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OB und Polizeipräsident am Kölnberg„Mach's gut, wir sehen uns, ich bin jetzt öfter hier“

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Kölns OB Torsten Burmester sprach in Meschenich mit vielen Anwohnern vom Kölnberg. Er kündigte an, in dem Stadtteil nicht sparen zu wollen.

Kölns OB Torsten Burmester sprach in Meschenich mit vielen Anwohnern vom Kölnberg. Er kündigte an, in dem Stadtteil nicht sparen zu wollen.

Johannes Herrmanns, Polizeipräsident, und Kölns OB Torsten Burmester besuchten am Samstagabend Kölns ärmsten Stadtteil. 

Am Samstagabend um 21.30 Uhr leuchten zwei weiße Hemden und mehrere neongelbe Westen in der Hochhausschlucht am Kölnberg. Eine Gruppe Männer ruft den von Westen umsäumten Hemden hinterher: „Na, habt ihr Hochzeit?“ – Das eine Hemd kommt auf die Männer zu, schüttelt feste Hände und antwortet: „Nein, ich bin der Oberbürgermeister von Köln. Wie geht es Euch?“ – „Alles gut, gut, dass Polizei Ordnung macht.“ – „Was fehlt Euch hier?“ – „Jobcenter!“ Die Männer lachen.

Torsten Burmester und Polizeipräsident Johannes Herrmanns, das andere weiße Hemd, wollen sich „ein Bild von der Lage an schwierigen Orten machen“. Nicht nur am Kölnberg, Kölns ärmstem Viertel, vorher waren sie am Friesenplatz und am Rudolfplatz, in der Nacht werden sie noch auf die Ringe fahren. „Wir wollen hier ein bisschen den Mythos Kölnberg aufbrechen, deswegen hospitieren viele Kolleginnen und Kollegen bei uns auf der Polizeiwache“, sagt Jan Hahne, Leiter des Bezirksschwerpunktdienstes, vor dem Rundgang in der Küche der Wache an der Brühler Landstraße. „Jeder verbindet mit dem Kölnberg neben Armut und Müll vor allem Kriminalität“, sagt ein Kollege, der seit zehn Jahren hier arbeitet. „Es gibt aber auch eine andere Realität: von normalen, netten Menschen, die ein normales Leben leben – in besonderen Umständen.“

Menschen gehen vor Hochhäusern in Meschenich

Rundgang am Kölnberg: OB Torsten Burmester kündigte an, künftig öfter in Meschenich zu sein.

Zu den Umständen gehören die Ratten, die an diesem lauen Sommerabend fast so zahlreich vor Ort sind wie die Menschen, die auf den vertrockneten Grünflächen vor den Häusern picknicken, spielen, Musik hören, grillen, Bier trinken. Und der Müll. „Es sind einfach zu viele Menschen hier“, sagt ein Mann, der sich Versace112 nennt. „Und einige halten sich nicht an die Regeln.“ Was er beruflich mache, will Burmester wissen. „Amazon, Lager“, sagt der Mann. „Verdienst Du genug?“ – „Ja, alles ok.“ – „Mach’s gut, wir sehen uns, ich bin jetzt öfter hier“, sagt Burmester.

Burmester am Kölnberg: Der OB als Kumpel, Kümmerer, Anpacker

Zwischendurch erzählt er, dass die Stadt den Kölnberg besser an den öffentlichen Nahverkehr anschließen wolle: Die Stadtbahn Süd soll bis zum Jahr 2035 bis Meschenich verlängert werden. Ob er eine Bahn nutzen würde, fragt Burmester einen Anwohner. „Bahn?“ – Der Mann scheint sich das nicht vorstellen zu können. „Hier braucht man ein Auto. Immer.“

Die Rollen sind an diesem Abend klar verteilt: Der Oberbürgermeister ist der Spielmacher und Torjäger. Er spricht mit den Menschen, fragt nach Problemen, schüttelt Hände, spielt mit Kindern Fußball, die ihn lachend „Ronaldinho“ nennen, weil er die Kugel dreimal hochhält, verspricht, „Angsträume“ wie das seit Jahren stillgelegte Parkhaus zu beseitigen, notiert Wünsche wie Sitzbänke oder eine Basketballanlage. Viele Menschen sind dankbar: „Ich wollte sie schon kennenlernen und mit Ihnen sprechen, als ich vor 14 Jahren hierhingezogen bin“, sagt ein Mann aus Mazedonien, der von „Menschen ohne Kultur und Benehmen“ spricht, die „leider mehr geworden sind“.

