Das zweitägige Event für junge, diverse Literatur und Popkultur im Stadtgarten Köln lockte wieder viele Besucher an. Manchmal fehlte es den Autorengesprächen an Streitkultur und kontroversen Themen.
lit.PopDie „coole, junge Schwester“ des Literaturfestivals im Kölner Stadtgarten

Die Autorin Verena Keßler war zu Gast bei der diesjährigen lit.Pop im Kölner Stadtgarten.
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Was will die lit.Pop sein? Ein Marketing-Event für junge, diverse Literatur? Oder ein Platz für Debattenstreit rund um die wichtigen Themen junger Leserinnen und Leser in unserer Gesellschaft? So richtig entschieden haben sich die Macher der lit.Pop wohl auch in diesem Jahr nicht. Aber dazu später.
Der zweite Tag der „kleinen, coolen Schwester“ des Literaturfestivals „lit.Cologne“ begann durchaus spektakulär. Der erst 22-jährige schweizer Erfolgsautor Nelio Biedermann sprach mit Moderatorin Miriam Zeh über seinen weltweit erfolgreichen Roman „Lázár“. Zu Beginn von den Lobeshymnen und Suggestivfragen der Moderatorin, wie er sich denn als Weltstar fühle usw., etwas überfordert, nahm der sehr bodenständig wirkende Jungautor wohltuend etwas Tempo aus dem Gespräch. Er genieße all das, was da gerade auf ihn einstürze – inklusive der geplanten Verfilmung von Erfolgsregisseur Tom Tykwer.
Zeh, die sich selbst als Literatur-Nerdin bezeichnete, wies auf viele Zitate aus berühmten Werken in Biedermanns Buch hin. Der Vergleich von „Lázár“, sprich die Geschichte einer untergehenden Großfamilie in Ungarn im letzten Jahrhundert, zu Thomas Manns Buddenbrooks wurde bereits von mehreren Kritikern gestellt. Biedermann stimmte zu: Wenn er schreibe, sei das auch immer eine Liebeserklärung an die großen Autoren, die ihn geprägt hätten.
Es gab Szenen-Applaus nach seinen eingestreuten Kurz-Lesungen. Das Publikum, sein Publikum, schloss sich damit Miriam Zeh an, die das Erfolgswerk ihres fast noch jugendlichen Autors feierte. Dabei ginge es in der Familiengeschichte weiß Gott nicht zimperlich zu. Es werde viel gestorben und auch die dunklen Seiten, zum Beispiel in der Zeit des Zweiten Weltkrieges nicht ausgelassen, hob die Moderatorin hervor. Biedermann stimmte zu: "Es war mir sehr bewusst, dass es schwierige Ereignisse gab, für die einem in der Regel die Worte fehlen. Ich habe daher oft das Stilmittel der Reduktion benutzt." An diesen Passagen habe er deswegen auch jeweils länger gearbeitet - das gelte auch für die Sex-Szenen, fügte Biedermann an und sorgte am Ende des Gesprächs für einen echten Lacher.
Erfolgsautorin überrascht mit ausgewähltem Milieu
Eine weitere Erfolgsautorin sorgte dann im kleinen Veranstaltungsraum „Jaki“ für eines der unterhaltsamsten Gespräche des Abends. Miriam Zeh moderierte wieder. Es ging um Fitness-Sport – eine Disziplin, die in der Literaturwelt wohl eher stiefmütterlich betrachtet wird. Keßler erzählte, dass sie sich bis heute nicht in ihrem Studio goutet habe, einen Roman über die Szene in einem Fitness-Studio geschrieben zu haben. Und legte amüsiert nach: "Das soll auch so bleiben."
Im Kern der Geschichte ginge es um übertriebenen Ehrgeiz, um unsere Leistungsgesellschaft und die Lust nach ständiger Selbstoptimierung, so Keßler. "Und ich wollte schon immer mal eine Geschichte schreiben, in der eine große Lüge eine wichtige Rolle spielt." Der Protagonistin in Keßlers neuen Roman "Gym" fehlt es tatsächlich an Fitness. Um den Job trotzdem zu bekommen, erzählt sie dem Studio-Inhaber und "Frauenversteher", dass sie ein Kind bekommen habe und nun außer Form sei. Sie bekommt ihn und muss nun ständig die Fragen ihres Chefs nach dem Kleinen beantworten. Nebenbei wird sie zur obsessiven Fitness-"Extremistin".
Verena Keßlers Roman überzeugt nicht nur Zeh durch seinen Witz, die Erzählung einer großen Lüge und die gekonnten Beschreibungen der Fitness-Szene und einzelner Kraftübungen, aus denen eigentlich nur schwer gute Literatur zu machen sei, wie die Moderatorin verblüfft anmerkte. Keßler antwortete, dass ihr die Idee tatsächlich im eigenen Fitness-Studio gekommen sei. „Ich finde, dieses Milieu eignet sich hervorragend für einen Roman. Eigentlich komisch, dass noch nicht mehr darauf gekommen sind“, erzeugt Keßler noch einmal für Lacher im Publikum.
Chance zu einer kritischen Debatte vertan
Ein besonderes Gespräch hätte zum Abschluss im großen Saal folgen können. Die aus dem Brennpunkt-Viertel Frankfurt-Gallus stammende Rapperin OG LU war zu Gast. Bekannt und beliebt bei ihren Fans ist sie durch ihre „Straßentexte“ und feministischen Statements im Netz und auf der Bühne. Dabei sind auch umstrittene Zeilen gegen die Polizei und das kapitalistische System. Hier versäumte es die Moderatorin, sich aus der Plauder- und Wohlfühlblase im Verbund mit der OG LU-Fanbase im Saal zu lösen und diese Aussagen kritisch zu hinterfragen.
Auch ihre relevanten Aussagen zu alltäglichem Rassismus und sozialer Ungerechtigkeit in der deutschen Gesellschaft hätten etwas tiefer gehende Diskussionen verdient gehabt. Wie sieht jemand wie OG LU, die noch bis vor Kurzem wenig Geld hatte und nun gut verdient und von ihrer Kunst gut leben kann, ihre Rolle in der Gesellschaft heute? Sie verurteilt das ungerechte System in Deutschland, ist aktuell aber Profiteurin dieses kapitalistischen Systems. Was sagt sie dazu? Diese Fragen wurden nicht gestellt. So bot sich der erfolgreichen Rapperin eine zwar unterhaltsame, aber am Ende recht belanglose Personenshow.
