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„Köln ist so viel besser als das!“Schüsse in der Innenstadt – Wie sicher fühlen sich die Kölner noch?

6 min
21.10.2026, Köln: In Köln sind erneut Schüsse gefallen. In der Breite Straße in der Kölner Innenstadt wurden am Mittwochmorgen (21. Oktober) gegen 3.52 Uhr mehrere Schüsse auf ein Fachgeschäft für hochwertige Uhren abgegeben. Die Polizei ermittelt. Foto: Arton Krasniqi

Am Mittwochmorgen sind erneut Schüsse in der Breite Straße gefallen. Geschäftsleute sind besorgt.

Die Schuss-Serie beschäftigt nicht nur die Polizei. Anwohner und Geschäftsleute schwanken zwischen Sorge und Schulterzucken. Und dann sind da noch ganz andere Probleme.

Die von Schüssen zerborstene Scheibe ist längst entfernt. Weiße Spanplatten verdecken den Schaden an der Fassade des Luxusmodegeschäfts Apropos auf der Mittelstraße. Darauf steht in großen Lettern: „Köln ist so viel besser als das!“

Vor etwas mehr als einer Woche haben Unbekannte auf die beiden Filialen des Luxusmodegeschäfts Apropos gefeuert. Der Vorfall reiht sich ein in eine lange Serie von Attacken. Am Mittwochmorgen traf es ein Uhrengeschäft auf der Breite Straße – und das bereits zum dritten Mal. Insgesamt 34 Vorfälle zählt die Polizei in und um Köln seit Pfingsten.

„Schüsse kommen dann noch obendrauf“

Die Ermittlungen führen in unterschiedliche Milieus: in die türkische organisierte Kriminalität, unter anderem zu den sogenannten Daltons, und in die Rockerszene. Nicht alle Fälle hängen zwangsläufig zusammen; in einzelnen Fällen könnten auch private Konflikte abseits der organisierten Kriminalität eine Rolle spielen.

Als verbindendes Muster mehrerer Taten gilt „Violence as a Service“: Hintermänner lassen gegen Bezahlung junge Menschen Anschläge ausführen, die häufig weder Opfer noch Auftraggeber kennen. Bekannt wurde die Methode im Zusammenhang mit dem sogenannten Kölner Drogenkrieg 2024.

Die kaputte Fensterfront wurde bei „Apropos“ mit einer deutlichen Botschaft bestückt.

Die kaputte Fensterfront wurde bei „Apropos“ mit einer deutlichen Botschaft bestückt.

Doch die Serie von Schüssen, Brandsätzen und Explosionen vor Geschäften und Häusern beschäftigt nicht nur die Polizei. Hört man sich in der Kölner Innenstadt um, zwischen Mittelstraße und Breite Straße, bei Geschäftsleuten, Anwohnern und Menschen, die hier einkaufen gehen, trifft man zwar nach wie vor auf viel kölsche Gelassenheit, aber auch auf Sorgen und jede Menge Frust – der allerdings häufig wenig mit der Schuss-Serie zu tun hat.

„Das hier sollte eigentlich die schönste Einkaufsstraße Kölns sein – und dann das“, sagt etwa die Verkäuferin eines Damenmodegeschäfts. Der kleine, eigentümergeführte Laden hat erst vor wenigen Wochen eröffnet. Ein paar Tage später fielen Schüsse auf ein Geschäft wenige Häuser weiter. „Die Kunden sprechen uns darauf an, auch hier in der Nachbarschaft ist das natürlich ein großes Thema“, sagt die Frau. „Wirklich nicht schön.“ Gerade mit Anbruch der dunklen Jahreszeit würden die Sorgen noch größer, sagt sie: „Da fragt man sich schon öfter: Wer ist der Mann, der da vor dem Laden in der Dunkelheit steht?“ Doch die Schüsse in der Nachbarschaft seien nicht das Hauptproblem – auch die Obdachlosen- und Drogenszene auf der Straße sei immer wieder ein Thema.

Frust über Drogen und Dreck

So sieht das auch die Verkäuferin ein paar Häuser weiter. „Klar wird über die Schüsse geredet, es kursieren viele Gerüchte“, sagt die Frau, die wie ihre Kollegin nicht namentlich genannt werden will. Angst habe sie deswegen aber nicht. Sorgen machten ihr ganz andere Dinge: „Ich arbeite seit 20 Jahren hier auf der Mittelstraße. Jeden Tag komme ich mit der Straßenbahn hier an, und an der Haltestelle riecht es nach Kot. Wir haben hier Obdachlose, die vor dem Geschäft übernachten und zunehmend aggressiv reagieren. Dazu die ganzen Drogen.“ Manche Kundinnen und Kunden führen zum Einkaufen mittlerweile lieber nach Düsseldorf. Sie zeigt mit der Hand die Straße hinunter: „Kein Wunder, dass viele Läden schließen.“ Die Schüsse, sagt sie, „die kommen dann noch obendrauf.“

Was man dagegen tun könnte? „Mehr Polizeipräsenz wäre schon mal gut“, sagt eine Verkäuferin. Die andere regt an, dass sich die ganze Straße zusammensetzen und gemeinsam Forderungen an die Stadt formulieren solle. Zum Beispiel? „Auf jeden Fall muss das Müllproblem gelöst werden“, sagt sie.

