Überflüssige Arzt-UntersuchungenNur die Daten sind sicher, die nicht erhoben werden

Nicht jede Untersuchung ist notwendig.
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- In seiner Kolumne „Aus der Praxis” schreibt Dr. Magnus Heier wöchentlich über ein wichtiges medizinisches Thema.
- Heute beschäftigt er sich mit dem Thema Überdiagnostik. Nicht jede Untersuchung, die ein Arzt „zur Sicherheit“ empfiehlt, ist notwendig – Zumal wenn Daten nicht ausreichend geschützt werden können.
- Selbst die Anonymisierung der persönlichen Daten reicht heutzutage nicht mehr aus.
Anonym zu bleiben, ist ein hohes Gut. In der Medizin wohl noch mehr als in anderen Bereichen. Es geht schlicht niemanden etwas an, welche Krankheiten ein Mensch hat, welche Medikamente er nimmt, zu welchen Therapeuten er oder sie geht. Aber es wird immer schwieriger, Spuren zu verwischen oder gar nicht erst zu legen. Jetzt kommt eine beunruhigende Nachricht aus der US-amerikanischen Mayo Klinik.
Die Forscher haben sich Gehirnbilder aus dem Kernspintomografen vorgenommen. Solche Schnittbilder sind die Standarduntersuchung bei zahlreichen neurologischen Krankheiten (oft „nur zur Sicherheit“) – und auch bei zahllosen Studien. Um die Anonymität freiwilliger Studienteilnehmer zu wahren, werden die persönlichen Daten von den Bildern meist abgetrennt, die Bilder anonymisiert.
Software erkennt Gesichter
Nun stellt sich heraus: Das nützt überhaupt nichts! Oder jedenfalls nur wenig. Denn in den Bildern geht es zwar um das Gehirn – aber am Rand sind eben auch millimeterdünne Scheiben des Gesichts mit abgebildet. Nun haben es die Forscher geschafft, diese dünnen Scheiben so zusammenzusetzen, dass der Computer ein Gesicht rekonstruieren kann.
Hirnwelten-Vorträge mit Dr. Magnus Heier
Neue Vortragsreihe mit Magnus Heier im studio dumont, Breite Straße 72Das emotionale Gehirn – über Angst, Hass und LiebeMittwoch, 30. Oktober, 19 Uhr Das getäuschte GehirnDienstag, 5. November, 19 UhrDas Gedächtnis Dienstag, 12. November, 19 UhrEin Update des allerersten Hirnwelten-VortragsTickets: 15 bzw. 13 Euro (Abocard)www.koelnticket.de
Mehr noch: Eine automatische Software hat diese Gesichter mit den Fotos der „echten“ Versuchsteilnehmer abgeglichen – und 70 von ihnen korrekt zugeordnet.
Was heißt das nun? Dass ein riesiger Datensatz, den man bisher für anonym und sicher hielt, bei gezielter Nachforschung den betroffenen Personen zugeordnet werden kann. Dass trotz allergrößter Vorsicht diese Bilder nicht sicher vor unerwünschten Zugriffen sind. Und es handelt sich ja nicht immer um problemlose, „gesunde“ Daten. Es können auch Menschen dabei sein, deren Bilder beginnende Krankheiten zeigen.
Das Beispiel zeigt einmal mehr, dass nur die Daten sicher sind, die überhaupt nicht erhoben werden. Das Gegenteil findet ist der Medizin hierzulande statt: Zahllose Check-Up-Kliniken durchleuchten gesunde Menschen auf der Suche nach Auffälligkeiten.
Nachfragen erlaubt
Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte durchleuchten „nur zur Sicherheit“, wo Verzicht auf sinnlose Diagnostik nicht nur billiger, sondern auch besser wäre: Denn irgendwelche nichtssagenden Auffälligkeiten findet man fast immer - und macht damit aus gesunden Menschen verängstigte Patienten.
Und eben auch erpressbare Patienten, wenn deren Daten nicht ausreichend geschützt werden können – wie Kernspinbilder des Schädels, auf denen man das Gesicht rekonstruieren kann. Viele Leute verstecken sich hinter dem Satz: „Das ist mir egal – ich habe nichts verbrochen, ich habe nichts zu verbergen.“ Das ist Unsinn.
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Was, wenn irgendwelche Zufallsbefunde zwar nicht akut bedrohlich sind, aber langfristig zum Problem werden könnten? Wer darf wann und wie davon erfahren? Der Partner? Der Freund? Der Arbeitgeber? Daten in der Medizin sind immer heikel. Überflüssige Daten, Laborbefunde, Röntgen- oder Kernspinbilder, sind ein Risiko. Theoretisch wäre auch eine kritische Nachfrage erlaubt: „Ist das wirklich nötig? Und warum?“



