Christliche Fundamentalisten, Konservative und rechte Akteure treffen sich in Köln. Davon distanzieren sich die Ratsfraktionen – außer der AfD.
„Mit Werten unvereinbar“Kölner Parteien distanzieren sich vom „Marsch für das Leben“

In Köln findet am Samstag (19. September) erneut der „Marsch für das Leben“ statt. Die Demonstration wird von Gegenprotesten begleitet. (Archivbild)
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Am Samstag (19. September) versammeln sich in Köln erneut selbsternannte „Lebensschützer“. Beim „Marsch für das Leben“ wollen sie gegen Schwangerschaftsabbrüche, Sterbehilfe und Leihmutterschaft auf die Straße gehen. Bis 2006 hieß die Demonstration „1000 Kreuze für das Leben“. Dahinter steht der Bundesverband Lebensrecht. Die Demonstration wird von einem Gegenprotest begleitet.
Nach außen geben sich die Organisatoren überparteilich. Laut „Spotlight Antifeminismus“, einem Projekt der Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz, biete der Marsch aber eine Vernetzungsmöglichkeit für antifeministische Akteurinnen und Akteure aus christlich-fundamentalistischen und extrem rechten Milieus.
Marsch für das Leben: Unterstützung von Kölner AfD
In diesem Jahr ruft auch die Kölner AfD-Fraktion zur Teilnahme auf und veranstaltet einen Vorabendtermin. Das Wuppertaler Projekt verweist auf die Beteiligung weiterer rechter Akteure und auf Verbindungen zur internationalen Rechten. Unter dem Begriff „Lebensrecht“ werde aus ihrer Sicht eine umfassendere antifeministische Agenda gebündelt.

Demonstranten beim „Marsch für das Leben“ 2025 in Köln.
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Von der Deutschen Bischofskonferenz gibt es für den Marsch derweil Unterstützung – der Vorsitzende, Bischof Heiner Wilmer, richtete ein Grußwort an die Teilnehmer, wie auch der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Weihbischof Dominikus Schwaderlapp aus Köln kündigte zudem seine Teilnahme an, sprach sich dabei jedoch gegen eine parteipolitische Vereinnahmung des Lebensschutzes aus.
Auch innerhalb der katholischen Kirche gilt die Veranstaltung als umstritten. Kritik entzündete sich unter anderem daran, dass teils rechtsextreme Aktivisten und AfD-Vertreter wie Beatrix von Storch bei den vergangenen Demonstrationen mitliefen.
Kölner Ratsfraktionen distanzieren sich vom Marsch für das Leben
Andere Kölner Ratsfraktionen distanzieren sich unterdessen deutlich von der Demonstration und rufen mitunter zur Teilnahme am Gegenprotest auf. „Wir sehen den sogenannten ‚Marsch für das Leben‘ sehr kritisch“, erklärte der SPD-Fraktionsvorsitzende Christian Joisten auf Anfrage. „Frauen müssen selbstbestimmt über ihren Körper und ihre Familienplanung entscheiden können.“ Wer reproduktive Rechte und gesellschaftliche Fortschritte infrage stelle, betreibe einen „Rückschritt“.
Besorgniserregend sei es zudem, „wenn rechtsextreme und demokratiefeindliche Kräfte diese Debatte für ihre Ziele instrumentalisieren“, erklärte Joisten. Das Demonstrationsrecht gelte jedoch „selbstverständlich auch für Positionen, die wir entschieden ablehnen“, erklärte der SPD-Politiker und fügte hinzu: „Ebenso entschieden treten wir jedoch für reproduktive Selbstbestimmung, unabhängige Beratung und eine offene, gleichberechtigte Gesellschaft ein.“
„Transportiert ein überholtes Frauen- und Gesellschaftsbild“
„Der Marsch bietet eine Bühne für fundamentalistisches, antifeministisches, queerfeindliches und in Teilen rechtsextremes Gedankengut und transportiert ein überholtes Frauen- und Gesellschaftsbild“, erklärte die gleichstellungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Michelle Achour, auf Anfrage. „Wir begrüßen daher den angekündigten Gegenprotest.“

Bei der Gegendemo im vergangenen Jahr zeigten Teilnehmer Transparente mit der Aufschrift „Wir sind keine Maschinen der Reproduktion“ und „Wir sind Frauen im Kampf für die Revolution“. (Archivbild)
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Jede Frau habe das Recht, selbst über ihren Körper zu bestimmen, betonte Achour. „Schwangerschaftsabbrüche sind Teil der gesundheitlichen Versorgung, weshalb wir ihre Entkriminalisierung bis zur 12. Schwangerschaftswoche fordern.“ Leihmutterschaft und Sterbehilfe seien derweil bundespolitische Themen, hieß es weiter von den Kölner Grünen.
