Abo

„Überfordert und uninformiert“ARD-Korrespondent kritisiert Tucker Carlson nach Putin-Interview scharf

Lesezeit 5 Minuten
Der rechte Talkmaster Tucker Carlson (l.) im Interview mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Es ist Putins erstes Interview mit einem westlichen Gesprächspartner seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine.

Der rechte Talkmaster Tucker Carlson (l.) im Interview mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Es ist Putins erstes Interview mit einem westlichen Gesprächspartner seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine.

Wladimir Putins Interview mit Tucker Carlson wurde groß angekündigt. Der Kremlchef darf zwei Stunden lang seine Propaganda verbreiten.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat erstmals seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine einem westlichen Medium ein Interview gewährt. Im Gespräch mit dem rechten US-Moderator Tucker Carlson blieben kritische Fragen an den Kremlchef allerdings aus. Putin stattdessen als Bühne für seine politischen Thesen.

Carlson hatte das Interview zuvor auf der Plattform X, vormals Twitter, großspurig angekündigt. Der 54-Jährige veröffentlicht seine Interviews und Reportagen vor allem in den sozialen Medien, nachdem er im Vorjahr trotz einer quotenstarken Sendung beim US-Sender Fox News entlassen worden war. Carlson verbreitete dort Verschwörungstheorien und Falschmeldungen aus dem rechtspopulistischen Lager.

Wladimir Putin: Interview mit Tucker Carlson veröffentlicht – Putin schließt Angriff auf Baltikum und Polen aus

Im Gespräch mit Tucker Carlson, schloss Putin einen Einmarsch in die Nato-Staaten Polen oder Lettland aus. Ein Einmarsch stehe „komplett außer Frage“. Dabei gebe es nur eine Ausnahme: „Nur in einem Fall [würde das passieren]: wenn Polen Russland angreift.“ Ähnliche Behauptungen hatte Putin auch bereits aufgestellt, kurz bevor er 2014 die Krim annektierte.

Alles zum Thema ARD

Im 127 Minuten langen Interview, das gegen 0 Uhr am Freitagmorgen deutscher Zeit veröffentlicht wurde, gibt sich Tucker Carlson erwartungsgemäß unkritisch und benennt den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine nicht als solchen. Schon im Vorfeld hatten politische Beobachter vermutet, dass Putin Carlson nur deswegen das Interview überhaupt gewährt habe.

Wladimir Putin schließt Einmarsch in Nato-Staaten aus und widerspricht engen Vertrauten

Wladimir Putin betonte weiter, dass die Angst vor einem russischen Angriff auf weitere Länder absolut unangebracht seien. „Warum sollten wir das tun? Wir haben einfach kein Interesse.“ Es widerspreche dem gesunden Menschenverstand, sich auf „eine Art globalen Krieg“ einzulassen.

Die Aussagen widersprechen wiederum Androhungen mehrerer Vertrauter des Kremlchefs. Mehrere russische Politiker hatten seit Beginn des russischen Angriffskriegs ihren Ton gegenüber den baltischen Staaten, aber auch gegenüber Finnland und Polen verschärft. Auch gegen Deutschland hatte unter anderem der ehemalige russische Präsident Dmitri Medwedew wiederholt Drohungen ausgesprochen.

Interview mit Tucker Carlson: Wladimir Putin fordert Westen zu Verhandlungen über Ukraine auf

Den Nato-Staaten warf Putin vor, die eigene Bevölkerung mit dem Vorgaukeln einer „imaginären russischen Bedrohung“ einzuschüchtern. Mit Blick auf den Ukraine-Krieg sagte Putin gegen Ende des Interviews, man sei zum Dialog bereit - die Zeit für Gespräche sei gekommen, weil der Westen erkennen müsse, dass der Konflikt für ihn militärisch nicht zu gewinnen sei.

„Früher oder später wird das in einer Einigung enden“, sagte Putin. „Wenn diese Erkenntnis eingesetzt hat, müssen sie (der Westen) darüber nachdenken, was als Nächstes zu tun ist.“ Russland beharrt darauf, die völkerrechtswidrig annektieren Gebiete in der Ost- und Südukraine als russisches Territorium anzuerkennen. Eine Forderung, die seitens der Nato-Staaten und der Ukraine wiederholt als inakzeptabel bezeichnet wurden.

Tucker Carlson: Schlechte Figur bei Interview mit Wladimir Putin – kritische Fragen bleiben aus

Das in Moskau aufgezeichnete Interview erschien nicht nur auf X, sondern auch auf Carlsons Webseite. Neben Aussagen zur aktuellen politischen Situation machte Putin auch lange historische Ausführungen bis ins 13. Jahrhundert. Der russische Präsident begründet den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine mit historischen Gebietsansprüchen Russlands.

