Nach dem Diebstahl aus Wert-Schließfächern der Sparkasse Gelsenkirchen-Buer sind viele Betroffene verunsichert, auch weil die rechtliche Lage unübersichtlich ist. Die politische Aufarbeitung kommt langsam ins Rollen.
„Sicher vor Einbruch“Nach Millionen-Diebstahl in Gelsenkirchen beginnt der Papierkrieg

Verärgerte Kunden Ende Dezember vor der betroffenen Sparkasse.
Copyright: Christoph Reichwein/dpa
Die erste Wut ist verraucht, nun geht es für die betroffenen Kundinnen und Kunden, deren Bankschließfächer bei der Sparkasse Gelsenkirchen-Buer von Dieben ausgeräumt wurden, um die Mühen der Bürokratie. Mehr als 3000 Schließfächer wurden aufgebrochen, die Beute dürfte etliche Millionen Euro wert sein. Wie viele es genau sind, wird immer noch untersucht. Es gibt keine zentralen Aufzeichnungen darüber, was in den Fächern gelagert wurde. Das macht schließlich den Reiz der vermeintlich sicheren Aufbewahrung aus.
Der Einbruch in Gelsenkirchen war nicht der erste seiner Art. Im Jahr 2021 beispielsweise waren in Norderstedt gut 650 Fächer der Hamburger Sparkasse ausgeräumt worden, in 2023 waren es rund 300 in Strausberg. Die hohe Zahl im Ruhrgebiet jedoch ist außergewöhnlich, weshalb der Fall auch Tage danach noch bundesweit Schlagzeilen macht.

Historischer Screenshot sparkasse.de: „Sicher vor Einbruch“
Copyright: Frank Überall
Für die meisten Kunden waren Bankschließfächer ein gefühlter Hort der Sicherheit. Die Stiftung Warentest nannte sie in ihrem Magazin schon einmal „Fort Knox für Wertsachen“. Und auf der bundesweiten Webseite sparkasse.de wurde einst mit dem Slogan geworben, die Schließfächer seien „Sicher vor Einbruch“. Das belegen im Internet abgespeicherte Versionen der Webseite zum Beispiel aus dem November 2025. Inzwischen wurde der Werbespruch etwas ungelenk verändert. „Zugangsbeschränkter Ort außerhalb der Wohnung“, heißt es nun.
Alles zum Thema Stiftung Warentest
- „Sicher vor Einbruch“ Nach Millionen-Diebstahl in Gelsenkirchen beginnt der Papierkrieg
- Powerbank und Co Blackout-Prep: Von Funzeln und eisernen Stromreserven
- Vorsatz im neuen Jahr Abnehmen, aber richtig: So erkennt man unseriöse Diäten
- Hausmittel und Pömpel Rohr frei!: So werden Sie Verstopfungen in der Spüle los
- Nach Coup in Gelsenkirchen Was ein Schließfach wirklich taugt – und was es kostet
- Größe und Leistung Welcher Reiskocher passt zu mir?
- Nachweise für alle Fälle Fotobeweise: Knipsen Sie 2026, was das Zeug hält!
Reaktionen der Betroffenen vielfältig
Was es bedeutet, wenn Wertsachen plötzlich nicht mehr da sind, erlebt Sepehr Moshiri (Foto) derzeit etliche Male am Tag. Der Rechtsanwalt der Düsseldorfer Kanzlei Schlun & Elseven bekommt etliche Anfragen von besorgten Kunden der Sparkasse Gelsenkirchen-Buer. „Die Verunsicherung und der Bedarf an Beratung sind groß“, erzählt Moshiri im Gespräch mit der Rundschau: „Ich habe auch schon erfahren, dass Aspekte, die ich mit Mandanten besprochen habe, später in größeren Whatsapp-Gruppen kursieren.“ Die wichtigsten Antworten auf Klientenfragen hat er inzwischen auch auf der Kanzlei-Webseite aufgelistet.

