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Arno Geiger im Interview zur lit.Cologne„Auf der Straße war ich ein Niemand“

7 min
Arno Geiger.

Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger berichtet in seinem neuen Buch über eine seltene Sammelleidenschaft.

In „Das Glückliche Geheimnis“ erzählt Arno Geiger von seiner Zeit als Vagabund, der in Altpapiercontainern wühlte. Der Schriftsteller, der am Dienstag auf der lit.Cologne zu Gast ist, berichtet der Rundschau über seine Funde und sein Befinden.

„Froh zu sein, bedarf es wenig“, heißt es im Lied. Jahrzehntelang hat Sie die Suche in Altpapiercontainern erfüllt. Was war der Auslöser?

Ein Zufall. Fünf als Abfall neben eine Papiertonne hingestellte Kartons mit Büchern. Dieser Zufall traf, glaube ich, auf die entsprechende Neigung, denn nicht jede Geschichte passiert jedem. Als neugieriger Mensch habe ich mir gedacht: Altpapier? Vielleicht sollte ich mich mit dieser Materie näher auseinandersetzen.

Ihre Passion blieb ein Geheimnis, das Sie gerade noch mit Ihren Partnerinnen teilten. War das ein Doppelleben?

In den neunziger Jahren, als ich damit angefangen habe, war das, was man heute „containern“ nennt, weit abseits der üblichen Pfade. Auch deshalb habe ich’s für mich behalten. Ab dem Moment, als ich erfolgreich wurde, war’s im eigentlichen Sinn ein Doppelleben. Auf der einen Seite ein Leben als Säule der Gesellschaft, auf der anderen Seite ein Leben als Abfallsammler in den Straßen Wiens. Es überrascht mich bis heute, dass ich als Abfallsammler nie als die öffentliche Person angesprochen wurde, die ich gleichzeitig war.

Was bedeutet es, ein Geheimnis zu haben?

Für mich war’s zunehmend ein Rückzugsraum, wie eine Bettdecke, die ich über den Kopf ziehen konnte, zum Abschalten. Und es hat auch etwas Erholsames, zwischendurch nicht dem Bild zu entsprechen, das andere von einem haben – sich zwischendurch denken zu können, ich bin mehr als das, wofür mich die andern halten.

Und was bedeutet es für die Partnerschaft, Geheimnisse zu teilen? In Ihren Beziehungen spielte das Suchen im Altpapier ja auch eine Rolle.

Ein gemeinsames Geheimnis ist gut, gut im Alltag, gut für die Beziehung. Meine Frau sagt, sie wolle es nicht mit sexueller Treue vergleichen, und doch, es gebe da etwas Gemeinsames, etwas Exklusives: Nur wir! Etwas, das nur uns gehört. Meine Frau hat mich oft aus dem Bett gescheucht: „Schau, dass du hinauskommst!“ Einerseits wusste sie, dass mich die körperliche Bewegung, die frische Luft und die Ablenkung ausgeglichener machen. Andererseits hat sie viel Anteil genommen an dem, was ich nach Hause brachte. Für sie als Ärztin war es ebenfalls etwas Besonderes, etwas Unkonventionelles. Da gibt es etwas in unserem Leben, das entspricht nicht dem gängigen Bild.

Sie haben manche Schätze gefunden, der „große Wurf“ war aber nur alle paar Jahre dabei. Was brachte Ihnen das routinierte Alltagssuchen?

Welcher Intellektuelle verbringt schon tausende Stunden auf der Straße. In unserer Gesellschaft geraten Straßen zu Recht unter Druck, es gibt zu viele davon. Aber Straßen können etwas ungemein Schönes haben, wenn man sich dort aufhält, mit dem Gefühl, man ist Teil der Welt. Als Mensch, als Person, war es für mich, glaube ich, außerordentlich wichtig, dass ich auf der Straße ein Niemand war, schlecht angesehen, einer, der im Abfall nach Brauchbarem sucht. Und irgendwann empfand ich genau das als wohltuend. So ein Gefühl: Hier muss ich keine Erwartungen erfüllen, ich bin unterwegs, ich bin den Leuten egal, sie halten mich für einen armen Teufel. Aber wer weiß, vielleicht finde ich heute einen bedeutenden Schatz.

Sie haben einen geschulten Blick, was ein Haufen Altpapier potenziell bergen könnte. Was ist dabei entscheidend?

Es gibt Dinge, die sind ökonomisch wertvoll, ich habe alles gefunden, angefangen vom illustrierten Buch aus dem 16. Jahrhundert bis hin zu Briefen von Marie von Ebner-Eschenbach. Für mich das Wertvollste aber waren die alltäglichen Nachrichten aus dem Leben der Menschen. Der Abfall erzählt eine andere Geschichte als die großen Kunstwerke. Dort findet sich Zweitrangiges, Beiläufiges, Ungeschliffenes. Der Abfall zeigt uns tendenziell eher so, wie wir sind, und nicht so, wie wir gerne wären – von der Rückseite her. Für jemanden wie mich, der seinen Lebensunterhalt damit verdienen will, dass er vom Leben der Menschen erzählt, ist das großartig.

