Die Kölner Schülerin Sara Ebrahimi engagiert sich in ihrer Freizeit für Demokratie in der Heimat ihrer Eltern.
Kölner SchülerinTäglich traurige Neuigkeiten aus dem Iran

Auch in Köln - wie hier Anfang März auf dem Neumarkt - wird in diesen Tagen häufig für Freiheit und Demokratie im Iran demonstriert.
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Die Kölner Schülerin Sara Ebrahimi ist 14 Jahre alt und könnte in ihrer Freizeit das tun, was andere Jugendliche machen: Sport treiben, auf Partys gehen, das Leben genießen. Tatsächlich aber kann und will sich die Tochter iranischer Eltern dafür nicht richtig begeistern. „Für meine Zukunft habe ich viele Wünsche und Träume, die ich in Deutschland erfüllen möchte“, erzählt sie im Gespräch mit der Rundschau: „Meine Gleichaltrigen im Iran haben das nicht. Ihr Wunsch nach einem besseren Leben wird durch das Regime mit Todesschüssen beantwortet.“ Viele ihre Freunde, deren Familien ebenfalls aus dem Iran stammen, seien aktuell sehr aufgewühlt durch die Ereignisse in dem Land. Sara Ebrahimi verbringt deshalb einen großen Teil ihrer freien Zeit damit, für Frieden und Demokratie im Iran zu werben. Dazu trifft sie sich regelmäßig online und vor Ort mit Gleichgesinnten und fährt manchmal etliche Kilometer zu Demonstrationen.
In Deutschland kaum wahrgenommen
„Täglich erreichen mich über Nachrichten, soziale Netzwerke und persönliche Kontakte traurige Neuigkeiten aus dem Iran“, sagte Ebrahimi der Rundschau bereits während der Proteste vor dem Angriff von USA und Israel auf das Land. Die Demonstrationen waren von den Machthabenden teilweise brutal niedergeschlagen worden. „Ich kann nicht wirklich etwas tun gegen das, was dort passiert“, sagte die Schülerin. Aber sie könne eben hier, wo sie geboren ist, demonstrieren und auf die furchtbare Situation aufmerksam machen: „Je mehr solcher Stimmen es gibt, umso besser.“ In mehr als 210 Städten seien zu diesem Zeitpunkt bereits Menschen auf die Straße gegangen, mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Iran. Es schmerzt sie, dass das lange Zeit in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen worden sei.

Sara Ebrahimi (l.) mit Freundinnen bei einer "Free Iran"-Demonstration.
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Sie hat in den vergangenen Wochen an vielen Kundgebungen teilgenommen, ist dafür sogar nach Frankreich gereist. Den Nationalen Widerstandsrat Iran (NWRI) hat sie bei der Organisation einer Großveranstaltung in Berlin unterstützt. Alleine die Reisen sind aufwendig, während sie sich ja auch auf die Schule konzentrieren muss. Aber die Versammlungen gäben ihr Kraft und soziale Energie, betont Ebrahimi: „Ich unternehme im Moment nicht so gerne etwas mit Freunden, weil ich es kaum ertragen kann, dass Gleichaltrige im Iran sich verstecken müssen, Angst vor Folter haben müssen – diese Freiheit kann ich mir nicht nehmen.“ Sie hätte sich schlecht gefühlt, wenn sie beispielsweise Karneval gefeiert hätte: „Mich berührt vor allem die Situation junger Frauen, die im Iran leben. Die sind in meinem Alter und schreiben ihre Testamente, weil sie vor dem Regime nicht niederknien wollen, sich damit aber auch einer großen Gefahr aussetzen.“
Fassungslosigkeit über die Gewalt
Sie treffe bei den Demonstrationen in Europa viele jungen Menschen, die ähnliche Erfahrungen mit ihren Eltern haben wie sie selbst, erzählt Sara Ebrahimi: „Viele haben im Gefängnis gesessen, nur weil sie das Regime kritisiert haben.“ Der Bruder ihres Vaters sei vom Regime im Iran getötet worden. „Ich lebe selbst in einer Welt voller Freiheiten, und es schmerzt mich, zu sehen, was in der Heimat meiner Familie passiert.“
Die Fassungslosigkeit ist der Jugendlichen anzumerken, wenn man mit ihr spricht, aber auch der unerschöpfliche Optimismus, dass Demokratie im Iran wieder eine Chance bekommt. Dass Zehntausende bei den Protesten verhaftet wurden, dass vielen von ihnen Folter oder Tod drohte, ist für sie eine schwere Bürde, die sie von einem eigenen fröhlichen Alltag in ihrer Heimatstadt Köln abhält.
