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Stilkritik am US-PräsidentenDonald Trump und sein goldenes Theater der Macht

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Lieben Prunk und Pracht: der saudische Kronprinz Mohammed Bin Salman und US-Präsident Donald Trump.

Lieben Prunk und Pracht: der saudische Kronprinz Mohammed Bin Salman und US-Präsident Donald Trump.

Donald Trump hat das Oval Office im Weißen Haus zu einem Ort dramatischer Inszenierung von Macht, Loyalität und Unterwerfung gemacht, voller Prunk und Protz – oft auch zum Fremdschämen. Eine Stilkritik.

Alles, was Donald Trump anfasst, wird zu Gold – zumindest im übertragenen Sinn. Davon ist der US-Präsident überzeugt. Dass er den Stuck in seinem Büro, dem Oval-Office, mit Gold hat verzieren, goldene Vasen hat aufstellen und Bilder in goldene Rahmen hat fassen lassen, ist also nur konsequent.

„Ausländische Staatschefs und alle anderen sind aus dem Häuschen, wenn sie die Qualität und Schönheit sehen“, lobt Trump seinen Geschmack in gewohnter Bescheidenheit via Truth Social.

Journalistenmord? „Dinge geschehen“

Doch nicht nur die Ästhetik des Oval Office lässt Besucher und Beobachter staunen. Das, was dort vor sich geht, ist nicht minder aufsehenerregend. Immer wieder sorgt es für Verwunderung, Irritation und Sprachlosigkeit. Jüngst einmal mehr, als der saudische Kronprinz Mohammad Bin Salman zu Besuch war.

„Bringen Sie unseren Gast nicht in Verlegenheit“, schnauzt Trump eine ABC-Journalistin an, die es wagt, den Fall des 2018 in einem saudischen Konsulat getöteten Journalisten Jamal Khashoggi anzusprechen; US-Geheimdienste gehen davon aus, dass der Mord zumindest mit dem Wissen des Kronprinzen verübt worden ist. „Dinge geschehen“, schnaubt Trump nun – im Übrigen sei Khashoggi eine „umstrittene Person“ gewesen. Dabei solle man es belassen.

Minister erstarren zu Salzsäulen

Im Hintergrund klingt das Klicken von Smartphones in solchen Momenten umso lauter, als sich eine eisige Stille bleiern über die Anwesenden legt. Auf der Bühne, vor dem Kamin formt sich derweil ein Schauspiel voller Unwägbarkeiten – wie so oft.

Trumps Minister sind auf den Polstermöbeln zu Salzsäulen erstarrt, als Teil einer Theatralik, die ihresgleichen sucht. Keine Widerworte jetzt. Alle haben sie ihre Gesichtsmuskeln im Griff, vom Vizepräsidenten JD Vance über Außenminister Marco Rubio bis hin zu Kriegsminister Pete Hegseth.

Vom Machtzentrum zur Medienbühne

Wohl kaum ein US-Präsident vor ihm hat das Oval Office, den Maschinenraum der präsidialen Exekutive, in eine mediale Bühne von solcher Tragweite verwandelt. Zwar ist das Büro das Machtzentrum einer jeden US-Regierung; und jeder Präsident drückt ihm mit Accessoires, Bildern, Gardinen und Teppichböden seinen persönlichen Stempel auf. Doch erst Trump hat den 10,90 Meter längs und 8,80 Meter quer messenden Raum zu einem der schillerndsten im Weißen Haus gemacht.

Ob Promi-Besuch, Treffen mit ausländischen Staats- und Regierungschefs, Vereidigung von Kabinettsmitgliedern, Unterzeichnung von Dekreten oder Frage-und-Antwort-Runden mit ausgewählten Pressevertretern – unter Präsident Trump hat sich das Oval Office in einen Ort der Machtinszenierung und Selbstbeweihräucherung verwandelt, mit einer barocken Ästhetik aus Gold und Glamour.

Wie bei „Game of Thrones“

Tatsächlich sollte die Angelegenheit für die ABC-Journalistin noch nicht erledigt sein. Sie sei eine fürchterliche Person, mache einen ganz fürchterlichen Job, schmäht Trump die Reporterin. Überhaupt stünden sie und ihr Sender für „fake news“, Falschnachrichten. Es sei an der Zeit, ABC die Sendelizenz zu entziehen. Pressefreiheit im Oval Office? Was gesagt werden darf und was nicht, bestimmt dort einer allein: Donald Trump.