Rechtsanwalt Sepehr Moshiri
Copyright: Moshiri
Die Schicksale, mit denen der promovierte Jurist nach dem Schließfach-Diebstahl konfrontiert wird, sind vielfältig. „Zum Teil ist es schwierig, aufgebrachten Betroffenen erklären zu müssen, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen nicht unbedingt schnelle Hilfe versprechen und sich Geschädigte unter Umständen auf lange Prozesse einstellen müssen.“ Manche gingen erstaunlich gefasst mit dem Verlust ihrer Schließfach-Einlagen um, andere seien „zutiefst verzweifelt“, so der Anwalt.
Die Reaktionen sind vielfältig wie die Gegenstände, die die Betroffenen in ihren angemieteten Schließfächern deponiert hatten. Mal waren es nur ein paar Euro und vergleichsweise belanglose Papiere, mal große Mengen an Bargeld, Gold oder Schmuck sowie äußerst wertvolle Dokumente. Grundsätzlich greift eine Haftungsbegrenzung der Sparkasse bis 10.300 Euro. Vielen war nicht bewusst, dass ihre Wertsachen so niedrig abgesichert sind. Zusatz- oder Hausratversicherungen könnten zahlen, und sollte die Bank ihre Sorgfaltspflicht verletzt haben, könnte sogar ein voller Schadenersatz fällig werden. Noch ist aber zu viel unklar, um das zu beurteilen. Dass Anwalt Moshiri eine rechtliche Beratung empfiehlt, überrascht kaum – angesichts der komplexen Lage ist es aber nachvollziehbar.
Hochzeitsalbum und Ringe
„Wenn beispielsweise das Hochzeitsalbum und die Eheringe gestohlen wurden, gehen auch mir als Anwalt die Schilderungen wirklich unter die Haut“, berichtet Moshiri. Schließlich hätten auch solche Erinnerungsstücke für die Menschen einen zum Teil hohen Wert. Ähnlich sehe es mit unersetzbaren Erbstücken aus. Auf solche ideellen Werte jedoch nimmt das Recht wenig Rücksicht. Die besondere emotionale Wertschätzung eines Gegenstands für Geschädigte sei in der Regel „kein ersatzfähiges Interesse“, betont der Anwalt: „Juristisch lässt sich ein solcher Verlust leider nicht beziffern und daher auch nicht einklagen.“ Für viele Mandanten sei das „verständlicherweise sehr frustrierend“.
Bei Bargeld, Edelmetallen und Schmucksache sieht das anders aus, auch wenn die Haftungsfragen erst aufwendig geklärt werden müssen. „Es gibt ältere Menschen, die im Schließfach ihre gesamten Ersparnisse sicher glaubten und die jetzt nahezu vor dem Nichts stehen“, weiß der Anwalt. Und in manchen Kulturkreisen sei es üblich, zur Hochzeit Geld und Gold zu verschenken, um den Start ins gemeinsame Leben und meist auch zur Familiengründung zu erleichtern. Solche Geschenke seien manchmal ziemlich groß, so Moshiri: „Da besteht die Gefahr, dass womöglich die Meldepflicht beim Finanzamt vernachlässigt wurde.“ Wenn die Behörden von dem Diebstahl erführen, könne zum Beispiel Schenkungssteuer anfallen. Insgesamt sei durchaus damit zu rechnen, dass im Rahmen des strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens nach dem Einbruch auch eventuelle Verdachtsmomente auf Steuer- oder Sozialbetrugsverdacht aufseiten der Schließfach-Besitzer den zuständigen Behörden gemeldet würden.
Auch die politische Aufarbeitung nimmt langsam Fahrt auf. Der Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags wird sich am kommenden Dienstag in einer Sondersitzung mit dem Thema beschäftigen. Ein Bericht der Landesregierung ist unter dem Titel „Spektakulärer Bankraub in Gelsenkirchen“ angekündigt. Im Stadtrat von Gelsenkirchen will die Politik von der dortigen Verwaltung ebenfalls Details wissen. Am 23. Januar kommt man zusammen, es stehen Anträge verschiedener politischer Kräfte auf der Tagesordnung. Die SPD-Fraktion spricht davon, dass der Einbruch wohl der für die Bürger „folgenreichste Kriminalfall der Stadtgeschichte“ sei. Weil so viele Menschen betroffen seien, müsse die Information der Betroffenen im Vordergrund stehen.
Mögliche Haftung der Stadt unklar
Die Gelsenkirchener Wählerinitiative WIN fragt unterdessen nach Sicherheitsmaßnahmen im Tresorraum der Sparkasse und Risiken für die Bank. Dieser Aspekt könnte durchaus relevant werden für die Verantwortlichen im örtlichen Rathaus. Denn als Kommune ist man sogenannter Gewährträger für die öffentliche Bank – im Zweifel also muss die Stadt haften, wenn ihre Sparkasse wegen zu hoher Schadenersatzforderungen in Probleme geriete. Der Verwaltungsrat der Gelsenkirchener Sparkasse hat bereits eine Sondersitzung zum Einbruch abgehalten.
Derzeit ist das Gremium jedoch im Umbruch: In der Ratssitzung am 23. Januar wird auch neu bestimmt, wer künftig die Stadt dort vertritt. Ein Sparkassensprecher teilte auf Anfrage am Freitag mit, dass alle vom Einbruch betroffenen Kunden inzwischen postalisch informiert worden seien, zudem habe man mehr als 1600 Gespräche an der eigens eingerichteten Telefonhotline geführt. „Bis zur Behebung der Einbruchschäden und bis die Sicherung der zurückgelassenen Gegenstände abgeschlossen ist, ist leider ein regulärer Filialbetrieb noch nicht möglich“, sagt der Sprecher. Er kann also keine Hoffnung auf eine baldige Wiederaufnahme des Sparkassenbetriebs in Gelsenkirchen-Buer machen – von Schließfächern ganz abgesehen.
Von der Stadt Gelsenkirchen heißt es auf Anfrage, man warte die Ergebnisse der polizeilichen Ermittlungen ab und stehe im Austausch mit der Sparkasse. Zu Haftungsrisiken als Gewährträger wollte man sich nicht äußern.
Mit einer Bilanzsumme von 3,8 Milliarden Euro und einem Gewinn von 3,6 Millionen Euro (2024) steht die Sparkasse Gelsenkirchen nicht schlecht da. Trotzdem könnten hohe Schadenersatzforderungen das Haus in Schieflage bringen. Die Wut der Bürgerinnen und Bürger in Gelsenkirchen könnte deshalb noch einmal aufflammen.