Immer hat Sie auch die Sorge getrieben, Schreckliches zu finden. Wie haben Sie sich gewappnet?

Ein Übermaß an Fantasie ist fürs Schreiben bestimmt kein Nachteil, im Alltag hingegen oft ein Fluch. Ich stelle mir ständig Dinge vor, die möglicherweise passieren könnten, und dann spiele ich die Situation in Gedanken durch. Eigentlich nicht sehr angenehm. Oft hat es mit Ängsten zu tun. Aber dadurch wappne ich mich auch, denn ich mache mich mit der Situation gedanklich vertraut: Was, wenn ich in einer Altpapiertonne eine Leiche finde? Oder ein weggelegtes Neugeborenes?

Früher gab es mehr Liebesromane, heute mehr Pizzakartons und Elektroverpackungen im Müll. Wo wandern die Selbstreflexionen und Liebesbekundungen ihrer Einschätzung nach hin, in die sozialen Medien?

Ja. Aber die sozialen Medien sind kommunikativer, sie rechnen mit einer schnellen Antwort – wie auch beim Telefonieren, mehr Gespräch als Bericht. Beim Briefeschreiben ist man mehr auf sich selbst zurückgeworfen. Briefe sind monologischer, ausdauernder. Im besten Fall haben Briefe einen langen Atem. Und je größere Strecken sie zurücklegen, desto offener sind sie.

Tagebücher, auch Briefe aus dem Zweiten Weltkrieg, landen im Müll. Wie sehr hat Sie das Gelesene geprägt oder prägt es Sie noch immer?

Ich verdanke dem Abfall unglaublich viel und werde mein Leben lang davon zehren. Das Erfahrene und das Gelernte gehen ja nicht verloren, nur weil ich mit meinen Streifzügen aufgehört habe. Am meisten profitiert habe ich als Mensch, und das wirkt natürlich indirekt auf das Schreiben. Was verstehen die Menschen unter Leben? Wie gehen sie mit Krisen um? Warum sind die einen glücklich, die andern unglücklich? Insgesamt: Wenn ich mehr über das Leben weiß, habe ich auch mehr darüber zu sagen. Und auch über das Schreiben habe ich aus den Alltagsdingen viel gelernt. Das Beiläufige und das Offenherzige stellen sehr viel höhere Ansprüche, als man im ersten Moment meinen würde.

Auch nach dem Durchbruch als Schriftsteller haben Sie ihr Geheimnis behalten, Ihre Passion verfolgt. Was gab Ihnen diese Kontinuität?

Man spürt ganz einfach, wie soll ich sagen, auf eine ganz natürliche Art, was gut ist und was nicht. Wo bin ich glücklich? Hier. Wo kann ich mich entwickeln? Hier. Also bleibe ich dieser Sache treu. Und irgendwann erschöpft sich diese Sache dann doch, und es ist an der Zeit, aufzuhören und Freiräume zu schaffen für Neues. Also habe ich vor einigen Jahren aufgehört.

Immer mehr Menschen sammeln Flaschen. Was denken Sie, wenn Sie sie sehen?

Hoffentlich haben sie einen guten Tag. Hoffentlich finden sie etwas. Oft findet man ja nicht das, was man sucht, sondern etwas um vieles Besseres. Der Zufall braucht ein bewegliches Ziel, und diese Menschen sind in Bewegung.

Sind Sie nach der Veröffentlichung froh, dass das Geheimnis nun „gelüftet“ ist? Wie war die Reaktion bislang?

Oft fand ich es schade, dass ich mein Geheimnis „hüten“ musste, denn ich hätte gerne davon erzählen wollen. Du sitzt am Tisch mit lauter Menschen, die du magst, es wird den ganzen Abend durcheinandergeredet, und einen ganz wichtigen Aspekt in deinem Leben sparst du aus. Immer. So gesehen: Ja, ich bin erleichtert. Im privaten Umfeld sind alle neugierig. Manche sagen: Sei froh, dass du mir nicht davon erzählt hast, ich hätte nämlich sofort gesagt: Nimm mich mit! – Das ist mir natürlich sympathisch.


Das Festival

Die Lesung von Arno Geiger aus seinem Buch „Das glückliche Geheimnis“ (Hanser, 25 Euro) am 7. März in der Volksbühne ist ausverkauft. Karten gibt es noch unter anderem für die Veranstaltungen mit Oliver Polak (4.3., 19.30 Uhr), Maria Schrader, die Ilse Aichinger liest (5.3., 11 Uhr), Dorothee Röhrig (6.3., 19 Uhr), Frank Goosen (6.3., 21 Uhr) oder Clemens J. Setz (8.3., 19 Uhr). Der aktuelle Stand findet sich auf der Homepage des Festivals: www.litcologne.de