Abo

Denis Pfabe„Die Möglichkeit einer Ordnung“ beschreibt den Bausatz des Lebens

3 min
Denis Pfabe schrieb "Die Möglichkeit einer Ordnung

Denis Pfabe schrieb "Die Möglichkeit einer Ordnung"

Der neue Roman des Autors Denis Pfabe spielt im Baumarkt. Dort  arbeitet er auch. Für eine Kurzgeschichte bekam er bereits den Deutschlandfunk-Preis.

Über seinen Arbeitsplatz in einem Baumarkt zu schreiben, das war für den Bonner Autor Denis Pfabe lange tabu. Offenbar ist im Sommer 2024 aber der Knoten geplatzt, als der Staplerfahrer beim hoch angesehenen Ingeborg-Bachmann-Preis die zweithöchste Auszeichnung erhielt. Für seine Kurzgeschichte „Die Möglichkeit einer Ordnung“ bekam er in Klagenfurt den Deutschlandfunk-Preis im Wert von 12.500 Euro verliehen.

Arbeit und Literatur verknüpft

Die Idee, über seine Arbeit zu schreiben, gärte in ihm weiter und nun ist „Die Möglichkeit einer Ordnung“ als Roman erschienen. Der Titel ist offen angelegt, und der Leser taucht ein in einen Kosmos diverser gesellschaftlicher Entwicklungen — auch aus kaufmännischer Sicht erfährt man Erhellendes über die Wünsche, das eigene Heim zum Bollwerk gegen die Außenwelt aufzurüsten. Pfabe ist ein Sprachkünstler, der Plot hat zwar viele Stränge, passt aber zuletzt wie ein Bausatz unterschiedlicher Lebensleistungen passgenau zusammen.

Man fühlt sich an die Schriftstellerin Brigitte Reimann erinnert, die sich in ihrem Frühwerk dem Bitterfelder Weg verpflichtete, nach dessen Leitlinien Autoren der DDR in den 1960er Jahren versuchen sollten, durch die Arbeit in Industriebetrieben einen engeren Kontakt zum Volk herzustellen. Arbeit und Literatur verknüpft Pfabe schon lange. Der Autor erklärte kurz nach seiner Auszeichnung in Klagenfurt gegenüber der Rundschau, dass er von seinen Büchern nicht leben könne und sich das Schreiben erarbeite. Aber es sei ihm auch besonders wichtig, nicht nur im Zimmer zu sitzen.

Filmriss

Tragend für den Schreibprozess seien ebenso die Phasen, in denen er nicht schreiben könne, da er im Baumarkt arbeite. Der Austausch sei entscheidend. In seinem neuen Roman erzählt Pfabe die Geschichte des Levin Watermeyer, dem die zunehmende Beschleunigung im Baumarkt zu schaffen macht. Fragen über Fragen beantwortet er den Kunden, wie am Fließband. Kommen sie nach wenigen Minuten noch einmal zurück, erkennt er sie oft schon gar nicht wieder. Als ihn ein Kunde mit dem Smartphone telefonierend quasi so nebenher nach einer optimierten Lösung seiner smart-bewässerten Weinreben auf der Finca in Spanien befragt, hat Watermeyer einen Filmriss, muss für eine Weile aussteigen. Es ist alles zu viel.

Der Termin beim Psychologen bleibt jedoch nur eine einmalige Sache. Watermeyer muss selbst schauen, wie er, ausgebrannt wie er ist, wieder auf die Füße kommt. Auch der Baumarkt als Spiegel einer modernen, konsumgetriebenen Gesellschaft gerät in wildes Fahrwasser: Sanitäranlagen laufen über, seltene Gelbbauchunken bedrohen die Expansionspläne. Denn Naturschützer Rolf Tampe hat sich vorgenommen, die kleinen spitzwarzigen Froschlurche vor einer weiteren Bodenplatte zu bewahren, findet in Olaf Schlöte sogar einen Verbündeten aus der Baumarktcrew.

Vor dem großen Coup stürzt er aber vom E-Bike. Das verschafft den Chefs Ruis und Seehafer jedoch nur eine allzu kurze Verschnaufpause im Leistungsdruck unter dem Motto höher, schneller, weiter. Auch Unternehmer Richard Wächter und seine Frau Gesine geraten in das Getriebe: Ihre Wächtergruppe wird vom Baumarkt im erbitterten Wettbewerb übernommen – samt Mitarbeiterin Pina Sommerfeldt, die manches delikate Geheimnis und explizite Vorlieben ihres ehemaligen Chefs kennt. Im neuen Job wünscht sie sich einfach nur einen Neuanfang.

Komplexes Baumarkt-Mosaik

Alles das sind Steinchen eines komplexen Baumarkt-Mosaiks, das der Autor in aller Klarheit mit wunderbarer Sprache zeichnet. Nachdem er das Buch ausgelesen hat, schwört sich der Leser, nie wieder über die Servicewüste Deutschland zu mosern. Denn Denis Pfabe zeigt, dass die Wüste lebt – und vor allem wie und unter welchen Umständen sie lebt.

Denis Pfabe: „Die Möglichkeit einer Ordnung“, Rowohlt, 225 S., 25 Euro.