Können Sie uns sagen, in welcher Zeit? Ich verliere den Überblick darüber, wo in der Geschichte wir uns befinden.
Tucker Carlson hat bei den historischen Ausschweifungen Wladimir Putins den Überblick verloren

An einer Stelle unterbrach Carlson die historischen Ausschweifungen des russischen Präsidenten: „Können Sie uns sagen, in welcher Zeit? Ich verliere den Überblick darüber, wo in der Geschichte wir uns befinden.“

Scharfe Kritik an Tucker Carlson nach Interview mit Wladimir Putin

Carlson ließ den Kremlchef weitestgehend ausreden und hakte selten ein. Stattdessen baute er mitunter auch rhetorische Rampen für Putin. Der US-Talkmaster wirkte eher wie ein Gehilfe Putins und nicht wie ein kritischer Journalist. Das war bereits im Vorfeld des Interviews befürchtet worden.

„Tucker Carlson kommt als Interviewer uninformiert, überfordert rüber. Bedenklich ist auch, dass seine Uninformiertheit dazu führt, dass falsche und verzerrende Aussagen Putins etwa zum Donbass im Raum stehen bleiben“, kommentierte der ehemalige Russland-Korrespondent der ARD, Demian von Osten.

Wladimir Putin: Freipressung von Tiergarten-Mörder aus Deutschland angedeutet

Carlson wurde zumindest an einer Stelle leicht kritisch. Er sprach Putin direkt auf den in russischer Untersuchungshaft sitzenden US-Journalisten Evan Gershkovich an und fragte, ob es Chancen auf dessen Freilassung gebe. Putin gab sich gesprächsbereit und deutete die Möglichkeit eines Gefangenenaustauschs an. „Es macht keinen Sinn, ihn in Russland im Gefängnis zu halten“, so der Kremlchef.

Die USA sollten vielmehr darüber nachdenken, wie sie zu einer Lösung beitragen könnten. Weitere Äußerungen Putins ließen sich so interpretieren, dass eine Freipressung des im Dezember 2021 verurteilten Tiergarten-Mörders Vadim K. gemeint sein könnte, der in Deutschland zu lebenslanger Haft verurteilt worden war.

Im Dezember hatte das Weiße Haus mitgeteilt, Moskau habe ein Angebot Washingtons zur Freilassung des für das „Wall Street Journal“ arbeitenden Journalisten abgelehnt. Gershkovich war Ende März 2023 auf einer Reportagereise in Jekaterinburg am Ural festgenommen worden. Die russische Staatsanwaltschaft wirft ihm Spionage vor. Der US-Amerikaner mit russischen Wurzeln und die Zeitung weisen die Vorwürfe ebenso zurück wie die US-Regierung.

Interview mit Wladimir Putin: Tucker Carlson bereitet Putin Bühne für Anhänger von Donald Trump

Carlson hatte das voraufgezeichnete Interview über Tage hinweg als großes Medienereignis angepriesen, am Ende war es nicht mehr als eine etwa zweistündige Propaganda-Show. Das Gespräch mit dem 54-jährigen Talkmaster dürfte dem international in der Kritik stehenden Kremlchef als willkommene Bühne vor der Präsidentenwahl am 17. März in Russland gedient haben, wie die russische Politologin Tatjana Stanowaja anmerkte.

Putin habe mit dem Interview im Westen vor allem einen Zugang zu Menschen schaffen wollen, die ihm weniger kritisch gegenüberstünden. Gerade die Anhängerschaft des US-Republikaners Donald Trump, der erneut ins Weiße Haus einziehen will, steht Putin weniger kritisch gegenüber als viele andere Landsleute.

Tucker Carlson trifft sich nach Interview mit Wladimir Putin mit Edward Snowden

Die Vereinigten Staaten reagierten kurz nach dem Interview auf die Aussagen Putins. Der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrats der USA, John Kirby, wies darauf hin, dass nichts, was in dem Interview gesagt wurde, für bare Münze zu nehmen sei. „Erinnern Sie sich daran, Sie hören Wladimir Putin zu“, sagte er am Donnerstag in Washington.

Inzwischen hat Carlson Moskau wieder verlassen. Die Nachrichten-Website „Semafor“ berichtete, er habe sich vor seiner Abreise auch mit Edward Snowden getroffen. Der US-Whistleblower, der 2013 das Ausmaß der weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken der Vereinigten Staaten öffentlich gemacht hatte, lebt seit rund zehn Jahren im Exil in Russland. Nähere Details zu dem angeblichen Treffen waren zunächst nicht bekannt. (shh, mit dpa)

Rundschau abonnieren