Seit über 15 Jahren ist Christine Brüstl krank, schwer krank. Hörstürze, Lähmungen, Gelenkschmerzen, Schwindelattacken, Depressionen gehören zur langen Liste ihrer Leiden. „Eine Zeit lang konnte ich nicht mehr aufstehen“, berichtet die 42-Jährige. Ärzte erklärten ihre Symptome mit psychischen Belastungen, bis eine Orthopädin nach Jahren die Diagnose „Lyme-Borreliose“ stellte. Offenbar war ein Zeckenstich 1995 Ausgang allen Übels gewesen: Eine kreisrunde Rötung, die sich nach Tagen um die Stichstelle herum bildete, habe ihr Hausarzt nicht richtig behandelt. Dabei handelte es sich, da ist sich Brüstl sicher, um eine Wanderröte - und damit um das erste Anzeichen einer Lyme-Borreliose. Vor zwei Jahren gründete die ehemalige Verkäuferin, die immer noch an Krankheitsschüben leidet, eine Borreliose-Selbsthilfegruppe.
Eine kreisrunde Rötung ist das typische erste Anzeichen
Solche Erfahrungsberichte sind der Grund dafür, dass immer mehr Menschen in Deutschland Angst vor der „Zeckenkrankheit“ Lyme-Borreliose haben. Die Krankheit hat viele Gesichter, wird mit ganz unterschiedlichen Symptomen in Verbindung gebracht. Das hat zur Folge, dass sie nicht nur als besonders tückisch erscheint, sondern mitunter auch als Erklärung für unterschiedlichste Beschwerden dient. In einer teils hitzig und emotional geführten Debatte streiten Mediziner und Patientenvertreter darüber, ob die Krankheit viel zu selten oder viel zu häufig diagnostiziert wird. Das ist längst nicht alles: Auch über die Therapie der Krankheit wird heftig diskutiert, was Patienten verunsichert.
Lyme-Borreliose ist hierzulande die Krankheit, die Zecken am häufigsten übertragen. Eine Impfung gibt es noch nicht. Nach Schätzungen des Nationalen Referenzzentrums für Borrelien erkranken pro Jahr etwa 60000 bis 100 000 Bundesbürger an der Multisystem-Erkrankung, die - wenn sie nicht rechtzeitig behandelt wird - mehrere Organe befallen kann. Genaue Zahlen gibt es nicht, da bisher nur die neuen Bundesländer Borreliose-Fälle gemeldet haben, in Kürze wollen aber auch Rheinland-Pfalz und das Saarland eine Meldepflicht einführen. In NRW ist dies bisher nicht geplant. Statt auf eine Meldepflicht setzt das Landesgesundheitsministerium auf Prävention und Aufklärung. Typisches erstes Anzeichen einer Borreliose ist eine kreisrunde Rötung (Erythema migrans), die sich nach Tagen oder Wochen an der Stichstelle bildet. Manchmal kommen grippeähnliche Symptome wie Abgeschlagenheit, Übelkeit und Fieber hinzu.
Wird die Borreliose in diesem Frühstadium nicht behandelt, können sich die Erreger im Körper ausbreiten und zum Beispiel das Nervensystem befallen, so dass sich starke Schmerzen und Lähmungserscheinungen, selten auch eine Gehirn- oder Gehirnhautentzündung entwickeln. Monate bis Jahre nach dem Zeckenstich zeigen sich mitunter Gelenkentzündungen, Hautveränderungen oder in seltenen Fällen Lähmungen und Bewegungsstörungen.
Die Liste der Symptome klingt schauerlich. Dennoch sehen Experten keinen Grund für eine Hysterie: Borreliose-Experten wie Prof. Sebastian Rauer von der Uniklinik Freiburg sind davon überzeugt, dass sich die Krankheit in der Regel klar feststellen und gut mit Antibiotika behandeln lässt. „Es gibt tatsächlich Fälle, in denen die Lyme-Borreliose tragisch verläuft, weil sie falsch behandelt wurde“, sagt der Neurologe. „Aber das sind Raritäten.“ Die Behauptung, dass die Krankheit ausschließlich mit diffusen Symptomen einhergehe, hält auch der Münchner Rheumatologe Prof. Peter Herzer für „Unfug“: Vielmehr äußere sich Lyme-Borreliose in ganz klar definierten Krankheitsbildern.
