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Adaption von Susan Sontags EssayAyla Pierrot Arendt bringt „Das Leiden anderer betrachten“ auf die Bühne

4 min
„Das Leiden anderer betrachten“: Evi Kehrstephan mit Louisa Beck und Benjamin Höppner.

„Das Leiden anderer betrachten“: Evi Kehrstephan mit Louisa Beck und Benjamin Höppner.

Spannende Adaption: Ayla Pierrot Arendt bringt Susan Sontags Essay „Das Leiden anderer betrachten“ auf die Bühne des Depot 2.

Die Bombe kann jederzeit einschlagen, Granaten jederzeit explodieren, Drohnen herabstürzen. Im Krieg gibt es nur eine Gewissheit: dass es keine Gewinner gibt. Und dennoch, wenn man ihn nicht selber erlebt, bleibt er unvorstellbar. Bilder und Filme unternehmen den Versuch, Außenstehenden das Geschehen näher zu bringen. Doch egal, wie drastisch das Dargestellte ist, die Distanz des Betrachters bleibt bestehen in Zeiten von KI, Deep Fakes und Fake News ist sie noch einmal geschärft.

Mit diesen Fragen hat sich Susan Sontag (1933−2004) in ihrem 2003 erschienenen Essay „Das Leiden anderer betrachten“ („Regarding the Pain of Others“) beschäftigt. Regisseurin Ayla Pierrot Arendt nimmt diesen Text als Ausgangspunkt für ihren gleichnamigen Abend, der jetzt im Depot 2 des Schauspiels Premiere feierte.

„Wahrscheinlich ist eine Erzählung in dieser Beziehung wirksamer als ein Bild.“
Zitat aus dem Stück

Gemeinsam mit dem vierköpfigen Ensemble bricht sie den Fließtext auf und bringt ihn in eine Dialogform. „Wahrscheinlich ist eine Erzählung in dieser Beziehung wirksamer als ein Bild“ heißt es – und diese Erzählung wird von vier Figuren getragen: eine Kriegsfotografin (Evi Kehrstephan), ein Kriegsarzt (Benjamin Höppner), eine Influencerin (Louisa Beck) und ein Fahrradtourist (Fabian Reichenbach).

Sie alle befinden sich auf einer Straße, irgendwo in einem ungenannten Kriegsgebiet. Die Fotografin ist auf dem Weg zum nächsten Schauplatz, der Arzt fährt zusammen mit einem Team von freiwilligen Medizinern zum nächsten Einsatz. Menschen aus dem näheren Umfeld des Geschehens, die selber an Kampfhandlungen nicht aktiv beteiligt sind.

Das Gefühl von Dialog

Wie bizarre Fremdkörper wirken da die sich selbst als Friedensaktivistin bezeichnende Influencerin, die im Brautkleid (!) durch das Land trampt (!). Oder der junge Mann, der auf seiner Tausende Kilometer langen Fahrradtour die „überraschend gut asphaltierte“ Straße als Transitstrecke von A nach B nutzt.

In Monologen berichten sie von ihren Erlebnissen in diesem Krisengebiet, die Erlebnisse ähneln oder ergänzen sich, die einzelnen Textpassagen verschränken sich und lassen das Gefühl von Dialog entstehen.

Permanten Stresssituation

Und so erzählen sie von Straßensperren und bewaffneten Passkontrolleuren, von netten jungen Soldaten, von Tankstellen, die Treffpunkte und Umschlagplätze sind. Von 20-Stunden-Schichten im OP, von Operationen auf Parkplätzen, nach dem das Krankenhaus beschossen wurde. Und davon, dass man entscheiden muss, wen man behandelt, wenn einfach zu viele Verletzte gleichzeitig eingeliefert werden.

Und es geht darum, wie man diese permanente Stresssituation verarbeitet und wie man die Menschen zu Hause davon überzeugen kann, dass man sich dieser Situation überhaupt aussetzt. Und der ständigen Gefahr.

Beobachter werden zu Opfern

Schließlich treffen alle vier aufeinander, an der Stelle, an der die junge Frau steht und den Daumen herausstreckt. Bislang hatten sie sich geschützt gefühlt, waren Beobachter, Helfer oder Unbeteiligte. Durch einen Drohnenangriff auf das mit dem Roten Kreuz gekennzeichneten Fahrzeug der Mediziner („Das ist Kriegsverbrechen. Ich bin hier, um zu helfen!“), werden sie selber zu Opfern der Waffen.

Auf der fast leeren Bühne (von Katharina Pia Schütz) sind um eine mit einem Tuch bedeckte Limousine mehrere Scheinwerfer gruppiert, die mal die Szenerie fluten, mal Blitzlichtgewitter andeuten. Sparsame Bewegungschoreographie, kurze, an Heiligenbilder gemahnende Videosequenzen (von Regisseurin Arendt zusammen mit Jan Isaak Voges), Kostüme (von Clara Rosina Straßer), die von Pragmatismus und nicht von Effekthascherei geprägt sind: Die Regie verlässt sich dankenswerterweise praktisch zu hundert Prozent auf den Text und gibt dem vierköpfigen Ensemble den nötigen Freiraum, ihn wirken zu lassen.

Vier mal Idealbesetzung

Und jeder und jede im Quartett erweist sich als die Idealbesetzung für die jeweilige Figur: Benjamin Höppner ist ein wunderbar bärbeißiger und gleichzeitig empathischer Arzt, in Louisa Becks Influencerin treffen Naivität und jugendlicher Furor aufeinander. Fabian Reichenbach lässt seinen Radfahrer wie in einer Blase durch die Gegend fahren, bis sie schließlich zerplatzt.

Prima inter pares: Evi Kehrstephan. Als Kriegsfotografin und somit das Bühnen-Alter-Ego Susan Sontags verleiht sie dieser toughen, fast schon kaltschnäuzigen Figur eine unterschwellige Verletzlichkeit.

Nur eine Stunde dauert dieser Abend, was zunächst recht kurz wirkt. Doch 60 Minuten sind genau die Spanne, die man der komplexen Thematik, den vielschichtigen Betrachtungen Sontags in Bühnenform widmen kann, ohne das Publikum komplett zu überfrachten. Das Wesentliche ist gesagt, dennoch verlässt man das Theater mit dem Gefühl, dass sich draußen in der Realität nichts ändern wird.

60 Minuten, wieder am 24.3. sowie 1. und 22.4., weitere Termine geplant.