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Emotionale Debatte in KölnTumultartige Szenen bei Infoveranstaltung zu Suchthilfezentrum

6 min
Bis auf den letzten Stehplatz besetzt war die Aula des Berufskollegs Perlengraben.

Bis auf den letzten Stehplatz besetzt war die Aula des Berufskollegs Perlengraben.

450 Anwohner diskutieren emotional über das geplante Zentrum am Perlengraben. Die Stadt verweist auf das Zürcher Erfolgmodell und die Notwendigkeit der Hilfe für Schwerstabhängige. Der Stadtrat entscheidet am 5. Februar.

Die Wogen schlugen hoch, schon nach den ersten Sätzen von Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD), und dem platzte nach massiven Zwischenrufen und lautem Lachen aus dem Publikum dann der Kragen. Einleitend hatte er erklärt, dass er mit Anwohnenden am Neumarkt gesprochen habe, die geweint hätten, und dass er suchtkranken Menschen begegnet sei, in deren Wunden an den Beinen Maden genistet hätten. Rufe wie „weinen können wir auch“ und „oooch“ waren gleich zu Anfang der absolute Tiefpunkt der Infoveranstaltung zum geplanten Suchthilfezentrum (SHZ) am Perlengraben, zu der 450 Anwohner und Interessierte gekommen waren. Burmester stellte mit Blick auf die Zwischenrufer unmissverständlich klar: „Ich werde nicht dulden, dass auf den Straßen dieser Stadt weiter solche Verhältnisse herrschen und solche Dinge geschehen!“

Geplantes Suchthilfezentrum sorgt für Unmut

Mit dem OB stellten sich Polizeipräsident Johannes Hermanns und Sozialdezernent Harald Rau den Fragen des Publikums. Rund 150 Menschen mussten draußen bleiben, weil die Aula der Berufskollegs Perlengraben aus Brandschutzgründen nur für 450 Personen zugelassen ist. Über 1500 Menschen waren über den städtischen Live-Stream dabei. Vor dem Berufskolleg demonstrierten Anwohner und Kinder mit Transparenten, auf denen stand: „Spielen statt Drogen“ oder „Tausende Schüler vor Drogen schützen“. Sechs Schulleiter hatten sich im Vorfeld in einem Brief an den OB gegen den Standort des geplanten SHZ ausgesprochen, der im nahen Umfeld ihrer Schulen liegt.

Mit Fragen und Emotionen wurde OB Torsten Burmester konfrontiert

Mit Fragen und Emotionen wurde OB Torsten Burmester konfrontiert

Standort und Bauweise des SHZ

Das Hilfsangebot soll auf einer brachliegenden Spielfläche zwischen Perlengraben und Wilhelm-Hoßdorf-Straße in Container- oder Modulbauweise entstehen. Es soll einen eingezäunten sichtgeschützten Außenbereich haben und von rund 180 Menschen gleichzeitig an allen Tagen des Jahres rund um die Uhr genutzt werden können. Neben Konsumräumen für Heroin und Crack sind Ruheplätze, Aufenthaltsräume, die Ausgabe von Essen und Getränken zum Selbstkostenpreis, die Möglichkeit, zu duschen und Wäsche zu waschen sowie medizinische Versorgung und Sozialberatung geplant. Vorbild ist das Zürcher Modell, durch das die offene Drogenszene dort seit 30 Jahren in derzeit vier städtische Suchthilfezentren verlagert wird und mit dem die Verelendung schwerstabhängiger Menschen zumeist verhindert wird.

Diskussion über Standortauswahl

Bei der Vorstellung des Hilfemodels gab es auch im weiteren Verlauf immer wieder Buhrufe, aber auch beipflichtenden Applaus und viele sachliche Fragen. Sie begleiteten die Ausführungen zu den drängendsten Themen, die Anwohnende in 400 Mitteilungen online an die Stadt benannt hatten und die auch das Publikum sichtlich bewegten. Wie etwa: „Warum hier und nicht woanders?“

Der Standort habe sich unter zehn geprüften Flächen als der einzig geeignet erwiesen, führt Burmester aus. Kriterien wie etwa kurzfristige Verfügbarkeit, Größe und die Nähe zum Neumarkt seien entscheidend gewesen. „Die Stellungnahmen der beteiligten Ämter zur Standortwahl hätte ich gerne schriftlich“, forderte Andreas Zittlau, Sprecher der Ende Dezember gegründete IG Pantaleonsviertel, die 350 Mitglieder habe, unter lautstarkem Applaus (siehe Infotext). Zwischenrufer forderten, das Zentrum „auf dem Kalkberg“ oder auf dem Neumarkt zu errichten, „da gibt es kaum Schulen und kein Wohnviertel mit Familien.“

