In „Vaim“ kombiniert Jon Fosse mystischen Realismus mit einer einzigartigen Struktur, um Beziehungen und Glauben zu hinterfragen.
Neuer Roman nach NobelpreisIn „Vaim“ erzählt Jon Fosse von Liebe, Einsamkeit und einem mysteriösen Wiedersehen

Jon Fosse gewann 2023 den Literaturnobelpreis.
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Verhält es sich mit der Liebe nicht ähnlich wie mit Gott: Wenn man nicht bereit ist, bedingungslos daran zu glauben, kann man es gleich sein lassen? Jon Fosse ist ein bekennender Katholik. Er selbst sagt: „Alles, was ich schreibe, ist eine Art Gebet.“ Sein neuer Roman, der erste seit dem Literaturnobelpreis 2023, macht da keine Ausnahme.
„Vaim“ ist gerade mal 160 Seiten lang. Weil Jon Fosse, wie schon zuletzt in seiner 1100-seitigen „Heptalogie“ (2019-2023), darauf verzichtet hat, auch nur einen Punkt zu setzen, gerät man beim Lesen in eine Art Trance, gerade so, wie beim Beten eines Rosenkranzes.
Einsame Männer in Westnorwegen
Jeder der drei Teile des Buches ist aus der Innenperspektive eines anderen Mannes erzählt. Da ist zunächst Jatgeir, ein mittelalter Mann, der allein im Haus seiner verstorbenen Eltern wohnt. Seinem Boot hat er den Namen seiner Jugendliebe „Eline“ gegeben, die das Städtchen Vaim in Westnorwegen verlassen und einen anderen geheiratet hat.
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Früher ist er noch in der Hoffnung nach Bjørgvin (altnordischer Name für Bergen) gefahren, um dort eine Frau kennenzulernen. Heute zieht es ihn nur noch dorthin, um Nadel und Faden zu kaufen, und als Provinzler wird er dabei von den Städtern übel übers Ohr gehauen.
Jugendliebe kehrt zurück
Eines Tages aber steht dort eben jene Jugendliebe Eline vor ihm, mit einem Koffer in der Hand, und fragt, ob er sie mit zurück nach Vaim nehmen könne, ihre sei Ehe gescheitert.
Jatgeir fühlt sich hin- und hergerissen. Es kommt ihm vor, als würde ein Wunsch in Erfüllung gehen. Auf der anderen Seite hat er sich in seiner Einsamkeit eingerichtet und wird von der bestimmt auftretenden Eline übertölpelt, die gleich bei ihm einzieht. Tief ins Bewusstsein Jatgeirs lässt Jon Fosse seine Leser eintauchen, in dem er dessen Gedanken in Form eines inneren Monolog schildert. Lang bleibt im Unklaren, ob sich all das wirklich ereignet, oder ob es sich nur in der Phantasie des Protagonisten abspielt.
Gottesgläubiger Einzelgänger
Überhaupt bezieht die Prosa von Jon Fosse ihren besonderen Reiz daraus, dass durch Doppelgängermotive und ähnliche Namen Figuren sich nur unklar voneinander abgrenzen. Auch Elias, der Erzähler im zweiten Teil, ist ein etwas tumber, aber gottesgläubiger Einzelgänger, der sich darüber beschwert, dass er seit diese Eline im Haus von Jatgeir lebt, er bei seinem Freund nicht mehr gern gesehen wird.
Umso mehr wundert er sich, als Jatgeir eines abends an seine Tür klopft. Kann das sein? Haben die Jungs am Steg nicht erzählt, dass Jatgeir gestern tot in der Brandung gefunden wurde? Hat ein Geist an Elias’ Tür geklopft hat? Der als Dramatiker bekannt gewordene Fosse gibt keine Antworten. Er bricht den zweiten Teil hier ab.
Bewusst einfache Sprache
Viele seiner Geschichten umspielen die Grenze zwischen Leben und Tod. Er selbst bezeichnet diese Art von Fiktion als „mystischen Realismus“. Beim Schreiben liegt ihm nicht am Herzen, sich selbst auszudrücken. Autofiktion ist seine Sache nicht. Vielmehr geht es ihm darum, sich dabei zu entkommen.
Der Reizüberflutung der Gegenwart begegnet er mit einer bewusst einfachen Sprache und setzt ihr die Macht der Stille entgegen. Wie eine Meditation lesen sich diese retardierenden, mitunter zu einer gewissen Zwanghaftigkeit neigenden Sätze. Kaum kann man sich ihnen entziehen.
Viele offene Fragen
Im dritten Teil kommt mit Frank eben jener von Eline verlassene Ehemann zu Wort. Es ist zu erfahren, dass sie ihn sich zurückgeholt hat. Ebenso dominant, wie sie das zuvor mit Jatgeir getan hat. Während sie ihre Wünsche durchsetzt, wirken die Männer in diesem Buch alle irgendwie willenlos. Es wirkt fast, als wären diese schlichten Gemüter, die ihren Booten mehr Zuneigung zeigen als den Menschen, froh, dass ihnen jemand den Weg weist. Und ist es mit Gläubigen nicht auch so?
So manche Frage lässt der 1959 Autor offen. Vielleicht ergibt sich die ein oder andere Antwort ja aus den Teilen zwei und drei seiner neuen Trilogie, die für die kommenden zwei Jahre angekündigt sind. Anzunehmen allerdings ist das wohl eher nicht, lebt seine mystische Prosa doch auf gewisse Weise vom Geheimnis.
Jon Fosse: Vaim. Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt. 160 S., 24 Euro.