„Die Positionen widersprechen unserer liberalen Lebenseinstellung“
Ähnlich äußerte sich auch Eva-Maria Ritter, die sozial- und gesundheitspolitische Sprecherin der FDP/KSG-Fraktion im Kölner Stadtrat. „Ob Schwangerschaftsabbruch, Leihmutterschaft oder Sterbehilfe: Die Positionen, die beim ‚Marsch für das Leben‘ vertreten werden, widersprechen unserer liberalen Lebenseinstellung fundamental“, erklärte sie.
„Betroffene entscheiden sich nicht leichtfertig für den Abbruch einer Schwangerschaft oder für Sterbehilfe und brauchen in dieser Situation Unterstützung und keine Bevormundung und Stigmatisierung durch Kirche, rechte Hetzer und Fundamentalisten“, hieß es weiter aus den Reihen der FDP/KSG‑Fraktion. „Wer mit Ultrakonservativen, christlichen Fundamentalisten und rechtsextremen Misogynisten den Schulterschluss auf einer Demonstration sucht, sollte darüber nachdenken, seinen Wertekompass neu auszurichten“, fügte Ritter hinzu.
„Wir sind solidarisch mit dem Gegenprotest“
Die Linke ruft unterdessen explizit zur Teilnahme am Gegenprotest auf. Dieser sei „legitim und wichtig“, erklärte Sarah Niknamtavin, Sprecherin für den Arbeitskreis feministische Politik der Linken Köln. „Wir sind solidarisch mit dem Gegenprotest und rufen alle dazu auf, sich dem anzuschließen.“ Die Teilnahme von „Konservativen und Rechten“ an derartigen Veranstaltungen sei kein Zufall. Diese Gruppen würden offen darüber sprechen, Körper von Frauen zu Gebärmaschinen machen zu wollen, erklärte Niknamtavin.
Der Marsch für das Leben gehe gegen die Werte, für die Köln stehe, betonte zudem die frauenpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion, Ratsmitglied Momo Eich. „In Köln haben Feministinnen über viele Jahre erkämpft, dass Frauen frei entscheiden können, ob sie ihre Schwangerschaft abbrechen wollen oder nicht. Das gilt es zu verteidigen und auszuweiten.“
„Marsch für das Leben“ in Köln: „Mit den Werten von Volt unvereinbar“
Auch Volt ruft zur Teilnahme am Gegenprotest auf. „Der Schutz des Lebens ist ein hohes Gut. Er darf jedoch nicht einseitig auf Kosten der Rechte, der Gesundheit und der Würde von Frauen erfolgen“, erklärte die gleichstellungspolitische Sprecherin der Volt-Fraktion, Jasna Ibric. „Wir stehen klar an der Seite der Pro-Choice-Bewegung und rufen alle demokratischen Kölner*innen dazu auf, sich an der Gegenkundgebung zu beteiligen.“
„Der sogenannte ‚Marsch für das Leben‘ richtet sich gegen das Selbstbestimmungsrecht und wird von fundamentalistischen christlichen Organisationen organisiert, die Seite an Seite mit Rechtsextremisten demonstrieren. Damit ist die Teilnahme und Unterstützung einer solchen Veranstaltung mit den Werten von Volt unvereinbar“, betonte zudem die Volt-Fraktionsvorsitzende Jennifer Glashagen. Die CDU-Fraktion ließ die Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeigers“ unterdessen bisher unbeantwortet.
