Köln – Das Kölner Landgericht macht im langwierigen Prozess um Reemtsma-Entführer Thomas Drach Tempo: Der Vorsitzende Richter Jörg Michael Bern hat nur wenige Tage nach der Entpflichtung des Gutachters wegen einer möglichen Geldzuwendung bereits zwei neue Sachverständige konkret im Blick. Wie die Rundschau erfuhr, sollen ein über Jahre erfahrener Biomechaniker der Kölner Sporthochschule (SpoHo) und eine Gutachterin für Gesichtsmorphologie den verurteilten Reemtsma-Entführer neu begutachten. Ein Sprecher des Landgerichtes sagte auf Anfrage der Rundschau: „Es sind zwei Sachverständige, die die entsprechende Sachkunde haben, vom Gericht angefragt“. Die Verteidigung sei bereits informiert worden. Es werde nun auf eine Stellungnahme gewartet. Wie zu erfahren war, gelten die beiden Sachverständigen als Favoriten der Kammer.
„Watschel-Gang“ soll erneut untersucht werden
Bereits am Ende des vergangenen Verhandlungstages sagte der Vorsitzende, dass die Kammer schon Gespräche mit potenziellen Kandidaten aufgenommen habe. Das Gericht hatte den Sachverständigen nach dem Verdacht einer Geldzuwendung an einen Journalisten von seinen Aufgaben entbunden. Er soll einem Gerichtsreporter 100 Euro zugesteckt haben, mit der Bitte, positiv über ihn zu berichten. Nach einer Prüfung kam die Kammer zu dem Ergebnis, dass es sich um „kein erdachtes Geschehen“ handelt. Der Vorsitzende Richter, Jörg Michael Bern, erklärte, das Gericht habe überlegt, welche Gründe es gebe, den Sachverständigen noch weiter im Verfahren zu halten. „Ehrlich gesagt ist uns kein Argument mehr eingefallen“, sagte er und sprach von einem sehr hohen „Verdachtsgrad“ gegen den Gutachter. „Und dann muss man in der Tat sagen: Da verlässt der Sachverständige genau das Terrain, auf das er sich zu begeben hat. Nämlich das der Neutralität.“
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Nun ist geplant, dass der Experte der Sporthochschule noch einmal den so genannten „Watschel-Gang“ des mutmaßlichen Täters nach einem Überfall auf eine Ikea-Filiale analysiert und dem Gericht seine Einschätzung mitteilt, ob es sich um den Angeklagten handelt. Der entpflichtete Experte sprach bei seinem Vortrag von einer Wahrscheinlichkeit von „95 bis 99 Prozent, mit Tendenz zum niedrigeren Wert“. Für sein Gutachten hatte der Experte die Überwachungsvideos von den Tatorten mit Filmaufnahmen von der Observation Drachs durch Fahnder verglichen.
Wie lange die neue Begutachtung des Angeklagten dauern wird und wann die Sachverständigen ihre Expertisen dem Gericht vorlegen, ist noch unklar. Prozessbeteiligte gehen von einer Verzögerung von rund sechs Monaten aus. Ursprünglich war ein Urteil im September vorgesehen. Anfang November wird der Prozess – unter anderem mit einer Verhandlung im „Terrorbunker“ in Düsseldorf weitergehen.



