Köln – Im Warmen schlafen, sich waschen können, und seine Kleidung auch. Ein kleines Zimmer für sich alleine haben, endlich einmal zur Ruhe kommen. „Der Artikel 1 des Grundgesetzes gilt auch für obdachlose Menschen. Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Damit ist für Helmut Schenk von der Initiative Helping Hands Cologne alles gesagt.
Die Ehrenamtler der Initiative versorgen obdachlose Menschen seit Jahren regelmäßig mit Essen, Kleidung, Schlafsäcken und Isomatten. Sie kennen viele von ihnen seit langem, wissen, wer es in Hotelzimmern mit mehreren Menschen nicht aushält und wo die Schlafplätze der Frauen und Männer sind. „Obdachlose Menschen wurden in der Pandemie völlig vergessen“, sagt Schenk. „Sich die Hände waschen können, Sanitäranlagen nutzen, sich im Warmen aufhalten, das können viele nicht. Obwohl sie fast alle zur Risikogruppe mit Erkrankungen zählen.“

Gesprächsbedarf: Bewohner Jan S. (Mitte) mit Nicole Freyaldenhoven, und Helmut Schenk.
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Um das zu ändern, haben die Ehrenamtler die Zimmer der zur Zeit für Reisende geschlossenen Jugendherberge Pathpoint Cologne in der Nähe des Hauptbahnhofs gemietet und hier seit Ende Dezember 34 Männer und Frauen untergebracht. Die älteste Bewohnerin ist klein und schmächtig. Sie ist 80 Jahre alt. Tagsüber lebt sie normalerweise auf der Straße. Jetzt hat sie ein rustikal möbliertes Einzelzimmern mit eigenem kleinen Bad – bis Ende März.
Die meisten sehen älter aus, als sie sind
Für alle, die Hilfe in Anspruch nehmen möchten, kommt eine Sozialarbeiterin ins Haus. Und das möchten viele. In einer sicheren Umgebung zum Nachdenken zu kommen, einen Raum für sich haben, das habe Manches in Bewegung gebracht, sagt Nicole Freyaldenhoven, Vorstandsmitglied von Helping Hands. Nur dann sei eine Veränderung für Menschen, die durch Arbeitslosigkeit, persönliche Krisen oder Suchterfahrungen belastet seien, überhaupt möglich. „Viele nutzen die Chance. Ein Bewohner hat sich mit Hilfe der Sozialarbeiterin für eine Drogenentgiftung angemeldet.“ Andere suchen in Beratungsgesprächen nach Möglichkeiten, nicht auf die Straße oder ins Zelt zurück zu müssen.
Notunterkünfte
1583 Zwangsräumungen gab es 2020 in Köln. In Hotels leben derzeit 1328 Menschen in Ein- bis Vierbettzimmern, um Obdachlosigkeit zu vermeiden.
Gebaut werden müssten Jährlich 6000 Wohnung, um dem Bedarf gerecht zu werden. In 2019 waren es 2175.
Wer die Initiative Helping Hands Cologne unterstützen möchte, findet Informationen dazu auf ihrer Internetseite: www.hhc-obdachlosenhilfe.koeln
Die hat der 73-jährige Elvis gefunden. Den Spitznamen habe er, weil er ein Hardcore-Elvis-Fan sei, sagt er. Ganz früher hat er in der Überlebensstation „Gulliver“ am Bahnhof übernachtet, dann unter der Hohenzollernbrücke, später unter der Zoobrücke. Seine Schlafplätze zählt er auf wie Adressen. Es gibt einen Kinofilm über den großen charismatischen Mann und sein Leben draußen. Auf den Straßen grüßt man ihn. „Das ist mir manchmal schon zu viel“, sagt er. Jetzt geht er etwas wirklich Großes an, etwas, was ihn von der Straße weg bringt. „Wenn man 35 Jahre draußen gelebt hat, dann ist das nicht so einfach in einem Raum. Mit vier Wänden und einer Decke über Dir“, sagt er. Mit dem Zimmer im Pathpoint ist ihm ein erster Schritt gelungen. Den zweiten hat er nach wenigen Wochen gemacht. „Ich habe mich bei beim Sozialdienst Katholischer Männer um ein Zimmer beworben“, sagt er, und man sieht ihm die Freude darüber an.
Friedliche Stimmung, meistens
Seine Chance genutzt hat auch ein jüngerer Bewohner. „Er hat sich nach seiner Haftentlassung bei der Stadt um ein Hotelzimmer bemüht und unser Angebot deshalb zunächst abgelehnt“, schildert Freyaldenhoven. „Doch er musste sich sein Zimmer mit einem aggressiven Mann teilen, den wir kennen. Weil er Angst hatte, handgreiflich zu werden und seine Bewährungsauflagen zu verletzen, hat er jetzt doch ein Zimmer bei uns in der Jugendherberge.“
Hier ist die Stimmung friedlich, meistens zumindest. Man spürt, dass die Menschen sich wohl fühlen in den Räumen. Zwei Männer sitzen an den Tischen im Foyer, einer holt sich einen Kaffee, einer kommt durch den Gang und grüßt in den Raum. „Es gab sogar den Wunsch, dass wir mal zusammen kochen sollten“, erzählt Schenk. „Aber das geht ja wegen Corona leider nicht.“ Getränke und belegte Brötchen gibt es morgens vom Team der Jugendherberge. Das achtet auch auf die Einhaltung der Coronaregeln. „Das ist auch für die Mitarbeiter ein Gewinn, denn sonst wären sie in Kurzarbeit“, sagt Schenk, der mit seiner Mitstreiterin Nicole Freyaldenhoven häufig in der Jugendherberge ist.
Maskenpflicht gilt auch hier
Dort tragen alle außerhalb ihrer Zimmer Masken. Die meisten sehen älter aus, als sie sind. „Straße kostet“, sagt Schenk. Manche halten das Leben zu zweit oder dritt in einem Hotelzimmer nicht jahrelang aus. „Aber auf dem Wohnungsmarkt hat man keine Chance mit Schufa-Eintrag, selbst mit Arbeit nicht. Und günstige Wohnungen gibt es viel zu wenige“, sagt Jan S.. Der 36-jährige Fahrradmechaniker musste Privatinsolvenz anmelden, verlor seine Wohnung.
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Für Richard (54/Name geändert) kam das Zimmer-Angebot der Ehrenamtler sogar in einer lebensbedrohlichen Situation. Er war für eine Operation wegen Grauem Star im Krankenhaus, konnte aber nicht sofort operiert werden. „Dann mussten wegen Corona Betten freigemacht werden – das war im Frühjahr“, schildert Schenk. „Tagsüber, im grellen Licht, kann er so gut wie nichts mehr sehen und bleibt meistens in der Jugendherberge. Das kann er hier. Aber nur noch bis Ende März.“


