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Vorbild für Kölner SuchthilfezentrumSo funktioniert die Drogenhilfe in Zürich

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Florian Meyer, Leiter der Kontakt- und Anlaufstellen für Drogenkranke in Zürich.

Florian Meyer, Leiter der Kontakt- und Anlaufstellen für Drogenkranke in Zürich, im Konsumraum für Crack in der Anlaufstelle Selnaustrasse.

Florian Meyer, Leiter der Anlaufstellen für Drogenkranke in Zürich, erklärt im Rundschau-Interview, welche Hilfsangebote es dort gibt, wie sie funktionieren, wie Anwohner reagieren und welche Rolle die Polizei spielt.

In Zürich gab es in den 1990er-Jahren die größte offene Drogenszene Europas. Heute ist das „Zürcher Modell“ auch in Köln die Referenz für ein Hilfensystem, das seit drei Jahrzehnten die Situation schwerstabhängiger Menschen verbessert und die Belastung für Anwohnende und Geschäftswelt deutlich verringert. Wie war die Lage in Zürich und wie ist das Hilfsangebot entstanden?

Damals gab es in der Stadt Probleme mit Drogenkonsum, Handel und Gewalt. Dazu kam, dass sich viele Menschen mit Hepatitis C und HIV angesteckt hatten. Die Politik war zerstritten darüber, ob Repression oder Hilfe der richtige Weg ist. Weil die Zustände in der Stadt unhaltbar waren, mussten pragmatische Wege gegangen worden, die vorher undenkbar waren – so zum Beispiel die Einrichtung von Drogenkonsumräumen. Bern hat 1986 den ersten weltweit eröffnet, Zürich seine ersten 1991. Heute haben wir drei Kontakt- und Anlaufstellen sowie aktuell temporär den Raum für Konsum und Triage in der Stadt Zürich.

Wie ist das Konzept und wie viele Menschen nutzen die Anlaufstellen täglich?

Zwei unserer Angebote sind 200 Meter vom Hauptbahnhof entfernt, eine im Norden der Stadt ist mit fünf Minuten Bahnfahrt erreichbar. Der temporäre Raum für Konsum und Triage im Süden ist nur für auswärtige Konsumierende gedacht und dient auch deren Weitervermittlung an die zuständigen Herkunftsgemeinden. Alle Stellen sind an 365 Tagen im Jahr geöffnet, sie haben alternierende Öffnungszeiten, so dass sich die Szene im Laufe des Tages von einem Quartier ins andere verlagert. Rund 1000 Menschen nutzen unsere Einrichtungen, manche täglich, andere sporadisch. In den letzten fünf Jahren sind unsere Nutzendenzahlen um etwa 20 Prozent gestiegen, parallel dazu hat die Zahl der Menschen, die crackabhängig sind, erheblich zugenommen – auf über 80 Prozent der Konsumierenden.

Aufenthaltsraum in der Anlaufstelle Selnaustrasse.

Aufenthaltsraum in der Anlaufstelle Selnaustrasse.

In Köln halten sich suchtkranke Menschen nach - oder bei Crack auch während - des Konsums in der Innenstadt auf, sitzen in Nischen oder auf Plätzen. Es geht ihnen körperlich und psychisch erkennbar schlecht. Konnte durch das Hilfsangebot in Zürich die Verelendung von Menschen gestoppt werden?

Dadurch konnte der Verelendung wesentlich entgegengewirkt werden. Der Schlüsselfaktor ist, Kleinhandel in den Einrichtungen zu tolerieren. Dann kommen auch die suchtkranken Menschen und können sofort nach dem Erwerb an einem geschützten Ort unter hygienischen Bedingungen konsumieren. Draußen sind sie ständig unter Stress, müssen der Polizei ausweichen, es gibt auch Gewalt untereinander, sie essen nicht, schlafen kaum, weil es für suchtkranke Menschen ohne Wohnung keinen sicheren Ort zum Ausruhen gibt. Auch in der Schweiz gibt es Städte, in denen die Zustände noch so sind. In unseren Anlaufstellen haben wir die Räume maximal auf die Zielgruppe ausgerichtet. Wir haben Ruheplätze, Aufenthaltsräume, bieten warmes Essen und Getränke zum Selbstkostenpreis und haben ausreichend Konsumplätze, so dass keine langen Wartezeiten entstehen. Es gibt medizinische Behandlung und eine Sozialberatung für grundlegende Hilfen. Und auch für die Vermittlung in Angebote, wenn jemand aus der Sucht aussteigen will.

Was bedeutet Kleinhandel?

