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Suzie Millers neuer RomanDas Weltbild gerät ins Wanken

4 min
Suzie Miller bei der Premiere des Kinofilms Prima Facie auf dem 70. BFI London Film Festival 2026 in der Royal Festival Hall. London, 13.10.2026 *** Suzie Miller at the premiere of the film *Prima Facie* at the 70th BFI London Film Festival 2026 at the Royal Festival Hall in London, October 13, 2026 Foto:xS.xVasx/xFuturexImagex prima_6004

Suzie Miller

„Inter Alia“ erzählt von einer engagierten Richterin, deren Sohn beschuldigt wird, eine Mitschülerin vergewaltigt zu haben.

„Es gibt immer nur diese zwei Seiten: Opfer versus Täter. Was, wenn beide die Wahrheit sagen? Oder beide Opfer sind?“ Jessica Parks ist erfolgreiche Richterin am Londoner Crown Court. Als Teil einer neuen, selbstbewussten Generation von Juristinnen hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Und das in einer männerdominierten Sphäre, in der Frauen wie Jessica aller fachlichen Kompetenz zum Trotz noch immer einen schweren Stand haben.

Fälle von sexualisierter Gewalt sind das Spezialgebiet der erfahrenen Richterin: Sie will ihren Gerichtssaal zu einem sicheren Ort für die Opfer machen, sie vor weiteren Traumata schützen, wenn sie vor den Geschworenen ihre Geschichten erzählen. Fragt etwa ein spitzfindiger Anwalt eine Betroffene, welche Kleidung sie getragen hat, als sie missbraucht wurde, weist Jessica ihn sofort in die Schranken.

Doch dann wird ihr 18-jähriger Sohn Harry von seiner Mitschülerin Amy beschuldigt, sie auf einer Party vergewaltigt zu haben. Jessicas Weltbild gerät ins Wanken: Ihr Harry soll eine solche Tat begangen haben? Doch wenn Jessica ihrem Sohn glaubt, unterstellt sie Amy, einer jungen Frau, wie Jess sie schon dutzendfach als Opfer in ihrem Gerichtssaal erlebt hat und eigentlich schützen will, gleichzeitig Lüge und Verleumdung.

Der Sohn beteuert seine Unschuld

Harry selbst beteuert seine Unschuld, und in Amys Aussage scheint es Ungereimtheiten zu geben. Juristin und Mutter kämpfen in Jessica. Sie rede sich ein, sie sei eine coole Mum. „Aber eigentlich bin ich nur eine verängstigte Mutter, die versucht, ihr Kind zu beschützen.“ Wie schon in Suzie Millers Debütroman „Prima Facie“, der erfolgreich als Theaterstück adaptiert wurde, steht die Protagonistin plötzlich selbst im Mittelpunkt eines Falls, den sie normalerweise vor Gericht verhandeln würde, dort, wo fremde Menschen die Betroffenen sind anstatt sie selbst. Wie schon „Prima Facie“ wird auch „Inter Alia“ auf die Bühne gebracht: In Köln feiert das Stück am 15. April 2027 Premiere im Schauspiel.

Die Autorin, die selbst lang als Strafverteidigerin gearbeitet hat, macht Jessicas Dilemma so greifbar, dass man sich beim Lesen unweigerlich immer wieder die Frage stellt: „Was würde ich tun?“ Es geht in „Inter Alia“ um weitaus mehr als um Harrys Schuld oder Unschuld, der Roman ist kein „War er es oder war er es nicht?“-Krimi. Es geht auch um die gefährliche Dynamik der sozialen Medien, um Gruppendruck, Mobbing, Sexismus.

Jessica und ihr Ehemann Michael tun ihr Bestes, um ihren Sohn zu einem guten Menschen zu erziehen, der Frauen mit Respekt behandelt. Nur, um sich spätestens bei der Anklageerhebung gegen Harry die Frage zu stellen, ob sie trotz aller Liebe versagt haben. Und ob sie ihren Sohn wirklich so gut kennen, wie sie glauben. Zusätzlich ins Wanken gebracht wird das Bild der heilen Familie von der unterschwelligen Spannung zwischen Jessica und Michael. Der ist selbst erfolgreicher Anwalt, neidet Jess jedoch seit Jahren insgeheim den Karrieresprung ins Richteramt.

Spannungen zwischen den Eheleuten

Gleichzeitig wird wie selbstverständlich von Jess erwartet, dass sie diejenige ist, die beruflich zurücksteckt, Termine absagt, sobald der Haushalt oder Harrys Erziehung es verlangen. „Reicht es nicht, dass ich mir diese Position hart erarbeitet habe?“, klagt Jess. „Dass ich mir daheim doppelt Mühe gebe, um Michaels Gefühle nicht zu verletzen, dass ich über meine eigene Karriere immer nur selbstironisch gesprochen habe, während ich Michaels Erfolge gelobt und gefeiert habe? Und wofür?“

Die Anschuldigung gegen Harry zwingt sie schließlich dazu, nicht nur die Machtdynamiken des Justizsystems zu hinterfragen, sondern auch die in ihrer Familie. Suzie Miller verwebt in „Inter Alia“ Sozial- und Familiendrama. Der Roman ist zwar packend, aber kein literarisches Meisterwerk. Stattdessen liegt das Hauptaugenmerk klar darauf, gesellschaftliche Debatten anzustoßen.

Leichte Lektüre zur bloßen Unterhaltung ist „Inter Alia“ nicht. Doch die moralischen Spannungsfelder und die Aktualität seiner Themen verleihen dem Roman eine Relevanz, die über die eigentliche Handlung hinausreicht.

Suzie Miller: „Inter Alia“, deutsch von Katharina Martl und Anne Flückiger. Kjona Verlag, 314 Seiten, 25 Euro.