Schwierige Opposition
In der Familie von Sara Ebrahimi gibt es auch kaum noch ein anderes Thema als die Situation im Iran. Ihr getöteter Onkel sei Anhänger der Volksmudschahedin gewesen, auch ihr Vater sei lange in dieser Organisation aktiv gewesen. Manche Politikerinnen und Politiker unterstützen die Volksmudschahedin, andere lehnen sie vehement ab. Die kürzlich verstorbene CDU-Politikerin und frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth saß trotz aller Kritik sogar im Beirat der Organisation in Deutschland. Einst war sie unter Terrorverdacht vom Verfassungsschutz beobachtet worden, inzwischen hat sie aber einen Gewaltverzicht propagiert.
Die Situation zeigt, wie schwierig es ist, in einem autokratischen und äußerst skrupellosen System Opposition zu betreiben – was sich bis heute nicht geändert hat.
Das Regime geht aktuell sogar noch weiter. Der Polizeichef des Iran betonte in dieser Woche, dass Demonstrierende im Iran fortan nicht mehr als solche wahrgenommen würden. Der Staat verfolge sie nun als Feinde, sagte er in einem Interviewausschnitt, der unter anderem am Mittwochabend in der „Tagesschau“ der ARD zu sehen war.
Friedliches Zusammenleben
„Ich bin davon überzeugt, dass das Regime im Iran eines Tages fallen wird“, sagt Sara Ebrahimi mit fester Stimme: „An meiner internationalen Schule erlebe ich das friedliche Zusammenleben junger Menschen aus verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen Kulturen und Religionen. So muss das Leben sein!“ Religion solle niemals von politisch Herrschenden wie im Iran missbraucht werden. Ebrahimi betont dabei auch, dass es „jenseits aller Ideologien“ jetzt vor allem wichtig sei, die Autokratie im Iran zu überwinden.
Es gebe schließlich unter den verschiedenen ethnischen Gruppierungen im Iran sehr unterschiedliche politische Vorstellungen, wie genau der Weg zu Demokratie und Freiheit führen könne.
„Ich lehne den Schah-Sohn Pahlavi klar ab, weil er aus meiner Sicht nicht glaubwürdig für eine echte Demokratisierung steht – ganz im Gegenteil“, führt die Schülerin aus: „Er verfolgt eine faschistische Ideologie, sieht sich als Kronprinz, um Alleinherrscher zu sein.“ Die Bedrohung Andersdenkender müsse aufhören, das aber traut sie Pahlavi nicht zu. Stattdessen unterstützt sie den 10-Punkte-Plan von Maryam Rajavi. Die NWRI-Präsidentin lebt im Exil in Paris und hat einen Zehn-Punkte-Plan für eine Demokratisierung des Landes vorgelegt. International bekommt sie viel Unterstützung dafür.
„Sensible Phase“
Der Widerstand im Iran lebe und brauche Unterstützung, sagt Sara Ebrahimi. Sie freue sich, dass der Widerstandsrat NWRI eine Übergangsregierung verkündet habe, deren Ziel es sei, eine demokratische Republik zu errichten. „Wir, die junge Generation, möchten nicht, dass uns eine Revolution gestohlen wird“, erklärte Ebrahimi gegenüber der Rundschau, nachdem Machthaber Ajatollah Ali Chamenei getötet worden ist: „Wir möchten das Selbstbestimmungsrecht für das iranische Volk.“
Man sei in einer sensiblen Phase in der Geschichte des Iran. Vor allem Frauen würden bei dem Einsatz für die Demokratisierung des Landes eine wichtige Rolle spielen: Frauen, denen sich die Kölner Schülerin Sara Ebrahimi besonders verbunden fühlt, und für die sie weiter Teile ihrer Freiheit opfert.