Der Mann lädt Burmester zu sich nach Hause ein, „da lernen Sie meine Frau kennen“, Burmester will mit, joggt ihm hinterher, zwei gelbe Westen traben etwas irritiert hinterher. Doch die Frau sitzt auf ihrem Rollator vor der Haustür. Händeschütteln, Kärtchen verteilen. „Mach’s gut, melde Dich, wenn etwas ist.“ Einige der Bewohner kennt der OB noch von seiner Wahlkampftour. „Wieder da, mein Freund?“, begrüßt ihn ein Mann, und sagt zu seiner Tochter: „Das ist der Boss von Köln.“  Lachen, Handshake. Der OB als Kumpel, Kümmerer, Anpacker – läuft, am Kölnberg. „Die Frau, die vorher Chefin war, war nie hier“, sagt ein Bewohner.

Die Anonymität der Hochhäuser macht den Kölnberg zu einem fast idealen Rückzugsort
Johannes Herrmanns, Polizeipräsident

Polizeipräsident Herrmanns ist an diesem Spieltag der Torwart, der wenig zu tun hat. Er kenne den Kölnberg schon seit den 1990er Jahren, „da bin ich hier Einsätze gefahren“, sagt er. Die Herausforderungen seien geblieben, weniger Straßenkriminalität, eher Ordnungswidrigkeiten wie die Vermüllung, „und Betrugsfälle. Die Anonymität der Häuser macht den Kölnberg zu einem fast idealen Rückzugsort“. Aufbrechen will die Polizei das durch Kooperation mit Ordnungsamt, Hausverwaltung und Streetworkern – und mit Präsenz. „Die Polizei ist immer da – gut“, sagt Ventislav aus Bulgarien, der seit fünf Jahren hier lebt. „Ohne Polizei noch mehr Mafia.“

Vor der Pizzeria „Mafiosi“ kommt Burmester mit Chibaia aus Rumänien ins Gespräch, der mit Frau und drei Kindern auf 46 Quadratmetern lebt, wie er sagt. Chibaia ist wütend. „Der Kölnberg ist nicht Deutschland, das ist ein anderes Land hier“, sagt er. Er berichtet von Ratten, Kakerlaken, Bettwanzen, Schimmel – und einem Hauseigentümer, der sich nicht kümmere. „Wenn Demokratie heißt, dass jeder gleich ist, ist am Kölnberg keine Demokratie“, sagt Chibaia. „Wir haben hier nichts. Nichts!“ Er redet lange, am Ende umarmt er Burmester innig.

Als Vision müssen wir darüber nachdenken, Hochhaussiedlungen wie den Kölnberg irgendwann abzureißen
Kölns OB Torsten Burmester während einer Podiumsdiskussion des „Kölner Stadt-Anzeiger“

Bei einer Podiumsveranstaltung zur Serie „Abgehängt in Köln“ in Mülheim hatte Torsten Burmester jüngst gesagt, er könne nicht ausschließen, dass die Stadt bei den freiwilligen Leistungen sparen müsse – und damit an Hilfen für die Bedürftigsten. Während des Spaziergangs am Samstagabend betont er, „dass wir nicht in den Vierteln mit hohem Sozialindex wie dem Kölnberg oder Chorweiler sparen dürfen – hier brauchen die Menschen jede Hilfe“.

Polizeipräsident Johannes Herrmanns und Bezirkssdienstleiter Jan Hahne beim Rundgang am Kölnberg

Polizeipräsident Johannes Herrmanns und Bezirkssdienstleiter Jan Hahne beim Rundgang am Kölnberg

Auf dem Podium hatte er auch ins Gespräch gebracht, dass wir „als Vision darüber nachdenken müssen, Hochhaussiedlungen wie den Kölnberg irgendwann abzureißen“ – er aber nicht sagen könne, ob seine fünfjährige Amtszeit ausreiche, damit dieser Gedanke ausreife. „Das ist natürlich sehr schwierig, weil die Häuser hier im Streubesitz sind und es sehr viele Eigentümer gibt, in Chorweiler ist das einfacher“, sagt Burmester zwischen Handshakes und Smalltalks. Er weiß: Seine Nahbarkeit bringt ihm an diesem Abend Sympathien. In fünf Jahren wird er sich daran messen lassen müssen, was sich für Menschen am Kölnberg, in Chorweiler oder Finkenberg verändert haben wird.