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Jürgen Rüttgers zu Antisemitismus„Man darf das auf keinen Fall akzeptieren“

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Rüttgers

Verein "321" gegründet: Abraham Lehrer (M.), Vorsitzender der Mitgliederversammlung, Kuratoriumsvorsitzender Jürgen Rüttgers (2.v.l.) und der Gründungsvorstand mit Matthias Schreiber (r.) als Vorsitzender sowie Dana Avidor und Joachim Gerhardt (l.).

An 1700 Jahre jüdische Geschichte und Kultur in Deutschland will der Verein "321" erinnern. Zu den Gründungsmitgliedern gehört auch Jürgen Rüttgers. Mit dem CDU-Politiker sprach Dennis Scherer.

Was geht in Ihnen vor, wenn auf einer Demonstration in Deutschland israelische Flaggen verbrannt werden - wie im Dezember in Berlin?

Ich bin entsetzt, ich kann das nicht verstehen. Wir haben als Deutsche nach der Nazi-Diktatur eine hohe Verantwortung auch für das Existenzrecht Israels. Der müssen wir uns bewusst sein. Das fängt am besten in unserer Gesellschaft an, in der wir viele jüdische Mitbürger haben. Die sollen das Gefühl haben, dass wir glücklich und froh sind, das sie ein Teil davon sind.

Inwieweit spielt dieses Anliegen auch für ihr Engagement bei 321 eine Rolle?

Die Idee, die wir mit unserem Verein in die Realität umsetzten wollen, ist, dass es angesichts des wachsenden Antisemitismus in Deutschland notwendig ist, darauf hinzuweisen, was Deutschland seinen jüdischen Mitbürgern verdankt.

Wie wollen Sie das angehen?

Unser Verein will alle gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen in Deutschland bitten, sich an einem solchen Gedenkjahr zur 1700-jährigen jüdischen Geschichte in Deutschland zu beteiligen und sich in vielen Veranstaltungen mit jüdischem Leben in Deutschland zu befassen.

Haben Sie schon irgendwas Konkretes geplant?

Nein, wir haben im Vorfeld aber sehr positive Resonanz für die Idee bekommen. Man muss das Ganze pragmatisch sehen: Wer viel von der jüdischen deutschen Geschichte weiß, der kann eigentlich kein Antisemit sein.

Es gibt Studien, die zeigen, dass viele Juden in Deutschland Angst vor verbalen und körperlichen Attacken haben. Wie soll man dem begegnen?

Ich habe bei Paul Spiegel, dem ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, gelernt, dass es ganz wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche früh lernen, was eigentlich jüdisches Leben ist. Und wenn man das weiß, weiß man auch, dass dies zu uns gehört - zu unserer Kultur und unserer Gesellschaft.

Denen scheint das aber nicht bewusst zu sein. Im Gegenteil: Auf manchen Schulhöfen ist Jude wieder ein Schimpfwort. Wie soll man darauf reagieren?

Man darf das auf keinen Fall akzeptieren und man darf es auch nicht übersehen. Denn wenn man das tut, ist man schon auf der schiefen Bahn.

Nicht nur auf Schulhöfen gibt es Ressentiments. Wie muss man damit umgehen, wenn Björn Höcke das Holocaust Mahnmal als "Denkmal der Schande" bezeichnet?

Darüber war ich entsetzt. Solchen unglaublichen Behauptungen müssen wir aktiv entgegentreten - was Gott sei dank auch geschieht.

Brauchen wir verpflichtende KZ-Besuche, wie sie Sawsan Chebli von der SPD vorgeschlagen hat?

Der Vorschlag etwas verpflichtend zu machen, ist sehr häufig auch ein Anzeichen dafür, dass man es bisher nicht geschafft hat, zu überzeugen. Aber ich habe in den letzten Jahren selbst mit Freunden Besuche von Schülern in Auschwitz organisiert. Es gibt da eine ganz klare Erfahrung: Wer da gewesen ist, wer das gesehen hat, der wird nie mehr diesen Dumpfbacken vom rechtsradikalen Rand hinterherlaufen.

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