Schwerstabhängige Menschen, die uns bekannt sind, dürfen geringe Mengen für den persönlichen Konsum verkaufen. Dafür gibt es kleine Bereiche im eingezäunten und sichtgeschützten Außenbereich. Damit finanzieren sie sich ihren eigenen Konsum. Die suchtkranken Menschen kennen ihre Kleinhändler, und diese wollen ihre Reputation nicht verlieren. Das führt zu weniger Stress bei den Konsumierenden, da sie ihrer Bezugsquelle vertrauen.

Hinten sichtbar: Abgeschirmter Bereich für Kleinhandel im eingezäunten Außenbereich der Anlaufstelle Selnau.

Hinten sichtbar: Abgeschirmter Bereich für Kleinhandel im eingezäunten Außenbereich der Anlaufstelle Selnau.

In Köln ist ein 2017 von der Politik beschlossener Konsumraum seit Anfang 2025 mit Personal betriebsbereit, aber er wird auch jetzt nicht eröffnet. Gespräche über die Kooperationsvereinbarung zwischen Stadt, Staatsanwaltschaft, Polizei und dem Trägerverein dauern seit über einem halben Jahr an. Wie stehen Polizei und Staatsanwaltschaft zum in Zürich praktizierten Modell?

Klar bleibt: Drogenhandel ist verboten, und wenn die Polizei davon Kenntnis hat, muss sie handeln. Deshalb betritt die Polizei in Zürich die Anlaufstellen nur bei Notrufen, auf Bitten des Personals oder bei Verdacht auf Handel in großem Stil durch Einzelpersonen. So kann der Kleinhandel toleriert werden. Dazu kommt, dass das Personal keine Anzeigepflicht in Sachen Kleinhandel hat. Der Polizei ist bewusst, wenn der Kleinhandel nicht drinnen sein darf, ist er draußen, und die Menschen werden wieder nur verdrängt - von einem Ort zum nächsten, wo sie für Hilfen kaum noch erreichbar sind. Diese Verdrängung passiert in vielen Städten weltweit, das ist schlimm zu sehen.

Wer nicht schläft, nichts isst und trinkt, kommt psychisch und körperlich in einen Zustand, in dem sein Verhalten problematisch werden kann.
Florian Meyer

Was passiert bei Drogenhandel und -konsum außerhalb der Anlaufstellen?

Er wird absolut nicht geduldet, hier schreitet die Polizei sofort ein. Allerdings kommen die meisten Konsumierenden auch freiwillig in unsere Einrichtungen, weil sie hier Hilfen erhalten und akzeptiert werden. Das ist für suchtkranke Menschen nicht selbstverständlich.

Es gibt in Köln Berichte, dass suchtkranke Menschen so um Geld betteln, dass sie von Passanten als Bedrohung empfunden werden.

Es gibt auch in Zürich suchtkranke Menschen, die auf eine unangenehme Art auf Passanten zugehen, manchmal kommt auch unser System da an den Anschlag. Aber das sind Einzelfälle, und wir versuchen, diese Menschen in unseren Einrichtungen zu halten, deshalb ist unsere Schwelle für Hausverbote hoch. Und wir haben mit über 90 Mitarbeitenden auf 42 Vollzeitstellen ausreichend Fachkräfte, um schwierige Situationen zu bewältigen. Die „Vorfälle Gewalt und Drohung“ in unseren Einrichtungen sind seit 2022 von insgesamt 90 auf 17 im Jahr 2025 massiv zurückgegangen, und das bei 310.000 Konsumvorgängen. Wir können unseren Mitarbeitenden sichere Arbeitsplätze bieten, was sehr wichtig ist.

Was man grundsätzlich verstehen sollte:  Wer nicht schläft, nichts isst und trinkt, kommt psychisch und körperlich in einen Zustand, in dem sein Verhalten problematisch werden kann.  Es gibt in vielen Köpfen das Bild von „Crack-Zombies“, weil Menschen, die auf der Straße Crack konsumieren, eben oft in einem sehr schlimmen Zustand sind. Bei unseren Nutzenden, die eine Basisversorgung haben und angebunden sind an die Anlaufstellen, kommt das wie gesagt kaum noch vor.

Ruheräume mit Schlafmöglichkeit tagsüber in der Anlaufstelle Selnau.

Ruheräume mit Schlafmöglichkeit tagsüber in der Anlaufstelle Selnau.

Gibt es Beschaffungskriminalität?

Die gibt es auch in Zürich, aber nicht in großem Ausmaß. Und sie ist seit Jahren gleichgeblieben, obwohl die Zahl der Konsumierenden in den Anlaufstellen seit 2019 von 800 auf 1000 gestiegen ist.

Führt Ihre Beratung auch dazu, dass Menschen wieder in Leistungsbezug kommen und so der Druck, auf andere Weise Geld zu beschaffen, sinkt?