Expertin: „Marsch für das Leben“ dient als „Ort der Vernetzung“
Auch Expertinnen wie Lina Dahm, die sich als Journalistin und Podcasterin mit den Themen Antifeminismus und der christlichen Rechten befasst, sehen Veranstaltungen wie den „Marsch für das Leben“ in Köln als „Ort der Vernetzung“. Es gehe den Lebensschützern nicht allein um das Thema Schwangerschaftsabbrüche, erklärte Dahm.
„Interessant und bisweilen problematisch sind vor allem die Netzwerke, die sich rund um das Thema bilden: Da treffen christlich-fundamentalistische und konservative AkteurInnen auf AfD-PolitikerInnen und Personen aus der (extremen) Rechten“, sagte sie gegenüber dieser Zeitung. „Gleichzeitig gibt es Verbindungen zu internationalen AkteurInnen der christlichen Rechten sowie zur US-amerikanischen Rechten.“
„Lebensschützern“ geht es nicht nur um Abtreibungen
Hinter dem Engagement für das Lebensrecht stecke nicht „per se eine rechtsradikale Agenda“, erklärte Dahm weiter. „Aber man kann beobachten, wie über das Thema Lebensschutz unterschiedliche (extrem) rechte und fundamentalistische Positionen zusammenkommen und anschlussfähig werden.“

Bühne mit der Aufschrift „Marsch für das Leben“ auf dem Neumarkt. Bereits 2025 fand die Demonstration in Köln statt. (Archivbild)
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Oftmals gehe es den Beteiligten nicht nur um das Thema Abtreibungen, sondern auch um gesellschaftliche Vorstellungen davon, „was eine ‚richtige‘ Familie ist, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt, wie mit queeren Menschen umgegangen wird und wer überhaupt über den eigenen Körper bestimmen darf“, so die Expertin.
Kölner Bündnisse rufen zum Gegenprotest auf
Der Gegenprotest wird unterdessen vom feministischen Bündnis „Pro-Choice Köln“ organisiert. „Dieser Marsch wird organisiert und finanziert von Abtreibungsgegner*innen, christlichen Fundamentalist*innen und rechten Akteur*innen, Parteien und Netzwerken“, heißt es im Demo-Aufruf. „Wir vom Pro-Choice-Bündnis Köln wollen dem klar widersprechen.“
Auch die Gruppierung „Köln gegen Rechts“ ruft zum Gegenprotest auf. „Kommt also zahlreich und zeigt, dass in Köln Rechtsextremisten und klerikale Spinner nichts zu suchen haben“, hieß es in einem Aufruf bei Instagram. Dass die katholische Kirche die Veranstaltung unterstütze, sei „beschämend für rheinische Katholiken“. Beim „Marsch für das Leben“ seien „Antifeminismus, Antisemitismus, Nationalismus, Rassismus und Queerphobie ständig präsent und verwoben“, hieß es weiter.
Polizei warnt vor kurzfristigen Sperrungen in der Innenstadt
Der „Marsch für das Leben“ beginnt am Samstag um 13 Uhr auf dem Kölner Neumarkt und führt von dort aus durch die Innenstadt. Enden soll die Veranstaltung mit einer Kundgebung auf dem Neumarkt. Laut der Kölner Polizei werden 3000 Teilnehmende erwartet.
Eine ähnlich hohe Teilnehmerzahl wird auch bei der Gegendemonstration erwartet, die zwischen 11 und 20 Uhr auf derselben Strecke wie der „Marsch für das Leben“ ziehen soll. Aufgerufen haben dazu neben dem Bündnis „Pro Choice“ auch „Pro Familia“. Die Kölner Polizei warnt angesichts der Demonstrationen vor kurzfristigen Sperrungen und rät dazu, auf Autofahrten in die Innenstadt wenn möglich zu verzichten.
