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Täter statt Betroffene in der VerantwortungDas sagen Frauenzentren in Rhein-Sieg zu „Nur ja heißt ja“

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ARCHIV - 08.03.2025, Nordrhein-Westfalen, Köln: Bei einer Demo anlässlich des Internationalen Frauentages trägt eine Teilnehmerin eine Stofftasche mit der Aufschrift "Nur ja heisst ja". 67 Prozent der Deutschen würden es einer Umfrage zufolge positiv oder eher positiv bewerten, wenn jede sexuelle Handlung ohne ausdrückliche Einwilligung unter Strafe gestellt werden würde. (zu dpa: «Umfrage: Zwei Drittel für «Nur Ja heißt Ja» im Sexualstrafrecht») Foto: Christoph Reichwein/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Bei einer Demo anlässlich des Internationalen Frauentages trägt eine Teilnehmerin eine Stofftasche mit der Aufschrift „Nur ja heisst ja“ (Archivbild)

Eine Reform des Sexualstrafrechts wäre entscheidend für Betroffene, berichten die Frauenzentren in Troisdorf und Bad Honnef.

„Nur ja heißt ja“ statt „nein heißt nein“. Mehr als zwei Drittel der Abgeordneten im EU-Parlament haben für eine einheitliche strafrechtliche Definition von Vergewaltigung gestimmt. Damit daraus EU-Recht wird, muss die Kommission einen Gesetzesvorschlag machen und die Mitgliedsstaaten im Europäischen Rat zustimmen. Daran scheiterte der letzte Vorstoß 2024.

Aber was würde sich durch „Nur ja heißt ja“ überhaupt ändern? Für die Frauen, die sie tagtäglich berät, würde diese Definition einen enormen Unterschied machen, so Laura Ufer vom Frauenzentrum Troisdorf. „Im Gegensatz zu ‚nein heißt nein‘ wird die Verantwortung so endlich von den Betroffenen weggenommen und das auch juristisch verankert.“ 

Nicht immer sind Betroffene einer Vergewaltigung in der Lage, sich aktiv zu wehren

In Schweden, Italien, Belgien, Dänemark, Griechenland und seit 2025 auch Frankreich (wofür auch der Fall von Giselle Pelicot ausschlaggebend war) gilt bereits, dass beim Sex die klare Zustimmung aller Beteiligten deutlich sein muss. In Deutschland kann ein Täter nur dann verurteilt werden, wenn die vergewaltigte Person „nein“ gesagt hat oder dieses Nein anderweitig erkennbar war, beispielsweise durch Weinen oder Wegdrücken des Täters. 

Das ist oft aber nicht möglich, erklärt Laura Ufer vom Troisdorfer Frauenzentrum. Bei einer Vergewaltigung oder einem sexuellen Übergriff würden die Betroffenen nicht selten in einen dissoziativen Zustand geraten. „Der Schutzmechanismus der Psyche ist dann oft, sich vom Körper abzuspalten; und dann ist es gar nicht mehr mölich, sich körperlich zu wehren.“

Manche Betroffene sind wie gelähmt und kriegen kein Wort über die Lippen, weil der Körper im Notfallmodus ist und es um das pure Überleben geht.
Katharina Diatara, Frauenzentrum Bad Honnef

Das schildert auch Katharina Diatara, die als Fachkraft für Hilfe nach sexualisierter Gewalt für das Bad Honnefer Frauenzentrum arbeitet. „Manche Betroffene sind wie gelähmt und kriegen kein Wort über die Lippen, weil der Körper im Notfallmodus ist und es um das pure Überleben geht.“ Sie habe auch schon einen Fall gehabt, wo eine Frau unter Schlafmitteln stand und ihr Ehemann dies ausnutzte. „Auch, wenn eine Frau wegen körperlicher Unterlegenheit eine Vergewaltigung über sich ergehen lässt, würde es jetzt noch vor Gericht heißen, selbst schuld.“

Ohnehin würden sich viele Betroffene nach einem Übergriff schuldig fühlen und sich fragen, was sie hätten anders machen können, berichten beide Mitarbeiterinnen der Frauenzentren. „Nur ja heißt ja“ würde die Schuld dahin platzieren, wo sie hingehört: Verantwortlich ist immer die Person, die den Übergriff begangen hat. „Das ist das, was wir den betroffenen Frauen in der Beratung mitgeben wollen – wo aber die Rechtsprechung oft eine andere Sprache spricht“, so Katharina Diatara.