Hilfsmaßnahmen für schwerstabhängige Menschen

„Das Suchthilfezentrum soll schwerstabhängigen Menschen helfen und gleichzeitig Ihr Viertel entlasten. Ich sehe die Spritzen doch hier auch. Im Moment werden die Menschen vom Neumarkt ins Severinsviertel und andere Wohngebiete vertrieben“, sagte der OB, bevor er den Staffelstab an den Sozialdezernenten weitergab. „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wäre das eine Gesellschaft ohne Drogen. Sucht ist etwas Fürchterliches – für die Betroffenen, das familiäre Umfeld und den öffentlichen Raum“, holte dieser mit seinem Statement die Menschen hörbar nicht ab, es wurde mit ironischen Zwischenrufen quittiert. „Wenn wir ein Hilfezentrum schaffen, das auf die Bedürfnisse suchtkranker Menschen ausgerichtet ist und sich in der Nähe der Szene am Neumarkt befindet, werden sie es auch für längere Aufenthalte nutzen“, erklärte Rau. „Das ist im Drogenkonsumraum am Neumarkt nicht möglich.“ Und: Auch in Frankfurt, Hamburg, Berlin und Düsseldorf würden Hilfezentren in den Innenstädten geplant oder umgesetzt.

Infoabend zum geplanten Suchthilfezentrum im Kölner Panteleonsviertel.

Infoabend zum geplanten Suchthilfezentrum im Kölner Panteleonsviertel.

Polizeistrategie im Umgang mit Drogenhandel

Ein Schlüsselfaktor ist auch, Kleinhandel durch schwerstabhängige Menschen im SHZ zu tolerieren – obwohl die Polizei einschreiten muss, wenn sie von Handel oder Konsum illegaler Drogen erfährt. Nach Gesprächen mit der Justiz gebe es eine Lösung, sagte Polizeipräsident Johannes Hermanns. „Wir werden Schwerstabhängigen den Zugang zum Konsumraum mit den in ihrem Besitz befindlichen Drogen ermöglichen. Und im Zweifel bringen wie sie auch dorthin.“ Denn der Suchtdruck führe ja dazu, dass sie sich immer wieder Drogen beschaffen müssen, und das auch durch Straftaten, so der Polizeipräsident. Wie Burmester und Rau betonte er den Handlungsbedarf. Schon jetzt tue man mit allen Einsatzkräften und Kräften der Landes-Hundertschaften alles, um die offene Szene einzudämmen. Und es sei zu erwarten, dass auch andere synthetische Drogen wie Fentanyl in Köln in großem Ausmaß ankämen.

An Schulwegen keine Suchthilfe, forderten Anwohnende.

An Schulwegen keine Suchthilfe, forderten Anwohnende.

Sicherheitsbedenken der Anwohner

Unter dem Beifall vieler Anwesenden bat eine ehemalige Schülerin des Kaiserin-Augusta-Gymnasiums ums Wort, die in der Diskussion Menschlichkeit und Mitgefühl vermisste. „Wir sind nicht alle dagegen. In unserem Veedel brauchen Menschen Hilfe. Wie können wir dabei mitgestalten?“ Neben etlichen befürwortenden Redebeiträgen und deutlichem Beifall überwogen offene Fragen und Ängste.

„Wir haben keine Angst vor suchtkranken Menschen, wir haben Angst vor Dealern“, so der Vater einer 13-jährigen Schülerin. „Wer garantiert meine Sicherheit, wenn ich frühmorgens zur Arbeit gehe, wenn die Menschen das SHZ auch nachts nutzen?“ „Auch die Menschen in den drei Seniorenzentren im Veedel sind verunsichert.“ „Am Ebertplatz bekommt die Polizei die Lage ja auch nicht in den Griff“, lauteten weitere Beiträge. Immer wieder wurde auch kritisiert, dass Fragen ausgewichen würde oder sie unzulänglich oder unkonkret beantwortet würden – trotz dezidierter Nachfragen.

Dringlichkeit weiterer Hilfezentren

Der von Rau um Stellungnahme gebetene Suchtforscher Daniel Deimel betonte, dass es dringend weiterer Hilfezentren bedürfe, um die Situation auf Dauer zu bewältigen. Ein kleiner Schritt in diese Richtung ist die Eröffnung des Konsumraums in Kalk in einigen Wochen. Der Kooperationsvertrag wurde am Dienstagvormittag unterzeichnet. Und: „Er soll peu à peu zum Hilfezentrum ausgebaut werden“, so Rau. Ein drittes Zentrum sei jedoch „noch in weiter Ferne“. „Wir werden da sein, sobald das SHZ seine Türen öffnet und dafür sorgen, dass dort Ordnung herrscht“, versprach der Polizeipräsident. Es werde eine Ordnungspartnerschaft zwischen Stadt und Polizei geben, um schnell angemessen reagieren zu können. „Wir hören ihre Worte, dass es gut werden wird, gerne“, kommentierte der Schulpflegschaftsvorsitzende des Berufskollegs Humboldtstraße die Ausführungen. „Aber mit Blick auf viele andere Projekte der Stadt fällt es uns schwer, das zu glauben.“


Beteiligungsprozesse für Bürger geplant

Nach der Bezirksvertretung Innenstadt (29. Januar) wird sich der Rat am 5. Februar mit dem Suchthilfezentrum befassen. Für die kommenden Monate sind Beteiligungsprozesse für Bürger und Bürgerinnen angedacht. Der OB kündigte an, persönlich Kontakt mit Schulen und Senioreneinrichtungen aufzunehmen. Das Beteiligungsportal „Suchthilfezentrum Perlengraben“ ist wieder freigeschaltet.