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Kölner Obdachlose in Corona-KriseSchlange der Bedürftigen wartet auf Care-Pakete

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Die Schlange ist lang: Viele Menschen kommen fast jeden Morgen zur Ausgabestelle der Care-Pakete vor dem Kölner Hauptbahnhof.

  1. Seit dem 24. März werden Care-Pakete vom Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) an Kölner Obdachlose verteilt, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind.
  2. Mittlerweile werden werktags an elf Stationen rund 500 Pakete ausgegeben.
  3. Ein Besuch bei der Ausgabestelle am Kölner Hauptbahnhof – und ein Blick auf die Krise.

Köln – An manchen Stellen wird gefeixt oder gelacht. Einige nehmen schon am Morgen einen kräftigen Schluck aus der Pulle. Aber auch schweigsame, traurig Aussehende stehen in der Schlange vor dem Hauptbahnhof. Teils zerlumpte Gestalten, viele mit tief liegenden Augen. Es ist morgens um 9 Uhr. Obdachlose und Drogenabhängige in großer Zahl haben sich auf dem Vorplatz des Bahnhofs versammelt und warten. Viele tragen Schutzmasken, einige sind angetrunken, die Abstandsregeln sind nicht immer präsent. Reisende, die zu ihren Zügen wollen oder gerade in Köln angekommen sind, müssen durch die Schlange der eng stehenden Wartenden hindurchgehen. „Manchmal stehen sie hinter dem Taxi-Stellplatz nahezu über die gesamte Länge des Bahnhofsgebäudes“, sagt ein Passant, der auf dem Platz regelmäßig vor der Arbeit seinen morgendlichen Kaffee-to-Go trinkt. „Ab und zu ist es auch unappetitlich, wenn einige volltrunken sind, oder einfach an die Mauer uriniert wird.“

Hans-Dieter lebt seit 30 Jahren auf der Straße

Der Grund für die täglichen langen Schlangen ist, wie soll es in dieser Zeit anders sein, Corona. Der Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) gibt seit Ende März jeweils täglich an seiner Beratungsstelle am Hauptbahnhof Lebensmittel-Care-Pakete an Bedürftige aus (siehe Kasten). Hans-Dieter Theuer (61) kommt regelmäßig. Seit 30 Jahren lebt er auf der Straße, „mal hier, mal dort“, wie er lachend sagt. Er weiß, wie hart das Leben auf der Platte ist. Aber so was wie in den vergangenen Wochen hat er auch noch nicht erlebt. „Wir haben wegen Corona schwere Zeiten zu ertragen. Überall Aufenthaltsverbote, geschlossene Tafeln – wo sollen wir hingehen?“, schildert er seinen Alltag. Der Pfälzer ist erst seit vier Monaten in Köln. Er komme nicht nur wegen der Essenstüte zum Bahnhof, sagt er. Hier trifft er Leute und kann zum Arzt in der SKM-Kontaktstelle gehen. Oder er redet mal mit den Sozialberatern über seine Probleme – „und wenn es nur für einen Kaffee ist“.

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Auch ein Duschwagen und Toiletten sind für die Obdachlosen aufgestellt worden.

Aber warum hat die Stadt für dieses Hilfsangebot einen Standort gewählt, an dem jeden Tag viele Menschen zur Arbeit pendeln und zahlreiche Besucher in der Domstadt ankommen? Die Antwort lässt keinen Zweifel: Es war eine bewusste Entscheidung, an den Bahnhof zu gehen. Die Stadt sah in der SKM-Ausgabestelle am Rande des Bahnhofsvorplatzes offensichtlich nur Vorteile: „Für Obdachlose und Drogenabhängige stehen dort im Bedarfsfall auch Personal für Beratungszwecke und ein Arzt zur Verfügung.“ Zudem befinde sich dort eine temporäre Dusch- und Waschgelegenheit für Obdachlose, die von ehrenamtlichen Kräften der Bahnhofsmission begleitet werde, begründet die Stadt.

