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„Zustände belasten alle“Das sagt Kölns Pfarrer Dominik Meiering zum Suchthilfezentrum

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Pfarrer Dominik Meiering

Pfarrer Dominik Meiering

Die Debatte um ein Suchthilfe am Perlengraben wird hochemotional geführt. Sorgen der Anwohner steht die Verelendung der Drogenszene am Neumarkt gegenüber. Innenstadtpfarrer Dominik Meiering ruft in einem Gastbeitrag zur Versachlichung auf.

Alle sagen: wir müssen endlich etwas tun, wir müssen helfen – aber bitte nicht vor meiner Haustüre.“ Diese Haltung begegnet mir in vielen Gesprächen zur aktuellen Diskussion um ein Drogen- und Suchthilfezentrum im Pantaleonsviertel. Ich halte sie für verständlich – und zugleich für eine Haltung, mit der wir nicht weiterkommen und am Ende niemandem geholfen ist.

Als Innenstadtpfarrer der katholischen Kirche unterstütze ich den von Oberbürgermeister Burmester angestoßenen Vorschlag, ein solches Zentrum einzurichten und an einem Suchthilfeprojekt nach dem Beispiel von Zürich weiterzuarbeiten und die Erfahrungen u.a. aus der Schweiz auf die Situation hier vor Ort anzupassen. Nicht aus Naivität, sondern aus Verantwortung für diese Stadt und für die Menschen, die in ihr leben – in ganz unterschiedlichen Rollen und Betroffenheiten.

Natürlich sind die Sorgen der Kritiker ernst zu nehmen. Anwohnerinnen und Anwohner fragen sich, ob sich ihre Wohnsituation verschlechtern wird. Geschäftsleute befürchten eine Belastung für den ohnehin angespannten Innenstadtbereich. Eltern und Lehrpersonen sorgen sich um die Sicherheit ihrer Kinder. Diese Fragen, wie sie unter anderem beim Informationsabend zum geplanten Suchthilfezentrum gestellt wurden, sind legitim. Niemand darf sie einfach vom Tisch wischen oder moralisch abwerten. Wer hier lebt oder arbeitet, hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Unkoordinierte Zustände

Gleichzeitig dürfen wir nicht so tun, als würden die Probleme jetzt erst durch die Planung des Hilfezentrums entstehen. Die Realität von Sucht, offenem Drogenkonsum, Verwahrlosung und Beschaffungskriminalität ist längst Teil unserer Innenstadt. Sie verschwindet nicht dadurch, dass man sie ignoriert. Im Gegenteil: Unkoordinierte Zustände belasten alle – die betroffenen suchtkranken Menschen selbst ebenso wie Anwohnende, Passanten und Einsatzkräfte.

Das geplante Zentrum verfolgt einen Ansatz, der nach meinem Dafürhalten seit langem zum ersten Mal genau diese Realität ernst nimmt. Dabei geht es nicht um ein romantisierendes Bild von Hilfe, sondern um Struktur, Verlässlichkeit und klare Zuständigkeiten. Die Unterstützung von suchtkranken Menschen durch sicheren Konsum, begleitet von Beratung, Therapieangebot und medizinischer Betreuung geht Hand in Hand mit dem Zurückdrängen öffentlichen Konsums und der damit verbundenen Verwahrlosung der Innenstadt. Prävention, medizinische und soziale Unterstützung, aber auch Kontrolle und Durchsetzung von Regeln gehören zusammen. Nur wenn Hilfsangebote gebündelt, ansprechend, szenenah und erreichbar sind und gleichzeitig Ordnungsbehörden, Polizei und Justiz eingebunden bleiben, kann eine spürbare Entlastung entstehen – für die Betroffenen ebenso wie für den öffentlichen Raum.

Als katholische Kirche bringen wir in diese Debatte eine lange Erfahrung ein. Die katholische Kirche ist ebenso wie viele andere Hilfeleistende in der Kölner Innenstadt seit vielen Jahren engagiert: in der Suchthilfe, in der Beratung, in der Seelsorge, durch niederschwellige Aufenthalts- und Übernachtungsangebote, durch soziale Einrichtungen und durch haupt- und ehrenamtliche Menschen, die täglich präsent sind. Diese Arbeit geschieht nicht bloß aus weltfremdem Idealismus, sondern aus der Erfahrung, dass Hilfe dann besonders wirksam ist, wenn sie realistisch und konkret ist, wenn sie verlässlich begleitet wird und wenn Grenzen und Spielregeln klar sind.

Der Wirklichkeit stellen

Christlicher Glaube heißt für mich nicht, Konflikte zu übergehen oder Ängste kleinzureden. Er heißt, sich der Wirklichkeit zu stellen – besonders dort, wo sie unbequem ist. Er heißt, das Wohl der ganzen Stadt im Blick zu behalten: der Schwächsten ebenso wie derer, die sich Sorgen um ihre Nachbarschaft machen. Deshalb werbe ich für eine sachliche, faire und respektvolle Debatte. Nicht jede Kritik ist grundsätzliche Ablehnung. Und nicht jede Unterstützung ist Blauäugigkeit. Entscheidend ist, dass wir bereit sind, Verantwortung gemeinsam zu tragen. Ein Drogen- und Suchthilfezentrum ist insbesondere angesichts der dynamischen Entwicklung in der Drogenszene kein Allheilmittel. Aber es kann ein wichtiger Schritt sein, Probleme geordnet anzugehen, statt sie weiter treiben zu lassen, Menschen in Not konkret zu helfen, statt bei ihrer Verwahrlosung weiter zuzusehen und einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung in der Innenstadt zu leisten.

Wenn wir sagen, „da muss etwas passieren“, dann sollten wir auch den Mut haben, diese Veränderung zuzulassen – gut begleitet, transparent und im Dialog. Alles andere wäre ein bequemes Wegschieben. Und das kann sich eine Stadt wie Köln auf Dauer nicht leisten.