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Haus der Geschichte Herausgelöst aus der diffusen Erinnerung

Erinnerungen an die Zeit des künstlerischen Aufbruchs: Ilsetraut Glock zeigt Bärbel Steinkemper Fotos und Aufzeichnungen. (Bild: Homey)

Erinnerungen an die Zeit des künstlerischen Aufbruchs: Ilsetraut Glock zeigt Bärbel Steinkemper Fotos und Aufzeichnungen. (Bild: Homey)

ALFTER – Die Holzbalken sind teilweise schon gestrichen, der Fußboden muss allerdings noch aufgearbeitet werden und dann soll das Dachgeschoss des Alfterer Hauses der Geschichte hinter der Pfarrkirche St. Matthäus einer besonderen Epoche in der Geschichte des Ortes gewidmet werden. Der Förderverein für das Haus plant hier die Aufarbeitung, Dokumentation und Ausstellung der Aktivitäten der so genannten Donnerstags-Gesellschaft als ein für die ganze Region bedeutsamer Teil der Nachkriegsgeschichte, der Wiederbelebung künstlerischer und intellektueller Auseinandersetzung im Rheinland nach dem Dritten Reich.

Federführend hat Alfters frühere Bürgermeisterin Dr. Bärbel Steinkemper die Recherchen und die Konzeption übernommen. Von der bekannten Malerin und Grafikern Ilsetraut Glock hat sie ein Bild für die Sammlung bekommen, bei der 96-Jährigen in Oedekoven durfte Steinkemper kürzlich auch in Alben blättern und an den Erinnerungen der Künstlerin in Begegnungen mit den Malern Hann Trier und Hubert Berke teilhaben. Glock gilt als letzte Zeitzeugin der „ Donnerstags-Gesellschaft“. Steinkemper hat aber auch zu den Nachfahren der Gründungsväter der Gesellschaft aus der damaligen Kommunalpolitik Kontakt aufgenommen, darunter die des damaligen stellvertretenden Landrats Wilhelm Weber und die des Bürgermeisters Heinrich Weiler, Vater der langjährigen Ortsvorsteherin Grete Offermann.

„Die Verknüpfung herausragender Künstler mit der örtlichen Bevölkerung darzustellen, ist ein Reiz dieser Arbeit“, berichtet Bärbel Steinkemper. Vorrangiges Ziel sei es aber, die damaligen Ereignisse aus dem Status der diffusen Erinnerung zu lösen und als Bestandteil der Geschichte des Rheinlandes und der Gemeinde Alfter der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die jetzt geplante Schau baut auf den Recherchen von Professor Frank-Rüdiger Hildebrandt und Jens Scholz auf, die im Auftrag des Kulturkreises Alfter Material zusammentrugen und auswerteten und Zeitzeugen befragten. Die so entstandene Dokumentation veröffentlichte der Kulturkreis Alfter 1997 anlässlich des 50. Jahrestages der ersten Ausstellung abstrakter Kunst im Rheinland - vermutlich auch die erste in Westdeutschland - , die am 20. Juli 1947 im Schloss Alfter stattfand. Die Ausstellung umfasste 32 Werke - Aquarelle, Monotypien, Druckgrafiken und Gemälde - der wohl bedeutendsten Künstler im damaligen Rheinland. Sie wurde ergänzt durch Vorträge, Lesungen und musikalische Aufführungen.

Keimzelle der späteren Donnerstags-Gesellschaft waren die zunächst eher privaten Treffen der Maler Hubert Berke, Joseph Fassbender und Hann Trier und ihrer Freunde im notdürftig hergerichteten Wohnatelier der Berkes bei Spargel Weber. Nach und nach wurden diese Treffen von Brunhilde Berke mit künstlerischen Einlagen bereichert und für Gäste geöffnet. Auch Fürst und Fürstin zu Salm-Reifferscheidt stießen zu diesen Treffen und luden von da an ins Schloss Alfter ein.

Nach dem Umzug in die vergleichsweise großzügigen Räume entwickelten sich die Veranstaltungen rasch, obwohl für Gäste außerhalb des Sperrgebietes Alfter jeweils Sondergenehmigungen bei der Polizei beantragt werden mussten. Es gab Beiträge der Schriftsteller Elisabeth Langgässer und Rudolf Hagelstange, politische Vorträge von Carlo Schmid, eine Aufführung von Jean-Paul Sartres „Die Fliegen" oder auch eine Klavieraufführung der im Dritten Reich verbotenen 3. Sonate von Paul Hindemith durch die Pianistin Tiny Wirtz. Die Fotografin Käthe Augstein, die Schauspielerin Elisabeth Flickenschild und der Kunsthistoriker Werner Haftmann gehörten ebenso zu den Gästen wie der Theologe Josef Pieper, der Kunstsammler und Rechtsanwalt Dr. Josef Haubrich und der Theaterkritiker Albert Schulze-Vellinghausen.

Der Name Donnerstags-Gesellschaft, wie sich der Kunstkreis dann nannte, bezieht sich wahrscheinlich auf die erste große öffentliche Veranstaltung: Am 23. Januar 1947 hielt der Direktor des Wallraf-Richartz-Museum, Professor Otto H. Förster, einen Lichtbildervortrag „Trost aus Bildern". Das Protokoll der Gründungsversammlung am 13. Februar 1947 ist erhalten, „auch wenn es nie zu einer Eintragung ins Vereinsregister kam“, wie Steinkemper berichtet.

Es dokumentiert die 13 Gründungsmitglieder, darunter die Maler Hubert Berke, Joseph Fassbender, Hann Trier, den Literaten Dr. Siegfried Schwartmannm Dr. Toni Feldenkichen, Grafiker, Kunstkritiker und später Leiter des Kölner Kunstvereins, Dr. Hermann Schnitzler, später Direktor des Schnütgen-Museums, Fürst zu Salm-Reifferscheidt sowie Wilhelm Weber - später stellvertretender Landrat des Rhein-Sieg-Kreises - und Heinrich Weiler.

In einem ersten Schritt sollen die von der Erstellung der Dokumentation des Alfterer Kulturkreises bereits vorhandenen Unterlagen aufbereitet werden. Dazu gehören die Berichte von Zeitzeugen die Dokumentationen von 34 Veranstaltungen und rund 50 Einladungen der fürstlichen Familie. Darüber hinaus will der Förderverein das Leben der Beteiligten und ihr Lebenswerk vor dem Vergessen bewahren. Dazu gehören die Biografien der Mitglieder der Donnerstags-Gesellschaft, die Biografien der beteiligten Gastkünstler und Gäste sowie Werke der Maler und Literaten.

Die Handwerksarbeiten im Dachgeschoss des Hauses leisten ehrenamtliche Mitarbeiter des Fördervereins. Die Kosten für drei Vitrinen, Bilderrahmen, Vergrößerungen und Drucke werden auf 4000 Euro geschätzt.