Köln – Der große Sieg der Ukraine bei Charkiw steht außer Zweifel – trotzdem geben die ukrainischen Erfolgsmeldungen Rätsel auf. Von 6000 Quadratkilometern zurückeroberten Gebiets hatte Präsident Wolodymy Selenskyj am Montagabend gesprochen. Am Dienstag nannte der – traditionell zurückhaltende – ukrainische Generalstab 3800 Quadratkilometer im Gebiet Charkiw, für den Süden des Landes gab das dort zuständige Truppenkommando weitere 500 Quadratkilometer an. Am Dienstag war dann auch Selenskyj bei nur noch 4000 Quadratkilometern (das wäre immerhin die zehnfache Fläche der Stadt Köln), sagte aber auch, das Land sei dabei, seine Kontrolle über weitere 4000 Quadratkilometer zu stabilisieren. Was stimmt denn nun?
„Grauzone“ an der Front
Ukrainische Beamte haben gegenüber den Nachrichtenagenturen versucht, den Unterschied so zu erklären: 4000 Quadratkilometer seien wirklich vollständig besetzt und gesichert, weitere 4000 Quadratkilometer habe man eingenommen, müsse sie aber noch sichern. Kartendienste etwa des Institute for the Study of War(ISW) oder von Liveuamap zeigen den Frontverlauf derzeit (Mittwoch, 14.9.) noch entlang des Oskil (ein aus Russland kommender Nebenfluss des Siverskyj Donez). Russland soll sich aber auch teilweise aus Swatowe und ganz aus Kremnina zurückgezogen haben. Beide Orte liegen östlich des Oskil auf dem Weg zwischen dem von der Ukraine zurückeroberten Kupjansk und dem noch russisch besetzten Sjewjerodonezk. Es gibt also möglicherweise eine Grauzone im Frontgebiet.

Ein ukrainischer Soldat hilft einem verwundeten Kameraden im befreiten Gebiet in der Region Charkiw.
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In den Gebieten, die die Ukraine wieder kontrolliert, werden offensichtlich von den früheren russischen Besatzern gefolterte und ermordete Zivilisten exhumiert. In der Stadt Balaklija soll es einen Folterkeller gegeben haben, in dem Gefangene unter anderem mit Elektroschocks gequält wurden. Grauenhafte Nachrichten – allerdings haben die bisher bekannten mutmaßlichen russischen Kriegsverbrechen in dem Gebiet nicht die Dimension der Verbrechen in der Umgebung von Kiew. Die bisherigen Meldungen betreffen jeweils Opfer in ein- bis zweistelliger Zahl.
Weitere Offensivpläne?
Russische Militärblogger warnen seit Tagen, die Ukraine ziehe Truppen bei Wulehirsk zusammen. Das liegt im Westen des Bezirks Donezk, nahe der Grenze zum Bezirk Saporischjscha. Die Front knickt in dieser Region vom Donbass her Richtung Westen, parallel zur Küste, ab.
Andererseits gibt es in der Nähe, bei Bachmut, immer noch russische Angriffsversuche, wenn auch mit wenig Erfolg. Das ISW hat in den letzten Tagen wenig Verständnis für die Entscheidung von General Alexander Lapin, dem Kommandierenden des zentralen russischen Militärbezirks, gezeigt, für solche vermeintlich nutzlosen Attacken Kräfte aufzuwenden, die am Oskil dann fehlen. Vor dem Hintergrund der Blogger-Warnungen könnte Lapins Entscheidung aber verständlich sein: Er versucht möglicherweise, wenigstens ein kompaktes erobertes Gebiet um die Gebietshauptstadt Donezk zu sichern, ukrainische Truppen zu binden und von dort aus auch einer denkbaren ukrainischen Offensive bei Wulehirsk zu begegnen. Die könnte wiederum die symbolträchtige und strategisch wichtige Küstenstadt Mariupol zum Ziel haben. Einen solchen Vorstoß hatte der Kieler Sicherheitsexperte Joachim Krause gegenüber der Rundschau als denkbar dargestellt.
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Iwan Fedorow, der ukrainische Bürgermeister der von Russland besetzten Stadt Melitopol, hat behauptet, Militärkonvois zögen sich aus dieser Stadt auf die Krim zurück. Dafür gibt es keine unabhängige Bestätigung, und eine solche Maßnahme wäre trotz der ständigen Partisanenangriffe in der Stadt auch schwer verständlich: Melitopol sichert für Russland die Verbindung von der Donbass-Front an die Südfront bei Cherson und auf die Krim. Selbst wenn Russland die ganze Südukraine aufgäbe, müsste es versuchen, Melitopol noch möglichst lange zu halten, um den Rückzug zu sichern.
Das Echo in Russland
Die bisherigen Rückzüge aus dem Raum Kiew und von der Schlangeninsel hatte Moskau als Gesten guten Willens erklärt, den Zusammenbruch bei Charkiw bezeichnete das russische Verteidigungsministerium als Neugruppierung. Nun aber gibt es in Diskussionssendungen des russischen Staatsfernsehens Äußerungen, die bisher eher in nationalistischen Militärblogs zu erwarten waren. Von einer ernsthaften Niederlage ist die Rede. Politikwissenschaftler Sergej Michejew verlangte, da das russische Militär dem ukrainischen unterlegen sei, müsse man massive Angriffe auf die zivile Infrastruktur der Ukraine ausführen. Kremlfunktionär Bozan Bepalko forderte, die Köpfe der Verantwortlichen müssten „abgehackt auf Putins Tisch“ liegen. Auch wenn viel verloren ist, scheint es das Ziel solcher Auftritte zu sein, einen Mann zu retten: Wladimir Putin, dessen Untergebene angeblich allein die Schuld am Desaster von Charkiw tragen.