Mit ihrer dramatischen Inszenierung von Macht, Loyalität und Unterwerfung erinnern Trumps Audienzen im Oval Office an jene der TV-Serie „Game of Thrones“. Gerade dem Herrscher noch vermeintlich nah, droht ein jeder Gast im nächsten Moment in Ungnade zu fallen. Diese Erfahrung musste seinerzeit auch der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj machen.

„Sie müssen dankbarer sein“, schleuderte Trump seinem Amtskollegen entgegen: „Denn Sie halten die Karten nicht in der Hand.“ Es werde schwer sein, auf diese Weise ins Geschäft zu kommen. Und auf Truth Social rief er dem Ukrainer hinterher: Selenskyj habe „die Vereinigten Staaten von Amerika in ihrem geschätzten Oval Office nicht respektiert“.

In der Vergangenheit von Demokraten und Republikanern noch wie ein Held in der US-Hauptstadt empfangen, musste sich Selenskyj nach der Abreibung im Oval Office wie ein geprügelter Hund vorkommen. Einen vermeintlichen Partner vor den Augen der Weltöffentlichkeit so zu demütigen, hat vor Donald Trump noch kein US-Präsident gewagt. Es ist nicht der einzige Eklat.

Rassismus als politisches Kapital

Dem südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa warf Trump im Oval Office unter großer Medienaufmerksamkeit vor, Südafrika toleriere einen Völkermord an weißen Landwirten. Beobachtern galt die Begegnung als gezielte Inszenierung zur Verbreitung von Trumps fragwürdiger These einer systematischen Verfolgung von Weißen. Fakten? Fehlanzeige!

Weiß Trump also, was er tut, wenn er in seinem Büro vor laufenden Kameras Tabus bricht? „Trump macht eine Politik des Verification in Reverse, bei der bewiesene Fakten angezweifelt und die Realität selbst für politisches Kapital verleugnet wird. Das Oval Office ist der Ort, an dem diese Strategie ihren Ausdruck findet", sagt der US-Journalismusforscher und Medienbeobachter Jay Rosen.

„Er pflügt einfach durch“

Und der Psychologie-Professor Dan McAdams, Autor des Buches „Der seltsame Fall von Donald J. Trump: Eine psychologische Abrechnung“, sagte bereits während dessen erster Amtszeit: „Er stellt sich dorthin und weiß, worüber er reden will. Und er pflügt einfach durch.“ Der US-Präsident habe eine „extrem extrovertierte, sozial dominante Art und ist gleichzeitig extrem unverträglich. Ich denke, im öffentlichen Leben in den USA gibt es derzeit niemanden, der deutlicher für diese Wesenszüge steht als Herr Trump“.

Im Oval Office, seinem Biotop, lebt Donald Trump diese Wesenszüge aus. Ungezügelt, ungebremst, von nichts und niemandem. Mit der Kombination aus protziger Ästhetik und autoritärem Umgang schafft er sich dort eine Aura von unumschränkter Macht. Sein Hofstaat aus gefügigen Ministern und Mitarbeitern macht zu allem gute Miene; unter Trump hat Hofschranzentum im Weißen Haus eine ganz neue Dimension bekommen.

Die Merz-Ausnahme

Bisweilen offenbart sich inmitten all der feudalen Inszenierung aber auch ein überraschendes Bild: Diese Erfahrung durfte Bundeskanzler Friedrich Merz bei seinem Besuch im Oval Office machen.

Unter Trumps knallhartem Blick und den berüchtigten Knieklopfern des US-Präsidenten erlebte Merz dort nicht – wie von vielen heimischen Beobachtern gefürchtet – sein persönliches Waterloo, sondern einen ihm wohlgesonnenen Gastgeber.

Merz sei zwar „schwierig“, sagte Trump, meinte es in diesem Fall aber sichtbar als Kompliment. Inwieweit solche menschlichen Momente im Oval Office echt sind – und vor allem: ehrlich gemeint –, weiß nur einer allein: Donald Trump.