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Kölner Kripo sucht Mörder von 16-Jähriger210 Männer beim DNA-Massentest

Lesezeit 6 Minuten
In einer Schule in Poll wurde eine DNA-Entnahme-Station eingerichtet. Beamte demonstrieren eine Proben-Entnahme.

In einer Schule in Poll wurde eine DNA-Entnahme-Station eingerichtet. Beamte demonstrieren eine Proben-Entnahme.

Der Mörder der 16-jährigen Seckin wurde 31 Jahre lang nicht gefasst. Jetzt läuft ein DNA-Massentest, um ihn endlich zu schnappen. 

Ein meterhohes Plakat der Polizei weist den Weg, vorbei an Wimpelketten in Regenbogenfarben und ausgeschnittenen Riesenbuchstaben. Im Atrium der Janusz-Korczak-Grundschule haben die Cold-Case-Ermittler im Fall der ermordeten 16-jährigen Seckin Caglar Computer und einen Sichtschutz aufgebaut. Dahinter entnehmen sie mit einem Abstrich im Mund DNA-Proben. 355 Männer hat die Kriminalpolizei aufgefordert, an der DNA-Reihenuntersuchung teilzunehmen (siehe Infokasten unten) und so zu helfen, den Mörder der jungen Frau doch noch zu fassen. 31 Jahre nach der Tat.

„Mein Sohn hat eine Einladung bekommen, und er geht auf jeden Fall hin“, sagt Gaby Neunzig. „Und mein Schwager auch.“ Die 68-Jährige betreibt den Friseur- und Kosmetiksalon gegenüber der KVB-Haltestelle Salmstraße, in Poll lebt sie seit 45 Jahren. „Nach dem schrecklichen Mord damals war die Kripo auch bei uns in der Wohnung und hat Proben von unserem Sofa genommen. Der Täter hätte ja darauf gesessen haben können, hieß es damals.“ Ihr Mann Klaus Neunzig hat keine Einladung bekommen. „Die Post kommt hier oft nicht an. Aber ich gehe trotzdem hin. Wer nicht hingeht, macht sich ja verdächtig“, hat er sich entschieden.

Freiwillig ist die Teilnahme auch für alle, die den Einladungsbrief bekommen haben. „Die Resonanz der Menschen hier auf unseren Einsatz, den Cold Case doch noch aufzuklären, war sehr positiv“, schilderte Kriminalhauptkommissar Markus Weber (60) vor Beginn der Probenentnahme. Die Beamten der Ermittlungsgruppe hatten Wochen zuvor ausführlich über die Reihenuntersuchung informiert, „auch, um Ängste abzubauen“. Und darauf hingewiesen, dass auch jetzt noch Zeugenaussagen gemacht werden können.

Am 16. Oktober 1991 war die 16-jährige Seckin Caglar auf dem Rückweg von dem „co op“-Markt, in dem sie ihre Ausbildung machte, in der Nähe der damaligen Bahnhaltestelle Poll-Autobahn ermordet worden. An diesem Tag war ihr Vater, der sie stets abgeholt hatte, wenige Minuten zu spät gekommen. Am nächsten Morgen wurde die Leiche der jungen Frau entkleidet und erdrosselt hinter einem Dornengebüsch auf dem Heimweg gefunden. „Dass ihr Mörder seit mehr als 31 Jahren nicht ermittelt wurde, ist bis heute eine große Belastung für die Familie. Aufgeben ist deshalb keine Option “, so Weber.

Wir wohnen ganz nahe am Tatort. Alles muss versucht werden, um den Mörder zu finden.
Barbara Pilz (55)

In fast allen Schaufenstern an der der Siegburger Straße hängen Flyer, die Rede des Bruders der Ermordeten hatte auf dem Marktplatz viele Menschen erreicht. „Jetzt kommt das ganze schreckliche Geschehen nochmal hoch. Und der Mörder ist sicher schon lange nicht mehr hier“, sagt eine 87-jährige Passantin, die mit ihrer Bekannten Inga S. (81) an der Haltestelle Salmstraße steht. Die sieht das anders: „Mit den neuen Methoden finden sie den Mörder vielleicht doch noch.“ Das hofft auch Barbara Pilz. „Mein Mann und ich leben erst seit 1992 in Poll, aber wir haben natürlich viel von dem schrecklichen Fall gehört. Wir wohnen ganz nahe am Tatort.“ Alles müsse versucht werden, den Fall auch jetzt noch aufzuklären, findet die 55-Jährige. „Eigentlich müssten ja auch Frauen eingeladen werden, wenn man auch Verwandte ermitteln kann.“

Einige der Angeschriebenen hatten Kriminalbeamte bereits zu Hause aufgesucht, weil sie nicht mehr mobil sind. In der Janusz-Korczak-Grundschule ließen sich am Samstag 210 Männer per Mundabstrich eine DNA-Probe entnehmen. „Damit sind wir für den ersten der beiden Testtage zufrieden“, sagte Ermittlungsleiter Weber am Samstagabend. Die Proben werden zum Landeskriminalamt geschickt, ein Ergebnis erwarten die Kriminalisten im besten Fall in zwei Wochen. Wenn aktuelle Fälle dazwischenkommen, könne es aber auch bis zu vier Wochen dauern, so Weber.

