In unserer Serie „Schätze des Wallraf“ stellen wir das Gemälde „Flussufer im Nebel“ von Caspar David Friedrich vor.
„Schätze des Wallraf“Dieses Bild ist frühe Raketenwissenschaft

„Flussufer im Nebel“ von Caspar David Friedrich
Copyright: Wallraf-Richartz-Museum/Wikicommons
Was sehen wir, wenn wir Caspar David Friedrichs Gemälde „Flussufer im Nebel“ sehen? Dem Augenschein nach: ein Flussufer im Nebel, ein Lastschiff, das mit der Strömung treibt, und viel Natur dahinter und davor. Postkartenromantik also, auch wenn die drei Gestalten auf dem Schiff nicht wegen der Aussicht früh aufgestanden sind. Sie arbeiten, schemenhafte Geister im flüchtigen Weiß, während es sich die geblümte Wiese im Vordergrund in ihrer erwachenden Farbigkeit gemütlich macht.
Glaubt man führenden Friedrich-Experten, hat der große deutsche Romantiker in dieser Morgenstunde etwas völlig anderes gesehen: Geraden, Diagonalen, Ellipsen, Parabeln und Hyperbeln, geometrische Idealmaße wie den Goldenen Schnitt, das ganze metaphysische Abrakadabra einer „infinitesimalen“, auf eine Verbindung zwischen dem auf Erden Berechenbaren und der Unendlichkeit spekulierenden Mathematik. Also keine Naturidylle, sondern einen Gottesbeweis aus Malerei und Geometrie. Man könnte sein Kleinformat auch Raketenwissenschaft nennen, wenn es die zu Friedrichs Zeiten schon gegeben hätte.
Wegen dieser Liebe zur Geometrie gilt Friedrich als Vorläufer der abstrakten Malerei
Wie kein anderer Maler seiner Zeit (und vielleicht aller Zeiten) vertraute Caspar David Friedrich auf die göttlichen Proportionen des Goldenen Schnitts. Dabei wird eine gemalte mathematische Strecke (in der Malerei meistens der Horizont) in zwei Teile zerlegt, und zwar so, dass sich die längere Teilstrecke zur kürzeren Teilstrecke verhält wie die Gesamtstrecke zur längeren Teilstrecke. Wer das (wie der Autor) nicht versteht, wird für Friedrichs wunderbar anschauliche Nachhilfe dankbar sein. Bei ihm findet sich das, was den Blick aus der Wirklichkeit ins Unendliche zieht: ein Segel, ein Kirchturm, ein toter Baum oder ein aufgehender Mond, verlässlich dort im Bild, wo schon der antike Mathematiker Euklid den Goldenen Schnitt gelegt hätte – etwas seitlich von der Mitte.
Wegen dieser Liebe zur Geometrie gilt Friedrich heute als Vorläufer der gegenstandslosen Malerei, obwohl seine Bilder voller Gegenstände sind. Aber wir haben gelernt, das dahinter Verborgene zu sehen und angenehm vor dem Erhabenen in der pingeligen Bildkomposition zu erschauern. Dieses klassische Friedrich-Gefühl stellt sich auch vor der um das Jahr 1821 entstandenen Morgenstunde aus dem Wallraf-Richartz-Museum ein: Der Mast des Segelschiffs liegt exakt im Goldenen Schnitt, und die aufsteigende Diagonale des Wiesenufers bildet mit der absteigenden Diagonale der Hügelkette im Mittelgrund einen Pfeil oder wenigstens einen Fingerzeig, wohin die Reise geht: ins Ungewisse.
Die klassische Deutung des Werks stammt vom Kunsthistoriker Helmut Börsch-Supan, der im Lastschiff „mit den drei sich abmühenden Menschen“ ein Sinnbild des Lebens sah, und mit der Elbe als Lebensfluss, der unweigerlich der Mündung, dem Tod, entgegenströmt. Die blühende Wiese steht für die Vergänglichkeit und der Nebel für die getrübte Sicht des Menschen. Doch die aufgehende Sonne beginnt bereits, die Zweifel daran aufzulösen, dass es eine Erlösung im Unendlichen gibt.
So ähnlich klingen auch die Deutungen berühmterer Gemälde von Caspar David Friedrich, der sein erhabenes Hauptmotiv gerne variierte und in zahlreichen Landschaftsformationen fand. In Form brachte er sie stets im Atelier und griff dabei (mitunter nach dem Collageprinzip) auf eigene und fremde Naturstudien zurück. Wie beim Kölner Bild fällt stets die akribische Zeichnung von Blumen, Sträuchern, Bäumen, Gesteinsformationen oder auch der Takelage eines Schiffs ins Auge. Ihre höhere Bedeutung erhält diese rührende Ziselierung als Gegenentwurf zur verschwimmenden Gegenständlichkeit entfernter Gebirgszüge und Meereswogen. Sehnend und bang wandern die Blicke auch über dem nebligen Flussufer ins Unendliche. Während das Schiff mit seinen Schiffsleuten dem unvermeidlichen Tod entgegen treibt, weist der Goldene Schnitt hinauf zur himmlischen Gewissheit.
Zur Serie: Das Wallraf-Richartz-Museum ist geschlossen, und seine Kunstschätze sind bis zum Ende der Sanierungsarbeiten im Jahr 2028 unter Verschluss. Aus diesem Anlass stellen wir jeden Monat bis zur Wiedereröffnung ein Gemälde aus der Wallraf-Sammlung vor – um daran zu erinnern, was fehlt, und als Mahnung an die Stadt, ihr ältestes Schatzhaus pünktlich wieder aufzuschließen. Als Auftakt dieses kölschen Adventskalenders hatten wir Stefan Lochners „Muttergottes in der Rosenlaube“ besprochen.
