Erneut fallen in Köln Schüsse auf Ladenlokale – der 26. Fall seit Pfingsten. Hinter der Serie stecken offenbar mehrere kriminelle Gruppen – aber sie eint eine Methode.
Wieder Schüsse in KölnDaltons, Rocker, Mafia – Wer hinter der Serie von Schüssen auf Geschäfte steckt

Auf ein Geschäft in der Kölner Innenstadt wurde in der Nacht auf Dienstag (13. Oktober) mehrfach geschossen.
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Ermittler der Spurensicherung laufen in weißen Schutzanzügen und mit Mundschutz über die Mittelstraße, markieren Einschusslöcher mit gelben Nummern. Patronenhülsen sind mit Pylonen gekennzeichnet, der Bereich rund um das Luxus-Modegeschäft „Apropos“ weiträumig abgesperrt. Anwohner, Passanten und Geschäftsleute drängen sich am Rand des Bürgersteigs vorbei an Polizisten, die den Tatort sichern.
26 Taten seit Pfingsten in und um Köln
Es ist ein inzwischen gewohntes Bild in Köln. In der Nacht zu Dienstag wurde erneut auf zwei Geschäftshäuser geschossen. Wie ein Polizeisprecher mitteilte, seien die Einsatzkräfte gegen 5.45 Uhr durch den Hinweis eines Zeugen alarmiert worden, der an dem Geschäft vorbeigegangen war und mehrere Beschädigungen bemerkt hatte. Insgesamt elf Schüsse wurden auf die beiden Filialen des Modegeschäfts „Apropos“, die in unmittelbarer Nähe zueinander stehen, abgefeuert. Getroffen wurden sowohl die Fassade als auch das Schaufenster. Das Ladenlokal zwischen den beiden Geschäften blieb unbeschädigt.
Wer hinter dem Vorfall steckt, ist noch völlig unklar. „Spezialisten der Kriminalpolizei sicherten am Morgen die Spuren am Tatort und stellten Patronenhülsen sicher. Die weiteren Ermittlungen dauern an“, sagte ein Polizeisprecher. Die Polizei bittet Zeugen, die in der Nacht verdächtige Fahrzeuge oder Personen gesehen haben, sich zu melden.
Das betroffene Geschäft teilte auf Anfrage mit: „Wir nehmen den Vorfall sehr ernst. Unser erster Gedanke gilt den Menschen, die in unserem Geschäft arbeiten. Dass niemand verletzt wurde, ist für uns das Wichtigste. Gleichzeitig unterstützen wir die Aufklärung, prüfen die Situation und stimmen etwaige erforderliche Maßnahmen mit den zuständigen Stellen ab.“ Details zu möglichen Sicherheitsmaßnahmen wolle man nicht nennen. Wer oder was hinter den Schüssen stecke, sei „derzeit nicht bekannt“.
Fest steht: Der Vorfall reiht sich ein in eine lange Serie von Schüssen auf Wohn- und Geschäftshäuser. Seit Pfingsten zählten die Ermittler 26 solcher Vorfälle in und um Köln. Zuletzt wurde etwa am 18. September mehrfach auf eine Pizzeria und die darüberliegende Wohnung in Mülheim geschossen. Im August traf es wiederholt ein Uhrengeschäft auf der Breite Straße, unweit der Mittelstraße. Auch ein Juweliergeschäft auf der Keupstraße in Mülheim wurde beschossen. Deutschlandweit zählen die Ermittler mittlerweile mehrere hundert solcher Taten. Schwerpunkte liegen neben Köln vor allem in Berlin, Hamburg und Teilen Süddeutschlands. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, weil nicht jeder Betroffene die Polizei informiert.
„Crime as a Service“ als das verbindende Element
Nicht in jedem Kölner Einzelfall gibt es eine heiße Spur. Und doch zeichnen sich für die Ermittler mittlerweile klare Muster ab, wie diese Redaktion aus Sicherheitskreisen erfuhr. Oft steckt organisierte Kriminalität hinter den Taten, doch nicht immer. Verbindendes Element der verschiedenen Stränge ist dieselbe Methode: Straftaten werden wie eine Dienstleistung eingekauft – „Crime as a Service“.
Ein Ermittlungsstrang führt in die Türkei, zu einer Gruppe, die sich „Daltons“ nennt – benannt nach den Comicfiguren. Dahinter steckt eine gewaltbereite Gruppierung, die ihr Geld mit Erpressung verdient. Im Blick haben die Kriminellen Geschäftsleute, bei denen sie Vermögen vermuten: Durch Schüsse auf deren Häuser und Ladenlokale schüchtern sie die Betroffenen ein, senden eine klare Botschaft an sie und ihr Umfeld und fordern Geldsummen in bis zu sechsstelliger Höhe. In der Regel kündigen sie ihre Taten zunächst auf Social Media an und schicken dann junge Menschen, die für ein paar Hundert Euro vor Ort die eigentliche Tat ausführen. Nicht alle Opfer zahlen, vermutet die Polizei, doch oft genug ist die Masche erfolgreich.

