Rund 5000 Menschen nahmen an dem Fest teil.
„Was ganz Besonderes“So war das gemeinsame Fastenbrechen auf der Keupstraße

Warten auf den Sonnenuntergang: Die Tische sind mit klassischen Gerichten aus der türkischen Küche gedeckt.
Copyright: Thomas Banneyer
„Mahalle“ heißt Nachbarschaft. Doch wie so oft in der türkischen Sprache trägt das Wort mehr Emotionen in sich als eine bloße Übersetzung. Im Alltag steht es für Gemeinschaft, für Zusammenhalt, für das Leben miteinander. Die Keupstraße, Kölns türkisches Herz, ist genau das: Mahalle.
Einen Tag vor Ende des Fastenmonats Ramadan lud die Interessengemeinschaft (IG) Keupstraße am Mittwochabend zum gemeinsamen Iftar (Fastenbrechen) ein. Eingeladen waren alle, unabhängig von Religion oder Herkunft. Laut des Veranstalters nahmen rund 5000 Menschen teil: muslimische wie nicht-muslimische, Deutsche, Türkinnen und Türken, Araberinnen und Araber – oder, wie Berivan Aymaz (Grüne), Vizepräsidentin des Landtags NRW, während ihrer Rede sagte: „Das schönste Stadtbild, das ein Land haben kann.“
Eine rund 300 Meter lange Tafel stand in der Mitte der Keupstraße, an der Menschen Platz nahmen und bis zum Beginn des Iftar warteten. Die Szenerie wirkte wie ein Ausschnitt aus den Straßen Istanbuls: Die Straße ist gesäumt von Juwelieren, Friseuren und Restaurants, der Duft von Pide (Fladenbrot) liegt in der Luft, Menschen schauen aus den Fenstern auf das Treiben hinunter.
Fest von Traditionen geprägt
Der Zeitpunkt des Iftar war um 18.47 Uhr. Schon lange vorher kamen die ersten Gäste, um sich einen Platz an den Tischen zu sichern. Ein Imam rief zum Dua (Gebet) auf, bevor das Fasten traditionell mit einer Dattel und einem Glas Wasser gebrochen wurde. Gedeckt waren die Tische mit Ayran und klassischen Gerichten der türkischen Küche: Etli Pilav (Reis mit Rindfleisch), Linsensuppe, Dolma (gefüllte Weinblätter). Die Kosten für das Essen tragen die Geschäftsleute der Keupstraße. Das Fest ist von Traditionen geprägt: Zu Beginn des Fastenbrechens zog ein Mann mit einem Davul, einer traditionellen Trommel, durch die Straße. Diese Tradition ist vor allem aus ländlichen Regionen des Nahen Ostens bekannt und dient dazu, die Nachbarschaft auf den Beginn des Iftars aufmerksam zu machen.

Ein Imam rief vor Beginn des Fastenbruchs zum Gebet auf.
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Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) drückte seinen Dank an die IG Keupstraße aus: „Vielen Dank für diese Aktion, die Nachbarschaft und Stadt zusammenführt“, sagt er während seiner Rede vor dem Fastenbruch. „Dadurch weiß ich, was der Ramadan bedeutet: eine Zeit der Besinnung, der Disziplin und der Nächstenliebe.“
Nicht nur Kölnerinnen und Kölner brachte das Fastenbrechen zusammen: Auf den Kennzeichen der Autos waren Düsseldorf, Städte aus dem Ruhrgebiet und auch Orte aus Rheinland-Pfalz zu erkennen. Sibel Demircioğlu kommt aus der Nähe von Koblenz und besuchte mit ihrer Familie das Iftar auf der Keupstraße. Das Zuckerfest, also die Festtage nach dem Ende des Fastenmonats, verbringe sie gemeinsam mit Verwandten in Köln. „Wir kommen aus einer ländlichen Gegend“, so Demircioğlu. Ein gemeinsames Fastenbrechen gebe es in dem Gebiet nicht: „Das ist etwas ganz Besonderes.“
Antwort auf rassistischen Nagelbombenanschlag
Das gemeinsame Iftar ist nach Angaben der IG Keupstraße auch eine Antwort auf den Nagelbombenanschlag vom 9. Juni 2004 des rechtsextremen Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Durch die Explosion schossen rund 800 Zimmermannsnägel durch die Luft und verletzten 22 Menschen, vier davon schwer. Erst sieben Jahre später bekannte sich der NSU zu dem Anschlag. Zuvor waren während der Ermittlungen die Anwohner der Keupstraße selbst unter Verdacht geraten.
„Die Keupstraße hat eine bedrückende Geschichte mit diesem Anschlag“, sagt Aymaz. „Deswegen ist es umso wichtiger, dass die Menschen vor Ort, die Initiativen und die IG Keupstraße ein klares Zeichen gegen Rassismus und Rechtsextremismus setzen.“ Vor allem setze das Fest ein Zeichen gegen all jene, die die Bewohner der Keupstraße gegeneinander ausspielen wollten. „Menschen türkischer Herkunft gegen Menschen kurdischer Herkunft. Das ist ihnen nicht gelungen.“
