Kein geordneter Rückzug, sondern eine panische Flucht: Russische Truppen haben am Wochenende große, bisher von ihnen besetzte Teile des ukrainischen Bezirks Charkiw aufgegeben. Videos zeigen stehengelassene Militärfahrzeuge. In Telefonmitschnitten bitten russische Soldaten angeblich ihre Angehörigen, bei der Hotline des Verteidigungsministeriums in Moskau anzurufen und zu fragen, wie sie jetzt nach Hause kommen. Was ist los im Nordosten der Ukraine?
Die Lage im Raum Charkiw
Nach Angaben des US-amerikanischen Institute for the Study of War (ISW) hat die Ukraine im Nordosten des Landes 3000 Quadratkilometer Land zurückerobert – in weniger als einer Woche. Das ist mehr als die Fläche des Saarlandes und entspricht den addierten Gebieten der Stadt Köln, des Rheinisch-Bergischen und Oberbergischen Kreises sowie des Rhein-Sieg-Kreises.
Als „größten militärischen Erfolg der Ukraine seit dem Sieg in der Schlacht um Kiew“ bewertet das ISW die sich abzeichnende Einnahme der 50 000-Einwohner-Stadt Isjum. Die russischen Besatzer hatten hier massiv Truppen und Kommandoeinrichtungen konzentriert. Isjum war er nördliche Eckpfeiler der russischen Donbass-Offensive. Jetzt drohten die Angreifer selbst eingekesselt zu werden. Schon zuvor waren die Ukrainer auf Kupjansk vorgerückt, einen Straßen- und Bahnknotenpunkt, über den der russische Nachschub nach Isjum, aber auch in Teile des ukrainischen Bezirks Luhansk lief.
Wie viele Soldaten sind gefallen?
Dass Russland Truppen von Isjum nach Süden verlegen musste, zeigt, groß die Personalnot in der auf dem Papier zweitgrößten Armee der Welt ist. 190 000 Soldaten hatte Russland anfangs in der Ukraine eingesetzt. 137 000 zusätzliche Soldaten will Präsident Wladimir Putin bis zum 1. Januar gewinnen. Wie die ausgebildet werden sollen, ist unklar. Dagegen gingen westliche Beobachter schon vor der jüngsten ukrainischen Nordost-Offensive davon aus, dass Russland bereits 80 000 Soldaten verloren hat – durch schwere Verwundung, Gefangennahme, Desertion oder Tod. Die Zahl der russischen Gefallenen beziffert der britische Verteidigungsminister Ben Wallace mit 25 000, während die Ukraine mehr als das Doppelte behauptet. Der russische Oppositionelle Michael Chodorkowski veröffentlichte einen angeblichen Brief aus dem russischen Finanzministerium, nach dem 361 Milliarden Rubel (5,8 Milliarden Euro) an die Hinterbliebenen von 48 759 Gefallenen ausgezahlt worden sein sollen – überprüfbar ist das nicht. Genauso wenig wie die vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj genannte Zahl von lediglich 9000 ukrainischen Gefallenen. (rn)
Am Freitag hatte sich das russische Verteidigungsministerium noch über die Kämpfe ausgeschwiegen, am Samstag dann eine dürre Erklärung: Man habe sich entschlossen, „die in den Regionen Balaklija (zwischen Charkiw und Kupjansk, d. Red.) und Isjum stationierten russischen Truppen neu zu formieren, um die Bemühungen in Richtung Donezk zu verstärken“.
Der ukrainische Vorstoß geht noch weiter: Östlich von Kupjansk wurden die russischen Truppen Richtung Grenze zurückgedrängt, vom Westen her werden russische Positionen im Donbass, also in den Bezirken Donezk und Luhansk, attackiert. Das erklärte russische Ziel, den ganzen Donbass zu erobern, rückt damit in weite Ferne, nicht einmal mehr komplette Bezirk Luhansk ist in russischer Hand.