Die aktuelle Rechtslage führt im Endeffekt dazu, dass es super wenige Verurteilungen und auch Anzeigen gibt.
Laura Ufer, Frauenzentrum Troisdorf

Aktuell seien die Betroffenen vor Gericht in der Pflicht, nachzuweisen, dass sie ihre Ablehnung detlich gemacht haben. „Nur Ja heißt ja“ würde bedeuten, dass der Täter nachweisen muss, dass er nach Einverständnis gefragt hat. „Die aktuelle Rechtslage führt im Endeffekt dazu, dass es super wenige Verurteilungen und auch Anzeigen gibt“, sagt Laura Ufer. Sehr häufig erlebe sie in den Beratungen, dass Betroffene keine Anzeige erstatten.

Grund sei, dass die Gerichtsverfahren für die Betroffenen, die ohnehin oft Scham empfinden oder traumatisiert sind, sehr hart sei, da sie jeden Schritt des Übergriffs genau beschreiben und erklären müssen, wann sie „nein“ gesagt haben. Dazu kommt, dass diese Prozesse oft öffentlich sind. „Und wenn Frauen doch Anzeige erstatten und wir denken, das ist ein ganz klarer Fall, kommt es oft nicht zur Verurteilung“, sagt Katharina Diatara.

Maren Diekmann, Ilka Labonté, Lisa Schulte und Christine Hütten (v.l.) von den Frauenzentren Troisdorf und Bad Honnef stellten die RSVG-Bus-Kampagne "Nur ja heißt ja" vor.

Schon 022 beteiligten sich die Frauenzentren Bad Honnef und Troisdorf an einer Kampagne zu „Nur ja heißt ja“.

Eine Reform des Sexualstrafrechts könne auch gesellschaftlich zu einem Umdenken beitragen. „Noch immer wird die Schuld oft auf die Betroffenen geschoben - deswegen wollen wir ein ‚Ja heißt ja‘“, so Diatara. Um darauf aufmerksam zu machen, haben sich sich die Frauenzentren in Rhein-Sieg an einer Kampagne zu „Nur Ja heißt ja“ beteiligt. In diesem Rahmen verteilten sie Plakate mit Sätzen wie: „Ein Outfit ist kein Ja“, oder „Eine Beziehung ist kein Ja.“ 

Frauenzentren in Troisdorf und Bad Honnef: Mehr Aufklärung über Konsens ist dringend nowendig

Gegenstimmen zu „Nur Ja heißt ja“ argumentieren, es sei schwer umsetzbar, immer einen sexuellen Konsens herzustellen. „Ich verstehe nicht, warum bei dieser Diskussion so viel darüber gesprochen wird, wie schwierig es für einen potenziell übergriffigen Mann sein kann, wenn er sich erst das Einverständnis einholen muss“, sagt Katharina Diatara. „Das steht in keinem Verhälnis zu den Kosten, die eine Betroffene tragen muss, wenn dieser Konsens nicht hergestellt wird.“

Viele Frauen würden sich außerdem nicht trauen, „nein“ zu sagen, wenn sie beispielsweise von ihrem Parter bedroht werden. „Letztens war auch eine Frau in der Beratung, die gar nicht wusste, dass sie auch in einer Ehe nein sagen kann“, berichtet Katharina Diatara. „Das muss einfach aufgebrochen werden.“ 

Hier müsse man in der Aufklärung Jugendlicher früh ansetzen, sagt Laura Ufer. Das Troisdorfer Frauenzentrum hat dazu das Präventionsprojekt „Liebe ist...“ initiiert. „Hier befassen wir uns gemeinsam mit Jugendlichen damit: Was ist überhaupt Einverständnis und welche Möglichkeiten gibt es, das einzuholen?“

Sind Jugendliche, was das betrifft, mittlerweile aufgeklärter als ihre Elterngeneration? „Ich glaube, da geht die Schere total auseinander“, sagt Katharina Diatara. „Vielen ist schon in jungem Alter klar, wo ihre Grenzen liegen und wie sie die kommunizieren können. Andere haben sehr wenige Abgrenzungsmöglichkeiten“.