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Emma Thompson im Interview„Wir müssen mehr normale Körper sehen!“

4 min

Schon auf der Berlinale alberte Emma Thompson mit ihrem „Leo“ Daryl McCormack für die Fotografen herum.

Am Donnerstag kommt Emma Thompsons neuer Film  „Meine Stunden mit Leo“ ins Kino. Dieter Oßwald sprach mit der zweifachen Oscar-Gewinnerin über diese Geschichte einer Witwe, die sich von einem Callboy lang verwehrte sexuelle Erfüllung  erhofft.

Frau Thompson, in der letzten Szene steht Ihre Figur völlig nackt vor dem Spiegel. Sind Sie das selbst oder hat ein Double die Szene übernommen?

Das bin ich natürlich selbst!

Das ist für einen Star ungewöhnlich und ziemlich mutig…

Weshalb soll das mutig sein? Sie meinen, es wäre mutig, weil ich 62 Jahre alt bin! Würde Charlize Theron nackt vor der Kamera stehen, würden Sie das vermutlich nicht als mutig bezeichnen!

Zwei verschiedene Oscars

Die britische Schauspielerin gehört zu denjenigen Oscar-Gewinnern, die die Trophäe in zwei verschiedenen Kategorien erhielten: Zum einen als Beste Schauspielerin für „Wiedersehen in Howards End“, zum anderen für ihre Adaption von Jane Austens „Sinn und Sinnlichkeit“ als Bestes Drehbuch. (EB)

Doch, das wäre von Charlize Theron ebenso mutig.

Na gut, Sie haben Ihre Antwort ja bereits bekommen. Sie finden es mutig. Tatsächlich läuft die gesamte Geschichte darauf hinaus, dass meine Figur Nancy endlich in der Lage ist, ihren Körper zu akzeptieren. Dabei handelt es sich um einen ganz normalen, natürlichen Körper ohne irgendwelche Behandlungen. Ihre Frage macht mir deutlich, dass wir einfach nicht gewöhnt sind, normale Körper zu sehen. Ob das mutig ist oder nicht, darüber kann man streiten. Unbestreitbar ist allerdings die Tatsache, dass es gut für uns alle wäre, wenn wir mehr normale Körper sehen würden.

Was reizte Sie an diesem Stoff?

Das Drehbuch ist unglaublich modern. Es behandelt Fragen von Scham und Lust wie ich es in dieser Form noch in keinem Film gesehen habe. Nancy ist keine Puritanerin, sondern eine ganz durchschnittliche Frau mit einem ganz gewöhnlichen Beruf. Sie war verheiratet und hat zwei Kinder. Vielleicht ist ihre Einstellung nicht unbedingt sehr liberal, doch das macht ihre Normalität eben aus. Im Kern erzählt der Film davon, wie zwei Menschen in einem Raum voneinander lernen. Wie sie Vorurteile ablegen. Und wie wichtig es ist, miteinander zu reden. Unter normalen Umständen würden diese beiden Menschen kaum miteinander sprechen. In diesem Hotelzimmer jedoch müssen sie ihre Komfortzone verlassen.

Wie würden Sie Ihre Figur charakterisieren?

Nancy ist mutig, aber sie hat ihre Fehler. Viele ihrer Überzeugungen sind das Gegenteil von woke, was ich liebe, weil das bei 90 Prozent der Bevölkerung ebenso ist. Und sie hat ihr ganzes Leben lang Regeln befolgt. Doch langsam erkennt man, dass dieses vermeintlich so perfekte Konstruktion in Wirklichkeit ganz anders aussieht. Es gibt eine Leere, welche Nancy daran gehindert hat, wirklich ein menschliches Wesen zu sein.

Ist die sexuelle Revolution an ihr vorbeigegangen?

Ja. In einer Szene sagt sie, dass es Frauen ihrer Generation gibt, die sexuell aktiver waren als sie selbst. Sie lebte in einer kleinen Stadt und verbrachte dort ein ordentliches Leben: Beruf, Ehe, Kinder. Sie hat sich anständig verhalten, so wie es Frauen damals gesagt wurde: Sei ein gutes Mädchen! Die Lust am eigenen Körper war für sie mit Sicherheit nie ein Thema.

Sorgen Flirt-Plattformen wie „Tinder“ heute für mehr Freiheiten?

Nein, sie sind eine Einladungen, die eigenen Fotos zu industrialisieren. Das Ziel ist, möglichst perfekt auszusehen. Was Werbung und Kino vormachen, wird dort nachgestellt. Dort werden perfektionistische Varianten des menschlichen Körpers als Vorbild gefeiert, die man selbst niemals erreichen kann. Das sorgt natürlich für ganz große Unzufriedenheit. Unser Film hingegen zeigt, wie Zufriedenheit entstehen kann, nämlich durch Kommunikation. Am Ende hat Nancy diese sehr schöne Bindung mit diesem Mann, eine tiefe und unromantische Intimität. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen.

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Wie gelingt es, die Intimität glaubhaft darzustellen?

Die Regisseurin Sophie, mein Partner Daryl und ich haben gemeinsam sehr viel geprobt. Es gab diese Übung, bei der wir auf dem Boden lagen und beschreiben musste, welche Stellen am Körper einem gefallen und welche nicht. Dann haben wir einen ganzen Tag damit verbracht, unbekleidet zu sein. Damit hat sich die Nacktheit zwischen uns normalisiert.

Wie ergeht es Ihnen selbst, wenn Sie sich vor den Spiegel stellen?

Ich kann nicht so vor einem Spiegel stehen. Sobald ich das tue, ziehe ich den Bauch ein, drehe mich seitwärts. Ich ertrage das nicht, mich so anzugucken. Man hat uns Frauen unser ganzes Leben lang eine Gehirnwäsche verpasst, damit wir unsere Körper hassen. Und alles, was uns umgibt, erinnert uns daran, wie unvollkommen wir sind und was alles nicht perfekt ist. Ziehen Sie sich mal aus und stellen Sie sich still vor einen Spiegel. Bewegen Sie sich nicht. Akzeptieren Sie, wie Sie sind.