„Die Leute, die in der Schlage stehen, sind Kölner Bürger“

Der SKM stimmt dem ausdrücklich zu: „Der Hauptbahnhof ist ein zentraler Ort für die Menschen, die wir betreuen. Durch die Corona-Krise konnten wir die Bedürftigen, die zu uns kommen, nicht in unserer Kontaktstelle verpflegen und haben daher die Care-Pakete-Ausgabe draußen vor unserer Einrichtung am Bahnhof gerne unterstützt“, sagt Norbert Teutenberg vom SKM Köln. Zudem hätte eine Trennung der Lebensmittelausgabe von den anderen laufenden Betreuungsangeboten am Bahnhofsvorplatz und dem Duschmobil keinen Sinn gemacht.

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„Die Leute, die dort in der Schlange stehen, sind zum großen Teil Kölner Bürger, und sie haben auch das Recht, dort zu stehen“, unterstreicht Teutenberg. Ihm sei auch nicht bekannt, dass es zu größeren Konflikten mit Reisenden oder Passanten gekommen sei. Sowohl die Bundes- als auch die Kölner Polizei bestätigen das: Eingriffe waren dort in den vergangenen Wochen nicht notwendig.

Betteln, Krise, Ärger im öffentlichen Bild

Dass es auch andere Stimmen gibt, liegt auf der Hand. Im Galestro Café gegenüber dem Bahnhofsgebäude sind die Kunden und Mitarbeiter des beliebten Cafés von der SKM-Aktion direkt betroffen. Ausdrücklich sagen sie, dass sie die Lage der Menschen in der täglichen Schlange bedauern. Dennoch wollen sie nicht verschweigen, dass es seit der Wiedereröffnung des Cafés Mitte Mai häufiger als früher Ärger mit bettelnden Obdachlosen gibt. „Sie fragen nach Geld oder Zigaretten, bleiben neben den Tischen stehen. Und öfter als früher müssen wir hingehen und sie bitten, zu gehen. Da gibt es nette und weniger nette“, so ein Galestro-Mitarbeiter.

Bleibt die Frage, wie lange Pendler, Reisende und Gastro-Betreiber noch mit der morgendlichen Situation vor dem Bahnhof umgehen müssen? Beim SKM hieß es, möglicherweise werde Ende Juni die Ausgabe der Care-Pakete eingestellt. Nach Rundschau-Informationen wird in der Verwaltung diskutiert, ob wegen der mittlerweile teilweise wieder geöffneten Kontaktstellen die Ausgabe der Care-Pakete am Hauptbahnhof überhaupt noch notwendig sei. Es geht auch darum, ob die Kosten, die die Stadt an den katholischen Verein In Via für die Aktion seit Ende Mai gezahlt hat, noch gerechtfertigt sind. Das Sozialdezernat der Stadt widerspricht: Der Bedarf sei immer noch da. Und man wolle das Angebot von der Situation an den Tafeln und Kontaktstellen für Bedürftige und Obdachlose abhängig machen. Denn diese können auch nach den Lockerungen nur eine begrenzte Zahl ihrer sonstigen Klienten versorgen.

Die Care-Pakete

Die Ausgabe der Care-Pakete hat am 24. März begonnen. Mittlerweile werden an Werktagen rund 500 Pakete an elf Ausgabestellen verteilt, die meisten davon am Hauptbahnhof. Eines der Care-Pakete, die vom katholischen Verein „IN VIA“ zusammengestellt werden, kostet 7,75 Euro brutto. Darin enthalten sind zwei Getränke, Obst, ein Sandwich, ein mit Käse belegtes Vollkornbrot, Müsli, eine kleine Tüte Weingummi und ein Keks. Die Gesamtkosten der Care-Paket-Aktion belaufen sich bisher auf rund 290 000 Euro. Das Duschmobil auf dem Bahnhofsvorplatz steht den obdachlosen Menschen seit dem 28. März zur Verfügung. (dhi)