Kommentar zum Rücktritt der EKD-RatsvorsitzendeEine bittere Entscheidung

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Kurschus hatte sich bis zuletzt nachdrücklich für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche eingesetzt.

Annette Kurschus hatte sich bis zuletzt nachdrücklich für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche eingesetzt.

Es steht Aussage gegen Aussage. Reicht das für einen Rücktritt?

Es gibt Verantwortungsträger, die so in Macht und Selbstgerechtigkeit erstarrt sind, dass jegliche Kritik an ihnen abprallt. Die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus zählt offensichtlich nicht dazu. In Statements zu ihrem Rücktritt betonen hochrangige Kirchenvertreter ihre Klugheit und Herzlichkeit. Kurschus hatte sich bis zuletzt nachdrücklich für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche eingesetzt

Mit Blick auf die Vorwürfe gegen sie ist dagegen das Meiste unklar. Fest steht offenbar: Es gibt Menschen, die eidesstattlich versichern, die Protestantin habe von Missbrauchsvorwürfen gegen einen Kirchenmitarbeiter gewusst. Es steht Aussage gegen Aussage. Reicht das für einen Rücktritt?

In der aktuellen Debatte spielten Vorurteile eine wesentliche Rolle, ein Generalverdacht gegen Kirchenvertreter, erst recht solche in machtvollen Positionen. Und dann war Kurschus auch noch mit dem mutmaßlichen Täter befreundet! Was aber, wenn das alles sein sollte und es keine Vertuschung gab? Sollten nicht auch in höchsten Ämtern Freundschaften erlaubt sein, selbst wenn sich diese Freunde später als mutmaßliche Täter entpuppen? Mal ehrlich – wer will in einem Land leben, in dem eine erweiterte Sippenhaft gilt?

Was sich hinterher als Wahrheit herausstellen wird oder ob diese Annäherung überhaupt gelingt, ist noch unklar. Was aber, wenn Kurschus wirklich nichts von den Tatvorwürfen wusste? Sicher, sie hat in den vergangenen Tagen unglücklich kommuniziert. Aber rechtfertigt das eine Vorverurteilung?

Es ist vollkommen richtig und notwendig, dass Missbrauch mittlerweile sehr sensibel behandelt wird. Und richtig ist auch, dass sich Kirchenvertreter an mehr messen lassen müssen als am Strafrecht. Doch zeigt der Fall, dass eine wachsame Haltung auch umschlagen kann.

Kurschus Rücktritt ermöglicht nun die weitere Aufarbeitung von Missbrauch in der evangelischen Kirche, unbelastet von den Vorwürfen gegen die Ratsvorsitzende. Der Grund für diesen Schritt ist jedoch in erster Linie die Lautstärke in der Debatte. Ob all das gerechtfertigt war, lässt sich gerade schlicht nicht abschließend beurteilen.

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