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Rückblick

Gipfelsturm und Talfahrt
Ein Blick auf die Kulturlandschaft Kölns 2025

6 min
01.10.2025, Nordrhein-Westfalen, Köln: Der Zuschauerraum der Oper kann bei einer Pressekonferenz zum Stand der Sanierung der Kölner Bühnen besichtigt werden. (zu dpa: «Jetzt aber wirklich: Kölner Oper soll 2026 wiedereröffnen») Foto: Henning Kaiser/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Bei der Bekanntgabe der Eröffnungstermine durfte der Saal der Oer schon einmal strahlen. 

Kölns Schauspiel erlebte unter Intendant Kay Voges einen Premierenrausch, während Andrés Orozco-Estrada neue Akzente als General-Musikdirektor setzt.

Aufatmen am Offenbachplatz? Wenn wir mal ehrlich sind: Ganz glauben mag man immer noch nicht, dass es ein Eröffnungsdatum für die sanierten Bühnen gibt. Aber EX-OB Henriette Reker ließ sich den großen Auftritt nicht nehmen und verkündete die anstehenden Termine für den September 2026: Nach einem zweitägigen Bürgerfest (19./20.9.) ist die festliche Eröffnung für den 24. geplant, an den beiden folgenden Tagen zeigen Oper und Schauspiel ihre ersten Premieren. Es fällt schwer, nicht „wenn alles gut geht“ hinterherzuschieben.

In einem wahren Premierenrausch wähnte sich das Schauspiel schon in der laufenden Spielzeit. Nachdem sich Rafael Sanchez geräuschlos (nicht zu verwechseln mit sang- und klanglos!) nach Zürich verabschiedet hatte, zündete der neue Intendant Kay Voges ein Feuerwerk. Praktisch alle zwei Wochen gab’s und gibt’s neue Stücke auf dem Spielplan, teils für Köln konzipiert, teils Übernahmen etwa aus Voges vorheriger Wirkungsstätte, dem Wiener Volkstheater.

Voges und seine Art von Theater

Und Voges setzte mehr als nur eine Duftmarke: Seine Idee von Theater ist politisch, manchmal krawallig, sehr oft optisch herausfordernd. Doch die Kölner ziehen bislang mit, vieles ist ausverkauft. Es bleibt abzuwarten, ob die Neugier bleibt und ob die bisher exzellenten Besucherzahlen langen, um das Schauspiel am Offenbachplatz zu füllen.

Andrés Orozco-Estrada ist seit September General-Musikdirektor der Stadt Köln, in den Monaten zuvor hatte er schon überzeugend beim Gürzenich-Orchester, in der Oper und beim WDR Sinfonieorchester den Taktstock geschwungen. Sein offizielles Eröffnungskonzert mit den „Carmina Burana“ und die Opernpremiere „Manon Lescaut“ war da fast schon ein wenig „business as usual“.

Mulders' Flucht nach vorn

Opern-Intendant Hein Mulders, ansonsten eher ein zurückhaltender Vertreter seiner Zunft, hatte sich kurz zuvor mit einem kleinen Paukenschlag in die Sommerpause verabschiedet. Nachdem er sich über Monate einer Verleumdungskampagne ausgesetzt sah, trat Mulders die Flucht nach vorn an und wehrte sich gegen die Gerüchte in einer Pressemitteilung. Die Anschuldigungen hätten in Zusammenhang mit seiner - nie verschwiegenen - Homosexualität gestanden. Die Mitteilung blieb nebulös, Nachfragen gewährte Mulders nicht, er war, wie man so schön sagt, „nach Diktat verreist“.

Kurz vorher waren die Bühnen insgesamt unangenehm aufgefallen, als das Rechnungsprüfungsamt monierte, dass man doch oft und üppig gefeiert habe: Von 2022 bis 2024 hätten die Bühnen demnach 17 Betriebsveranstaltungen für insgesamt 178.181,03 Euro durchgeführt. In Zeiten, wo überall im Kulturbereich schwer gespart werden musste, sicherlich nicht das solidarischste Zeichen, dass man da setzte.

Aus für Akademie und „Acht Brücken“

Die finanziellen Kürzungen bekamen die Akademie der Künste der Welt und „Acht Brücken“, das Festival für Neue Musik, hautnah und gnadenlos zu spüren: Es gab kein Geld mehr von der Stadt. Während die Akademie praktisch seit ihrer Gründung an Imageproblemen und mangelnder Kommunikation litt, war man sich Land auf, Land ab einig, dass das Ende von „Acht Brücken“ einen herben Verlust darstellt.

Und es für Ewa Bogusz-Moore noch etwas schwieriger machte, das Erbe von Louwrens Langevoort an der Spitze der Philharmonie anzutreten. Der Holländer hatte das Konzerthaus 20 Jahre lang äußerst charismatisch und nicht immer zur Freude von Politik und Verwaltung geleitet. Die in Polen geborene Bogusz-Moore setzt bislang eher auf Pianissimo denn auf Forte. Man darf gespannt sein, welche Kämpferinnen-Qualitäten sie entwickelt, geht es etwa an die Generalsanierung von Philharmonie und Museum Ludwig - die aber laut Ausschreibung nicht vor 2032 stattfinden soll.