Ein Einschussloch ist in der Scheibe eines Geschäfts in der Kölner Mittelstraße zu sehen. Es ist nicht der erste Vorfall dieser Art.
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Mit diesem Geschäftsmodell trieben die Daltons ihr Unwesen zunächst in der Türkei. Mittlerweile agiert die Gruppe nach Informationen dieser Redaktion vor allem aus Georgien heraus – und hat in den vergangenen Monaten verstärkt Geschäftsleute mit türkischem Hintergrund in Deutschland im Blick, so auch in Köln.
In anderen Fällen vermuten die Ermittler die türkische Mafia hinter den Taten. Sie verdient ihr Geld vorwiegend mit Drogenhandel und bringt mit Schüssen auf Häuser Forderungen und Drohungen gegen potenzielle Konkurrenten zum Ausdruck. In der Öffentlichkeit ist in diesem Zusammenhang häufig von der „Gen-Z-Mafia“ die Rede, was ein besonders junges Alter der Täter vermuten lässt. Aus Sicherheitskreisen heißt es jedoch, das treffe eher selten zu. Dahinter stehe meist klassische organisierte Kriminalität – Banden aus der Türkei, die längst in Deutschland Fuß gefasst haben, um hier ihre Drogengeschäfte abzuwickeln.
Konflikte in der Rockerszene eskaliert
Zusätzlich greift auch die Rockerszene zunehmend auf Schüsse und Explosionen vor Haustüren und Geschäften zurück, auch hier häufig im Zusammenhang mit Drogen. Die Konflikte innerhalb der Szene sind in Köln in den vergangenen Jahren eskaliert: Nach Drohungen folgten Schüsse, Verletzte und Tote. Im Oktober 2024 wurde Davide K. vor einem Fitnessstudio in Kalk erschossen. Im November 2025 wurde der Rocker Orhan A. (36) in Dellbrück Opfer eines Attentats: Mehrfach wurde auf den im Auto sitzenden Mann geschossen, wie durch ein Wunder überlebte er.
In einzelnen Fällen vermuten die Ermittler außerdem Privatfehden abseits organisierter Kriminalität, etwa Streitigkeiten, die nicht vor Gericht, sondern mit handfester Gewalt ausgetragen werden.
Das verbindende Element aller Taten ist die Vorgehensweise. Beim sogenannten „Crime as a Service“ werden Jugendliche und junge Erwachsene über Social Media und Messenger-Dienste rekrutiert, um gegen Bezahlung Anschläge auszuführen. Bekannt wurde diese Methode in Deutschland erstmals im Zusammenhang mit dem sogenannten Kölner Drogenkrieg, als 2024 mehrere Explosionen und Schüsse vor Hauseingängen und Geschäften die Stadt in Aufruhr versetzten.
Damals kamen bevorzugt Jugendliche und junge Erwachsene aus Schweden und den Niederlanden zum Einsatz, die die Taten gegen Geld ausführten. Der Kölner Drogenkrieg ist inzwischen ausermittelt, die wichtigsten Protagonisten sitzen im Gefängnis. Die Methode „Crime as a Service“ aber floriert in der organisierten Kriminalität weiter. Nach Informationen dieser Redaktion gibt es mittlerweile auch Vermittler aus dem Kölner Umland, die junge Täter und kriminelles Milieu zusammenbringen.
Zu der Vielzahl der potenziellen Täter kommt hinzu, dass immer mehr Waffen in Köln verfügbar sind. Erst vergangene Woche gelang der Polizei ein Ermittlungserfolg: Fahnder hoben einen Waffen- und Drogenring mit Zentrale in einem Café in Köln-Mülheim aus. Bei Durchsuchungen in NRW, Rheinland-Pfalz und Spanien nahmen die Ermittler sechs Beschuldigte in Köln fest, insgesamt zehn mit den Festnahmen in Spanien. Sie stellten 15 Schusswaffen sicher – teils „totalgefälschte“ Nachbauten aus der Türkei, zu Automatikwaffen umgerüstete sogenannte „Glock Switches“ –, dazu 17 Kilogramm Kokain und 2.800 Euro Falschgeld.
Doch auch die Zerschlagung dieses Waffen- und Drogenrings hat die Serie der Schüsse in Köln nicht gestoppt, wie der erneute Vorfall in der Mittelstraße zeigt. Waffen und junge Menschen, die gegen Geld Gewalt anwenden – an beidem scheint es in Köln nach wie vor keinen Mangel zu geben.