Ja, absolut. Neben den ihnen zustehenden Sozialleistungen sind auch die Integrationsprogramme in unseren Anlaufstellen eine Möglichkeit, sich etwas zu verdienen, etwa durch Thekendienste oder Müllsammeln im Umfeld. Unsere Nutzenden verdienen kleine Summen, sechs Schweizer Franken in der Stunde (etwa sechs Euro, Anm. d. Redaktion), kommen aber zugleich wieder etwas in Richtung Arbeitsfähigkeit. 50 Stunden im Monat sind zusätzlich zu den Sozialleistungen erlaubt. Manche übernehmen auch den Spritzentausch in Wohnungen, die wir nicht kennen, in denen aber konsumiert wird.

Wenn der Beschaffungsdruck sinkt und eine Grundversorgung da ist, haben unsere Nutzenden die Zeit, sich zu stabilisieren.
Florian Meyer

Was bewirkt die Sozialberatung noch?

Wenn der Beschaffungsdruck sinkt und eine Grundversorgung da ist, haben unsere Nutzenden die Zeit, sich zu stabilisieren. Nur dann können sie überhaupt entscheiden, in welche Richtung sie wollen. Wir vermitteln sie, wenn möglich, auch in andere niederschwellige Arbeitsgelegenheiten, in Therapien oder betreute Wohnformen, in denen bei uns auch der Konsum erlaubt ist.  Sehr wichtig ist auch, dass die Menschen regelmäßig zu uns kommen und unsere Mitarbeitenden sehen, wenn es ihnen schlechter geht. So bekommen wir mit, wenn etwa ein Wohnungsverlust droht, und können das oft verhindern. Denn viele unserer Nutzenden haben noch eine Wohnung.

Befinden sich Ihre Anlaufstellen in Wohngebieten?

Sie sind zentral, mit Wohngebieten und auch Schulen und Kindertagestätten in der Nähe.

Wie sind die Reaktionen der Anwohnenden?

Wir sind mehrfach umgezogen, weil Grundstücke nur begrenzte Zeit zur Verfügung standen, und es gab anfangs immer Proteste der Nachbarschaft. Alle sind für Hilfen, aber wenige möchten eine Anlaufstelle vor der eigenen Haustür. Aber wenn man die Drogenszene in eine Anlaufstelle hereinnimmt, dann sieht man draußen oft viel weniger oder gar nichts mehr davon. Falls doch, ist es wichtig, sofort aktiv zu werden. Deshalb sind wir für die Nachbarn jederzeit erreichbar und es gibt regelmäßige Treffen mit Polizei, Anwohnenden und Gewerbetreibenden, wo Probleme zeitnah benannt und Lösungen initiiert werden. Bei unserem neuen Standort in der Innenstadt gab es vor eineinhalb Jahren massivste Vorbehalte. Einer der schönsten Momente meiner Arbeit war, dass mir Menschen, die extrem in der Opposition waren, gesagt haben, dass sie jetzt keine Vorbehalte mehr haben. Man macht es, und die Leute merken, dass es funktioniert.

Wie wichtig ist es, mehrere Anlaufstellen zu haben?

Sicher ist es gut, wenn es mehrere Stellen gibt. Etwa wenn es Konflikte zwischen den Konsumierenden gibt, dann können sie ausweichen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass man einen einzelnen, sehr gut auf die Bedürfnisse ausgerichteten Standort gut betreiben kann.

Gibt es durch die Hilfen einen Sogfaktor?

In den letzten vier Jahren kommen vermehrt Menschen aus Städten, die keine Hilfsangebote haben. In diesem Bereich gibt es auch bei uns noch Verbesserungspotenzial. Mit dem Raum für Konsum und Triage haben wir im Oktober 2025 einen Versuch gestartet, diese Menschen an die zuständigen Herkunftsgemeinden zu vermitteln.

Die Anlaufstellen kosten die Stadt Zürich 7,5 Millionen Schweizer Franken jährlich, das sind gut acht Millionen Euro. Rechnet sich das für die Stadt?

Schadensminderung und Prävention sind die günstigsten Säulen in diesem Feld. Schwerstabhängige Menschen wird es weiterhin geben, und wir haben hier gesehen, wie sich die Dinge entwickeln, wenn es ausschließlich Repression gibt. Das will in Zürich keiner mehr. Und die hohen Folgekosten im Gesundheitssektor, bei Straßenobdachlosigkeit, die erheblichen Folgen für die Attraktivität einer Stadt für Touristen, Gewerbetreibende und derzeitige oder künftige Bürger und Bürgerinnen liegen auf der Hand. Würden sie konkret berechnet, lägen sie wohl höher als die für unsere Anlaufstellen.