Überrumpelte Besatzer
Von einem „Blitzkrieg im Nordosten“ schreibt die New York Times und sieht einen Wendepunkt im Krieg. Der ukrainische Durchmarsch hat westliche Analysen ebenso überrascht wie die russischen Besatzer. „Es sieht so aus, als hätten die russischen Kräfte diesen Vorstoß verschlafen und ihn anderswo erwartet“, meinte der prorussische Kriegsblogger Juri Podoljak, ein gebürtiger Ukrainer, dem 2,1 Millionen Telegram-Nutzer folgen.
Seit Monaten hatte sich die Ukraine demonstrativ auf eine Offensive an ganz anderer Stelle vorbereitet und sie dann schließlich gestartet: im Süden bei Cherson. Russland verlegte Truppen dorthin – auch auf Kosten der Stellungen bei Isjum. Am Dienstag vergangener Woche gab es erste Berichte über einen ukrainischen Durchbruch Richtung Balaklija, am Mittwoch standen die Ukrainer schon mindestens 20 Kilometer tief im bis dato besetzten Gebiet. Sie hätten einen „taktischen Überraschungsmoment genutzt“, schrieb das ISW: eine „opportunistische“ Aktion, Schwerpunkt der Kämpfe sei aber weiter der Süden.
Für den großen britischen Militärhistoriker Lawrence Freedman ist diese Einschätzung nicht mehr haltbar. Die Ereignisse im Raum Charkiw hätten historischen Rang, schrieb er am Samstag. Zwar sei es viel zu früh, um einen ukrainischen Sieg auszurufen, aber die Entwicklung auf russischer Seite trage alle Züge eines Bankrotts, wie Ernest Hemingway ihn einst beschrieben habe: „erst langsam, dann plötzlich“.
Die Kämpfe bei Cherson
War dann umgekehrt die Südoffensive ein ukrainischer Bluff? Keineswegs, meint Freedman. Der Süden der Ukraine mit seinen Wirtschaftszentren und Häfen und dem Übergang zur Krim sei nach wie vor von größter strategischer Bedeutung. Nur haben die Kämpfe hier einen vollkommen anderen Charakter.
Immer wieder hatten ukrainische Regierungsvertreter und Militärs über die Südoffensive gesprochen und Journalisten mit Details gefüttert. Der offenbar gewünschte Erfolg trat ein, nämlich jene russischen Truppenverlegungen, die die Position der Angreifer im Nordosten so schwächen. 15 000 bis 25 000 russische Soldaten sollen sich alleine auf dem rechten Ufer des Dnipro bei Cherson befinden. Anders als bei Charkiw haben sie Verteidigungsgräben gezogen.
Was hier jetzt passiert, beschreibt Freedman als langsames Zermahlen. Die Ukraine schweigt sich über Details aus. Am Wochenende behauptete eine ukrainische Militärsprecherin zwar bis zu zehn Kilometer tiefe Vorstöße, nannte aber keine Orte. Das russische Verteidigungsministerium hatte die Offensive zu Beginn als komplett gescheitert erklärt, schlägt nun aber leisere Töne an. Am Samstag herrschte in Moskau Funkstille zur Lage bei Cherson, am Sonntag meldete man einen angeblich erfolgreichen Luftangriff.
Die Ukraine hat alle drei Brücken, die das rechte Dnipro-Ufer mit dem Rest des russischen Besatzungsgebiets verbinden, unbrauchbar gemacht und greift Pontons und Kähne an, mit denen russische Soldaten überzusetzen versuchen. Ähnlich ist die Lage am Fluss Inhulez, der den besetzten Uferstreifen durchquert: Auch hier haben die Ukrainer die zuvor von den Russen genutzte Darjiwska-Brücke unbrauchbar gemacht, halten selbst aber einen Übergang nahe dem Dorf Dawydiw Brid. Von dort ragt nach vom ISW gesammelten Geodaten ein Keil ukrainisch kontrollierten Gebiets rund zehn Kilometer tief ins russische Besatzungsgebiet hinein. Das könnte zu einem Plan passen, über den die staatliche Nachrichtenagentur Ukrinform im Frühjahr spekuliert hatte: Die Ukrainer könnten auf den Dinpro-Dramm von Nowa Kachowka vorrücken und das russisch besetzte Gebiet damit zerschneiden. Systematisch greifen die Ukrainer unter anderem mit Himars-Raketenwerfern russische Basen an. So werde es weitergehen, erwartet der britische Verteidigungsexperte Jack Watling: Einen Sturm auf die Stadt Cherson werde es nicht geben, sondern ein Zermürben der russischen Truppen.