Auch auf der Mittelstraße sind bereits Schüsse zwei Geschäfte gefallen.

Auch auf der Mittelstraße sind bereits Schüsse zwei Geschäfte gefallen.

Polizeipräsident Johannes Hermanns sieht keine allgemeine Gefährdung der Kölner Bevölkerung. „Nach unseren Erkenntnissen richten sich die Schüsse bisher gegen bestimmte Personen oder Betriebe, nicht wahllos gegen die Bevölkerung. Eine allgemeine Gefährdung für die Kölnerinnen und Kölner sehe ich nicht.“ Zugleich betont er: „Dass diese Taten dennoch Sorgen auslösen und ein ganzes Viertel verunsichern können, nehme ich sehr ernst. Wer auf bewohnte Gebäude schießt, kann nicht kontrollieren, wen oder was er trifft.“ Dass bei den Schüssen bislang niemand verletzt worden sei, sei auch Glück, sagt Hermanns. „Darauf verlassen wir uns aber nicht. Deshalb behandeln wir jeden einzelnen Fall mit höchster Priorität. Wir setzen alles daran, die Täter zu ermitteln und weitere Angriffe zu verhindern.“

Ähnlich äußert sich Innenminister Herbert Reul: „Wir müssen verstehen, welche Strukturen dahinterstecken, wie die Täter planen und agieren und wer im Hintergrund die Strippen zieht. Daran arbeiten die Ermittler. Für Panik gibt es keinen Grund. Aber wir müssen genau hinschauen und die Entwicklung ernst nehmen.“

Ein paar Straßen weiter sind an der Fassade des Uhrengeschäfts auf der Breite Straße die Einschusslöcher noch deutlich zu sehen. Am Mittwochmorgen wurde zum dritten Mal in kurzer Zeit auf das Geschäft geschossen; die Polizei nahm zwei Männer im Alter von 42 und 18 Jahren fest, die für die Schüsse verantwortlich sein sollen. Ein dritter Verdächtiger befindet sich noch auf der Flucht.

Einen Tag später machen Passanten immer wieder Halt vor dem Laden. Ein Touristenpaar aus Japan unterhält sich aufgeregt über die Einschusslöcher. Im Gespräch zweier Männer, die an dem Geschäft vorbeilaufen, fällt das Wort „Erpressung“.

Eine Store-Managerin eines Juweliergeschäfts direkt gegenüber sagt: „Man macht sich schon Gedanken, auch Sorgen. Man versucht es aber auch ein bisschen wegzuschieben, weil man darauf ja auch keinen Einfluss hat. Aber nichtsdestotrotz beschäftigt einen das schon“, sagt die Frau.

Auch unter den Menschen, die hier und auf der Mittelstraße einkaufen gehen, trifft man auf Sorgen – aber auch auf viel kölsche Gelassenheit. Von den Schüssen habe er gehört, sagt ein älterer Mann, der gerade bei einem Juwelier vorbeigeschaut hat. „Nicht toll, dass so was jetzt hier zum Alltag gehört. Aber Angst hab ich keine. Mir wird schon nichts passieren beim Einkaufen“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

Monika Kerscher kommt nach wie vor gerne nach Köln zum Shoppen.

Monika Kerscher kommt nach wie vor gerne nach Köln zum Shoppen.

Lena Kuhn, 26, die in der Innenstadt lebt, sagt: „Wenn man das liest und hört, dann irritiert einen das schon, dass so was hier in Köln passiert. Aber es ändert jetzt nichts an meinem Sicherheitsempfinden.“ Tagsüber fühle sie sich wohl, nachts sei sie als Frau ohnehin wachsamer unterwegs. Was die Schüsse angeht, wünscht sie sich mehr Transparenz von der Polizei: „Wenn man besser wüsste, was dahintersteckt, würde das viele Menschen eher beruhigen, glaube ich.“

Ähnlich sieht das Monika Kerscher, 61 Jahre alt. Sie ist in Köln aufgewachsen, wohnt mit ihrem Mann aber schon lange in Berlin. Für ein paar Tage ist sie wieder in ihrer Heimat zu Besuch. „Und ich komme weiterhin gerne in die Innenstadt.“ Ob sie etwas von den Schüssen gehört habe? „Schüsse haben wir auch in Berlin“, sagt ihr Mann und winkt ab. Natürlich, sagt Kerscher: „Solche Nachrichten lassen einen schon stutzen, keine Frage. Aber ich fühle mich trotzdem sicher. Ich bin in der Keupstraße in Mülheim aufgewachsen“, sagt Kerscher. „Da ist man so einiges gewohnt.“