Abo

Interview

„Der Bär mir die Arme zerbissen“
Tierfilmer Andreas Kieling über seine prägendsten Erlebnisse in der Wildnis

4 min
Andreas Kieling hält eine Würgeschlange.

Andreas Kieling (66) filmt unter anderem für das ZDF.  

Vor seiner Show am 24. Februar im Theater am Tanzbrunnen erzählt der Abenteurer, welche Erlebnisse ihn besonders geprägt haben. 

Er wurde von einer schwarzen Mamba gebissen und von Bären attackiert: Seit Jahrzehnten macht Andreas Kieling (66) Naturfilme, unter anderem für „Terra X“. Die für ihn bedeutendsten Aufnahmen zeigt er im Rahmen eines Bühnenprogramms im Theater am Tanzbrunnen.

Herr Kieling, Sie sind seit 35 Jahren professioneller Tierfilmer. Wie hat damals alles angefangen?

Ich war als junger Mann Förster in der Eifel und hatte während meiner Revierzeit fast immer eine Filmkamera dabei. Wenn man noch weiter zurückgeht, war ich schon seit Kindheitstagen Fan von Professor Grzimek und Heinz Sielmann, und ich wollte immer Tierfilmer werden.

Sie sind in Gotha geboren und 1976 auf dramatische Weise aus der DDR geflüchtet, dabei durch die Donau geschwommen und beschossen worden. Prägen solche Momente die eigene Bereitschaft, Wagnisse einzugehen?

Auf jeden Fall habe ich seitdem diese Bereitschaft, Risiken einzugehen und draußen in der Natur die Zähne zusammenzubeißen. Nach meiner Ankunft im Westen habe ich direkt meine Abenteuer weitergeführt, indem ich mehrere Jahre zur See gefahren bin. Das war für mich der Beginn eines abenteuerlichen Lebens, und daraus entstand mein Fernweh.

Wie kam es dazu, dass Sie sich für Alaska als Ihr Spezialgebiet entschieden haben?

Ich habe viel im Ausland gearbeitet, unter anderem in China und Indien. 1990, als der Gedanke reifte, Tierfilmer zu werden, fragte ich mich: Auf welchem Kontinent kann ich überhaupt noch Fuß fassen? Die BBC war weltweit sehr stark vertreten. Da kam mir dann Alaska in den Sinn. Ein Jahr später habe ich dort eine wahnsinnig aufregende Tour gemacht, bin dreitausend Kilometer mit einem Kanu, meiner Freundin und meinem Hund den Yukon River runtergepaddelt. Dieses Land, diese Wildheit haben mich vollkommen in den Bann gezogen.

Daraus sind dann 27 Jahre geworden, die sie in Alaska gefilmt haben. Was haben Sie dort erlebt, und was waren Ihre schönsten Momente?

Meine Leidenschaft sind Filme über große, charismatische Tiere des Nordens, über Grizzlybären, Elche, Karibus und Wölfe. Für mich konnte es nie kalt und menschenabweisend genug sein. Dabei ist nur die Einsamkeit wirklich schlimm. Sie müssen sich vorstellen, Sie sind irgendwo im Norden Alaskas. Ein Buschpilot setzt Sie ab und sagt: „In einem Monat bin ich wieder da und bringe neue Lebensmittel -  je nach Wetterlage auch eine Woche später.“ Dann sind Sie da allein und stellen am Verhalten der Tiere fest, dass diese offenbar noch nie Kontakt mit einem Menschen hatten. Das hat fast etwas Berauschendes und kann einen emotional zu Tränen rühren.

Sie haben viele weitere Kontinente bereist. Hat sich ihr Blick auf die Welt mit den Jahren in unberührter Natur verändert?

Natürlich. Am Anfang war nur großes Staunen – zum Beispiel im Angesicht einer Herde Elefanten, oder Auge in Auge mit einem Berggorilla. Später stellt man fest: Die Lebensräume für große Wildtiere sind in den letzten Jahrzehnten sehr geschrumpft. Für die Tiere ist der fehlende Schutz der Lebensräume deutlich schlimmer als die Erderwärmung – mit Letzterem kommen sie meistens zurecht.

Auf Ihre eigene Gesundheit haben Sie auf Ihren Reisen oft kaum Rücksicht genommen. Warum macht man so etwas, und gab es auch mal Zweifel?

Ich erlebe immer wieder auf Tour, dass Menschen zu mir kommen und sagen, sie hatten eigentlich das Gleiche in ihrem Leben vor wie ich. Ich bin diesen anderen Weg gegangen, und habe das erlebt, wovon ich als Junge beim Lesen von Jack London-Romanen geträumt habe. In vielen Situationen war ich selbst schuld an meinem Dilemma, zum Beispiel 2023, als mich ein Bär in den Karpaten fast getötet hat. Ich habe mich auf der Pirsch nach einem Vogel viel zu leise verhalten und der Bär hat dies als Bedrohung aufgefasst, hat mir die Arme zerbissen und mir die Kopfhaut runtergerissen. Ich bin dennoch der Meinung: Mit dem richtigen Verhalten kann man fast jedem Tier nahekommen, und daher habe ich kaum Zweifel an meiner Neugierde auf die Natur.

Haben Sie einen Plan, wie lange Sie diese Abenteuer noch erleben wollen?

Solange mich das ZDF noch weiter Filme machen lässt, mache ich auch weiter. (lacht) Schon seit 30 Jahren kommen junge Menschen zu meinen Shows, die mir hinterher erzählen, dass sie wegen mir Zoologie oder Umwelttechnik studiert hätten. Also habe ich offenbar positive Spuren hinterlassen. Im Endeffekt sind meine Filme Berichte aus einer Welt, die den meisten Menschen verborgen bleibt und welche die meisten wohl auch gar nicht erleben wollen. Ich schätze, nach meiner Show gehen viele nach Hause und sagen sich: „Wahnsinn, dass der noch lebt!“.


Tickets für die Show am 24. Februar  im Theater am Tanzbrunnen gibt es ab rund 59 Euro online.