Medizinische Fachgesellschaften empfehlen bei verdächtigen Symptomen bestimmte Laboruntersuchungen, um die Diagnose zu untermauern. Ausnahme ist die Wanderröte, die ein Arzt mit bloßem Auge erkennen sollte. „Wenn man von diesem Schema abweicht, kann man aus jedem Symptom eine Borreliose machen“, sagt Herzer. Er geht davon aus, dass bei vielen Patienten fälschlicherweise eine Borreliose festgestellt wird: „Mit dieser Diagnose wird Missbrauch getrieben. Es ist unglaublich, wie viele Antibiotika fälschlicherweise verschrieben werden, und das über Wochen und Monate hinweg.“
Wer solche Sätze äußert oder zitiert, läuft Gefahr, umgehend Post von der Patientenvertreterin Ute Fischer zu bekommen. Die Vorsitzende des Borreliose und FSME Bunds Deutschlands (BFBD) kämpft dafür, dass die Borreliose „nicht länger verharmlost, verschwiegen und als selten abgetan“ wird. Denn der Patientenorganisation zufolge gibt es in der Bundesrepublik viel mehr Krankheitsfälle als offiziell angenommen. Vor diesem Hintergrund fordert Fischer unter anderem mehr Forschung und die Einführung einer bundesweiten Meldepflicht.
Ein „freundschaftliches Verhältnis“ pflegt der BFBD nach Angaben Fischers zur Deutschen Borreliose-Gesellschaft. Dabei handelt es sich um eine Vereinigung mit rund 250 Mitgliedern, die Mehrheit davon niedergelassene Ärzte. Sie meinen, dass die Krankheit häufig verkannt wird und distanzieren sich in ihren Einschätzungen zum Teil stark von etablierten medizinischen Fachgesellschaften. Unter anderem zweifelt die Deutsche Borreliose-Gesellschaft (DBG) die Aussagekraft der Labortests an, die üblicherweise bei Verdacht auf Borreliose verwendet werden. So sei etwa der empfohlene Antikörper-Suchtest nicht empfindlich genug und liefere nicht selten falsche Ergebnisse, weshalb zusätzliche Verfahren eingesetzt werden sollten. Dagegen sagt Rauer: „Der Test ist zu empfindlich! Je nach Region zeigt er bei 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung ein positives Ergebnis an.“ In der Tat hat schätzungsweise jeder zehnte Bundesbürger Antikörper gegen Borrelien im Blut, weil sein Immunsystem irgendwann einmal Kontakt mit den Erregern hatte. Der Nachweis von Antikörpern allein heißt noch lange nicht, dass jemand wirklich krank ist. Daher ist es umso wichtiger, dass Ärzte die Symptome sorgfältig analysieren, um keine falschen Zusammenhänge herzustellen. Von dieser Unklarheit profitieren aber offenbar Labore, die umstrittene Testverfahren anbieten. Auch bei der Therapie gibt es unterschiedliche Meinungen. So berichtete der Göttinger Neurologe Prof. Roland Nau in einem Überblicksartikel im Deutschen Ärzteblatt: „Die langfristigen Resultate der Antibiotikatherapie sind sehr gut.“ Das sieht die DBG skeptischer: Vor allem bei chronischen Verläufen geht sie von einer begrenzten Wirkung solcher Medikamente aus. Manche Ärzte setzen daher statt der üblichen bis zu vierwöchigen Antibiotika-Behandlungen auf umstrittene Langzeittherapien.
Für Patienten sind die Unklarheiten verwirrend. Viele von ihnen wenden sich aus Enttäuschung über die Schulmedizin der Alternativmedizin zu. Das Robert-Koch-Institut sprach 2008 nach einem interdisziplinären Expertentreffen von einem „Vertrauensverlust in die medizinische Standardversorgung“, der zu einem „verstärkten Einsatz von kostenintensiven, paramedizinischen Diagnose- und Therapieverfahren“ führe.
Daher sind sich Wissenschaftler einig, dass die Forschung vorangetrieben werden muss. Bisher liegen nur Empfehlungen einzelner Fachgesellschaften vor.
Jetzt gebe es allerdings „erste Ansätze“, Experten aller Bereiche sowie Patientenvertreter an einen Tisch zu holen, um eine verbindliche Leitlinie zu erarbeiten, wie Rauer berichtet. „Das würde allen helfen“, sagt er. Auch der DBG-Vorsitzende Kurt Müller schlägt versöhnliche Töne an: „Wir sind verpflichtet, miteinander zu reden.“