Offene Zukunft für das Depot

In eine offene Zukunft geht es auch für das Depot in Mülheim. Die großen Pläne, dass dort eine Tanzkompanie als dritte Sparte der Bühnen ihr Zuhause findet und das Gebäude als Produktions- und Spielstätte für die freie Szene zur Verfügung steht, sind für den Moment ad acta gelegt. Einmal mehr fehlt das Geld.

Auch die Zukunft der Kunst- und Museumsbibliothek ist noch lange nicht in trockenen Tüchern. Verteilt über mehrere Standorte in der Stadt fristet die KMB weiter ein unbefriedigendes Interimsdasein.

Auf der Habenseite für Köln: Das Kollwitz Museum hat nach einer Sanierung seine Pforten wieder geöffnet, wenn auch viel später als geplant.

Neue Perspektiven für Kollwitz und Keller

In seinem Museum Kolumba setzt das Erzbistum auf Kontinuität: Auf den scheidenden Direktor Stefan Kraus wird dessen bisheriger Stellvertreter Marc Steinmann folgen.

Eine gefühlte Ewigkeit hat das Theater Der Keller mit einer ungeklärten Raumsituation exzellente Arbeit geleistet. Nun ist klar: Das ehemalige Dominikaner-Kloster an der Lindenstraße wird zum Theater umgebaut. Der Schönheitsfehler: Der langjährige, engagierte und streitbare Leiter, Heinz Simon Keller, musste gehen: „Gravierende Mängel in der Wahrnehmung seiner administrativen Leitungsaufgaben“ so die Begründung.

Querelen um das Film Festival Cologne

Martina Richter, Leiterin des Film Festival Cologne, sah sich erneut mit Vorwürfen bezüglich ihres Führungsstils konfrontiert: Nachdem sich im Jahr zuvor ehemalige und aktuelle Mitarbeitende in einem offenen Brief anonym zu Wort gemeldet hatte, legte nun der Deutschlandfunk mit einer ausführlichen Reportage nach. Auch das ARD-Magazin „Titel, Thesen, Temperamente“ widmete sich dem Thema. Aber weder die Film- und Medienstiftung NRW noch die Stadt Köln, ihres Zeichens Geldgeber des privat geführten Festivals, sahen sich bislang genötigt, sich offiziell einzuschalten.

An dieser wie an vielen anderen Stellen hätte man sich klare Kante von Kulturdezernent Stefan Charles gewünscht. Man wird den Eindruck nicht los, dass der Schweizer oft mit großer Geste Pläne vorstellt und sich auf die Fahnen schreibt, die aber dann oft an den (finanziellen) Realitäten scheitern. Oder scheinbar nicht mit voller Kraft verfolgt werden.

Jazzpreis verlässt Köln wieder

So deklarierte er zwar stolz Köln als Austragungsort der Verleihung des Deutschen Jazzpreises. Aber nach der zweiten Verleihung 2025 geht die Veranstaltung im kommenden Jahr kommentarlos und ohne ein Wort des Bedauerns wieder zurück nach Bremen. Auch wenn dies vielleicht von Anfang an so geplant war, wurde der Fakt zumindest nicht hervorgehoben.

Auch in Sachen Leitung des Rautenstrauch-Joest-Museums wünschen sich die Mitarbeitenden seit langer Zeit bessere Verhältnisse, das zwischen der künstlerischen Leiterin Nanette Snoep und einem großen Teil der Belegschaft gilt als gesichert zerrüttet. Anne Fischer als neue geschäftsführende Leiterin konnte bei allem Engagement die Situation dem Vernehmen nach nicht entscheidend verbessern.

RJM unter seinen Möglichkeiten

Zumindest gibt es fünf Jahre nach „Resist! Die Kunst des Widerstands“ mit „Amâzonia“ wieder eine große Ausstellung. Der Pferdefuß: Es ist eine Wanderausstellung mit Fotos von Sebastião Salgado, die schon in vielen Städten zu sehen war.

Das Haus selber stellt unter dem Motto „Die Zukunft ist indigen“ das Rahmenprogramm zusammen. Ein ehrenwertes Unterfangen, das aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass eines der großen ethnologischen Museen Deutschlands hier einmal mehr unter seinen Möglichkeiten arbeitet.

Wie die Rundschau erfuhr soll der bis Ende 2026 laufende Vertrag mit Nanette Snoep nicht verlängert und die Suche nach einer Nachfolge im Januar begonnen werden. Ob man auf dem überschaubaren Markt von Ethnologen mit Leitungserfahrung so schnell fündig wird, ist die Frage. Man darf gespannt sein, welche Antwort der Kulturdezernent darauf finden könnte.