Die Propaganda
Durch die Niederlage bei Charkiw steht die russische Militärführung massiv unter Druck. Der russische Militärblogger Rybar berichtete über seine Flucht aus Isjum.„Unsere Jungs sind echte Helden“, meinte er zwar, griff aber die Informationspolitik des russischen Verteidigungsministeriums scharf an: Dort sehe man offenbar alle Kritiker als Komplizen des Kiewer Regimes. Das Ministerium verrate die eigene Soldaten, heißt es im Blog „milinfolive“. Besonders unpassend fanden es Blogger, dass an dem für das russische Militär so desaströsen Samstag ein Moskauer Stadtjubiläum mit Feuerwerk gefeiert wurde – und einem strahlenden Präsidenten Putin, der ein Riesenrad einweihte. Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow kritisierte den Rückzug und verlangte Erklärungen. Umgekehrt hatte Olga Skabejewa, Moderatorin im russischen Staatsfernsehen, schon am Donnerstag vor Panik gewarnt: „Wenn es im Zweiten Weltkrieg soziale Medien und Couch-Experten gegeben hätte, wäre Stalin verrückt geworden.“
Die Perspektiven
„Der Krieg ist nicht vorbei, aber vielleicht haben die Gezeiten gewechselt“, meint der australische Ex-General Mick Ryan. Noch sind große Teile der Ukraine unter russischer Kontrolle. Die Lage am Atomkraftwerk Saporischjscha wird immer gefährlicher, und ein ukrainischer Rückeroberungsversuch hier verbietet sich. Wie geht es weiter?
Der Krieg sei vorbei, wenn es die Ukraine schaffe, auf die Stadt Melitopol vorzurücken und sie zu isolieren, meint der in ukrainischen Militärkreisen bestens vernetzte Kiewer Journalist Illia Ponomarenko. Melitopol hat eine Scharnierfunktion: Der Verkehr vom Norden in den Süden des russischen Besatzungsgebiets und umgekehrt muss die Stadt passieren. Von Melitopol aus ließe sich auch die Verbindung zur Krim kappen, und die Besatzer des Kraftwerks Saporischjscha wären vom Nachschub abgeschnitten. Aber wie sollte die Ukraine eine solche dritte Offensive starten?
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Der britische Militäranalyst Jack Watling warnt die Ukraine, ihre militärischen Möglichkeiten überzustrapazieren. Noch größere Offensiven seien eine Sache der Zukunft. Derzeit allerdings sei es Russland, das nur schlechte Optionen habe: Wie immer Moskau seine Truppen verschiebe – „das droht chaotisch zu werden und reißt neue Löcher auf“. Hole man aber frisch rekrutierte, kaum ausgebildete Soldaten an die Front, dann drohten hohe Verluste. Im für die Ukraine besten Fall müssten die Russen den Winter in über mit ständigen Angriffen auf ihre Nachschublinien leben. „Kalt und nass“ müssten sich die russischen Soldaten fühlen, stets am Rande der Erschöpfung und des Zusammenbruchs. Das biete der Ukraine die besten Chancen auf weitere Geländegewinne im Frühjahr. Die westlichen Partner aber, so Watling, müssten Russland klarmachen, „dass ein Rückzug der einzige Weg ist, noch Schlimmeres zu vermeiden“.