Noch 850 weitere Männer auf der Liste

Eingeladene, die nicht zur Reihenuntersuchung kämen, werde man  ermittlungstechnisch genauer ins Visier nehmen. „Wir erhoffen uns aber vor allem Hinweise auf mögliche Angehörige, die über diese Proben ermittelt werden können“, sagte Oberstaatsanwalt Bastian Blaut, Leiter der Abteilung Kapitalverbrechen. Falls es bei den ersten 355 Eingeladenen keinen Treffer gibt, ist die Suche jedoch keineswegs vorbei. „Dann haben wir noch rund 850 Männer auf der Liste, die damals auch in der Nähe gewohnt oder zum Tatzeitpunkt in Poll waren. Viele von ihnen wohnen jetzt weit entfernt“, so Weber. „Aber das ist egal. Wir haben jetzt die Chance, in diesem Fall ohne Unterbrechung durch aktuelle Fälle intensiv weiter zu ermitteln. „Das ist uns ein großes Bedürfnis. Und wenn wir den Täter bekommen, würde es das der Familie vielleicht etwas leichter machen, mit dem schrecklichen Geschehen zu leben.“ Bestraft würde der Täter in jedem Fall, egal wie lange die Tat her sei, so Staatsanwalt Blaut. „Mord verjährt nicht.“


DNA-Reihenuntersuchung soll Druck auf Täter erhöhen

Sorgfältig und langfristig vorbereitet wurde die Reihenuntersuchung in Poll. Die Polizei hatte die Bevölkerung in den vergangenen Wochen auf zahlreichen Wegen über die anstehenden DNA-Tests unterrichtet.

355 Männer, die zum Tatzeitpunkt zwischen 14 und 75 Jahre alt waren und damals Bezug zum Stadtteil Poll hatten, wurden mit einem persönlich adressierten Einladungsschreiben aufgefordert, eine Speichelprobe abzugeben und die Suche nach dem Täter zu unterstützen. Dazu zählen auch Kleingartenbesitzer oder Bauarbeiter. Ihnen wurden zwei Termine zur Abgabe einer Speichelprobe in der Janusz-Korczak-Schule genannt. Neben dem Termin am Samstag ist die Abgabe auch am Sonntag, 26. März, ab 10 Uhr möglich.

„Dank neuer wissenschaftlicher Methoden wird die DNA heutzutage so gut analysiert, dass neben dem Spurenverursacher auch mit ihm verwandte Personen erkannt werden können,“ erklärte Markus Weber, der die Ermittlungen in diesem Cold Case leitet, den Umstand, dass die Reihenuntersuchung in diesem Fall erst über drei Jahrzehnte später möglich ist.

Mit Flyern und Plakaten wurde die Bevölkerung zur Mithilfe und Unterstützung aufgerufen sowie über die DNA-Reihuntersuchung aufgeklärt, um eventuelle Vorbehalte abzubauen. Eine Plakat-Aktion mit dem Einsatz von uniformierten und zivilen Beamtinnen und Beamten lief vor zehn Tagen an. Um auch Stadtbesucher und Berufspendler zu erreichen, wurden in den Stadtbahnen der KVB-Linie 7 Hängeflyer mit einem QR-Code verteilt.

Im Landeskriminalamt werden die entnommenen DNA-Proben mit denen an der ermordeten jungen Frau sichergestellte Spuren verglichen. Danach werden gesammelte Daten, die keine Übereinstimmung aufzeigen, vernichtet.

„Das war der Tag, an dem meine Kindheit kaputt gemacht worden ist.“ Mit diesen Worten bat der Bruder des Opfers, Basri Caglar, der zur Tatzeit acht Jahre alt war, vor gut einer Woche eindringlich um Mithilfe. Mögliche Zeugen, die bisher vielleicht aus Angst geschwiegen haben, sollten sich jetzt bei der Polizei melden. Auf den Social-Media-Kanälen der Polizei Köln werden alle Aktionen veröffentlicht und können dort aktuell verfolgt werden.

Betroffene oder Interessierte können sich auch auf einer eigens eingerichteten Internetseite über den Ablauf der DNA-Reihenuntersuchung informieren. Hier ist auch ein Video zum Verfahren der Speichelabgabe abrufbar.

www.koeln.polizei.nrw/MK-Caglar

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