligt, die eine Anpassung fordern.
„Die seit Jahren überfällige Honorar-Anpassung beim Fixum könnte es für junge Apothekerinnen und Apotheker wieder attraktiver machen, eine Apotheke zu übernehmen“, sagt der AKNR-Sprecher. „Wo das nicht der Fall ist, gehen in einer Apotheke für immer die Lichter aus – mit den entsprechenden Folgen für die Menschen rundherum, gerade auch im Notdienst.“
