Abo

Neues Musical für KölnDas Wunder von Taipeh, demnächst in Mülheim

4 min

Neun Freundinnen sollt ihr sein: das Ensemble von „Kick Like a Woman“.

Das Musical „Kick Like a Woman“ feiert im November Premiere im Kölner Depot 1.

„Dass unsere Leistung plötzlich ein Kunstwerk wird!“, freut sich Anne Trabant-Haarbach im Mülheimer Depot. Die heute 77-Jährige war 1981 als Spielertrainerin der SSG 09 Bergisch Gladbach zur inoffiziellen Weltmeisterschaft im Frauenfußball nach Taiwan gereist. Weil der DFB damals noch keine Nationalmannschaft unterhielt, wurde das Gladbacher Team kurzerhand zu einer solchen erklärt. Und wurde gegen alle Widerstände Weltmeister.

Dieses „Wunder von Taipeh“ erzählt Regisseur Gil Mehmert ab November im zum Musical-Theater umfunktionierten Depot 1 nach. Er hatte 2020 eine Kino-Doku über diese fast vergessene Underdog-Geschichte gesehen und Frank Blase und Marc Schneider von Apiro Entertainment vorgeschlagen, den Stoff zum Musical umzuarbeiten. Schließlich kommen die beiden Schulfreunde aus Bergisch Gladbach. Der Bühnenroutinier rannte offene Türen ein. Das Produzentenduo suchte dringend nach originellen Stoffen. Und der hier hatte alles: eine wahre Geschichte, ein feministisches Anliegen, eine populäre Sportart und eine David-gegen-Goliath-Geschichte von Zivilcourage, Power und Engagement.

Eine David-gegen-Goliath-Geschichte von Zivilcourage und Engagement

„Es geht um Menschen, die sich mit einem wahnsinnigen Kraftakt gegen alle Widerstände durchgesetzt haben, obwohl sie damals nichts damit verdient haben. Das sind Tugenden, an denen sich viele ein Vorbild nehmen können“, erklärt Marc Schneider beim Pressetermin im Depot. Und Frank Blase bekennt seine Liebe zur Musical-Comedy. Seine Lieblingsstücke seien „Book of Mormon“ und „The Producers“, aber mit Apiro wolle er eben keine Broadway-Gastspiele organisieren, sondern „mutige, überraschende, intelligente, unterhaltsame, neue, deutsche Musicals machen“.

Vor fünf Jahren haben Schneider und Blase das kölsche Singspiel „Himmel und Kölle“ auf den Weg gebracht und damit bewiesen, dass es hierzulande durchaus ein Publikum für neue, lokale Stoffe gibt. Mehmert entwickelte die Geschichte um das Frauenteam, an das niemand glauben wollte, gemeinsam mit dem Komponisten Stephan Kanyar („Einstein – das Musical“ und „Herz aus Gold“) und Constanze Behrends, einer der wenigen professionellen Musical-Autorinnen in Deutschland. Sie liebe Geschichten, erzählte Behrends in Köln, in denen es darum gehe, über Grenzen zu gehen. Sie sei zwar kein großer Fußballfan, liebe aber Sportfilme, den körperlichen Einsatz, die Option des Scheiterns und die Stärke, „die die jungen Frauen zeigen mussten, um sich in einer Gesellschaft durchzusetzen, in der Frauenfußball noch belächelt wurde“.

Sportjournalistin Okka Gundel im Gespräch mit den beiden Weltmeisterinnen Anne Trabant-Haarbach (l.) und Hannelore Geilen.

„Kick Like a Woman“ feiert am 14. November seine Uraufführung im Depot 1 und soll dort zunächst bis Ende April zu sehen sein. Mit neunköpfigem Ensemble, vierköpfiger Band und neuartiger LED-Technik für schnelle, dynamische Szenenwechsel.

Die ersten Szenen des nach einigen Voraufführungen in Bergisch Gladbach vor zwei Jahren gründlich überarbeiteten Musicals wissen – auch ohne fertige Kostüme und Kulisse – zu bezaubern: das Aufbegehren der jungen, von Antonia Kalinowski gespielten, Protagonistin Conny gegen den rustikalen Chauvinismus ihres alleinerziehenden Vaters; die beherzt gesungenen Vorschläge einer engagierten DFB-Sekretärin gegen das sture „Nein“ ihres Bosses („Frauen gehören nicht auf den Fußballplatz“); das erste, noch stotternde Spiel der Weltmeisterschaft, ein knapp errungenes Unentschieden gegen Indien.

Trotzdem bleibt „Kick Like a Woman“ als neues Stück ohne große Namen ein künstlerisches und natürlich auch finanzielles Wagnis. Das Musical schreibt seine eigene, waghalsige Underdog-Geschichte auf der Suche nach dem Wunder von Köln-Mülheim. Die sich der erfolgreiche Unternehmer Blase allerdings leisten kann. Erneut betonte er, dass es die Stadt war, die ihm angeboten habe, zur Spielzeit 27/28 das gesamte Depot zu übernehmen, äußerte Verständnis für die Raumnot der freien Szene (der er im Ausgleich 10 Millionen Euro an Fördergeldern zugesagt hat) – und erläuterte auch noch einmal die Pläne, dort, wo Teile des Carlsgartens vor dem Depot bereits abgeräumt wurden, neue Grünflächen anzulegen: „Die wollen wir aber so gestalten, dass wir sie im Sommer umräumen können, um Platz für eine Freilichtbühne zu schaffen.“

Ehrgeizige Pläne, die durchaus an den Wagemut des SSG 09 erinnern. Der Frauenfußball kämpft bis heute um gleichberechtigte Behandlung. Die Geschichte ist noch lange nicht auserzählt. „Da sind so viele Themen drin, die heute noch aktuell sind“, sagt Anne Trabant-Haarbach.