Stammgäste haben sogar Vorrang vor Clinton

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Alle paar Jahre wird halb Köln samt Umgebung von einem Gerücht erschüttert: „Der Lommerzheim macht zu!“ Das war Gott sei Dank stets falsch und wird hoffentlich noch lange falsch bleiben. Unter allen Kultkneipen in Köln ist die Deutzer Gaststätte in der Siegesstraße absolut einzigartig - aus mehreren Gründen.

Da ist zum einen und vor allem Inhaber Hans Lommerzheim, ein stiller Vertreter seiner Zunft, der sich nie laut und schon gar nicht ausufernd äußert. Seine knappen Antworten auf Anfragen aller Art sind aber nicht unhöflich gemeint und werden stets von einem milden Lächeln begleitet. Seit 1959 ist der Wirt für seine Gäste da.

Einzigartig zum zweiten ist sein Kölsch-Verteilungssystem, das niemanden vergisst und niemanden bedrängt. Der 74-jährige „Lommi“, wie ihn viele nennen, der abends von seiner Frau Annemie unterstützt wird, macht mit dem Kölsch-Kranz beständig seine Runde. Ein Bier bestellen kann man nicht: Wer dran ist, kommt auch dran, keine Sorge. Auf die Frage, wie er dabei die Übersicht behält, antwortet er: „Training.“

Pluspunkt Nummer 3 ist das Kölsch, nämlich Päffgen, für die eingeschworene Fangemeinde das beste Bier der Stadt oder sogar der Welt. Viertens: die Gerichte aus der Küche. Auf dem Gasherd entstehen in den gusseisernen Pfannen mächtige Koteletts (mindestens doppelstöckig), Bratwurst (ein Halbkreis um den Teller), Gulasch und die gewaltigen Hämmchen, alles perfekt im Geschmack, sehr bescheiden im Preis.

Punkt fünf: So vergammelt die Fassade ist, so frisch geputzt und sauber sind die gut ein dutzend Holztische mit Platz für je vier Gäste. Die Wände sind nikotingeschwängert braun, verziert mit Fotos, zwei Hirschgeweihen, Sprüchen („Als Moses an den Felsen klopfte, geschah das Wunder, der Felsen tropfte. Doch größer ist das Wunder hier: Du rufst nur ,Lommi , und schon läuft Bier“), ein Bildnis von der Abtei Alt St. Heribert. Keine Musikbox, kein Spiel- und kein Zigarettenautomat. Zu den schlichten Toiletten geht s über den Hof.

Einzigartig ist sechstens noch etwas. „Das Flair“, bringt Stammgast Hermann Trimborn (68) es auf den Punkt. Hier sitzt der Arbeiter neben dem Doktor, der Manager neben der Hausfrau. Unkomplizierte, kölsche Demokratie. Sind alle Tische belegt (und das geht meist ruckzuck, nachdem Lommi aufgeschlossen hat), setzt man sich ohne große Umstände auch zu Fremden mit an den Tisch.

„Wenn es donnerstagsabends Hämmchen gibt“ (man sieht, wie Hermann Trimborn bei der Vorstellung förmlich das Wasser im Munde zusammenläuft) „dann stehen die Leute eine Dreiviertelstunde vor dem Haus, ehe die Tür aufgeschlossen wird - nur um einen Tisch zu kriegen. Wo jibt s dat denn sonst noch?“ Bleiben Hämmchen übrig, gibt s auch freitagsvormittags welche.

Mitunter ist es bei Lommerzheim so voll, dass etliche Leute geduldig im Stehen warten, bis ein Platz frei wird. Berühmt sind die „Zusatzstühle“: Vom Hof holt man sich einen leeren Colakasten, Telefonbuch drauf, hinsetzen - dä. An warmen Sommertagen ist es ohnehin üblich, dass viele Gäste das leckere Kölsch an der frischen Luft vor der Kneipe genießen.

Verbürgt, und zwar von Hans Lommerzheim persönlich, ist folgende Geschichte. 1999, als der damalige US-Präsident Bill Clinton beim Weltwirtschaftsgipfel in Köln weilte, sollte dem mächtigsten Mann der Welt abends der Besuch einer kölschen Weetschaff, und zwar einer ganz besonderen, ermöglicht werden. Dazu wurde Lommerzheim ausersehen. Als man ihn anrief, winkte der Gastwirt ab: „Dann müsste ich ja alle meine Stammgäste raussetzen. Nä, dat jeiht nit!“ So ging Clinton damals dann in die Malzmühle.

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