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Doppelmord-Anklage„Diese Stimmen, das war der Teufel in Person“

4 min
Der Angeklagte verbarg sein Gesicht hinter einer Aktenmappe.

Der Angeklagte verbarg sein Gesicht hinter einer Aktenmappe.

Er hörte Stimmen: Ein 48-Jähriger aus Bornheim ist angeklagt, seine Eltern mit einem Dolch erstochen zu haben.  Vor dem Bonner Schwurgericht hat der Prozess begonnen.

Es ist ein bitter schwerer Gang für die Schwester: Die 51-Jährige versuchte, keine Miene zu verziehen, als sie an diesem Morgen den weitläufigen Schwurgerichtssaal betritt, um – begleitet von ihrer Anwältin und einer psychosozialen Betreuerin – den Platz der Nebenklage zu erreichen. Erst als nach vielen Minuten die Tür zum Vorführkeller aufgeht und zwei Wachtmeister ihren Bruder, das Antlitz zunächst versteckt hinter einer Aktenpappe, in Handschellen reinführen, kommen ihr die Tränen. Der 48-Jährige hat laut Anklage ihre gemeinsamen Eltern in ihrem Haus in Bornheim grausam getötet, mit einem Dolch. Mit einem Angriff auf ihr Leben hatten der 72-jährige Vater und die 73-jährige Mutter nicht gerechnet. Eine furchtbare Familientragödie.

Zustand der Schuldunfähigkeit?

Die Bonner Staatsanwaltschaft wirft dem Sohn Doppelmord aus Heimtücke und Habgier vor. Das Verbrechen soll der ehemalige Lagerlogistiker jedoch im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen haben, die Tötung seiner Eltern habe er im Wahn begangen. Entsprechend hat der Ankläger die Unterbringung in eine psychiatrische Klinik beantragt. Wie sich die Tat im Einzelnen abgespielt hat, wird das Bonner Schwurgericht in mühsamer Detailarbeit aufklären müssen; denn der Angeklagte selbst kann sich an fast nichts erinnern.

Am 17. Juni 2025 soll sich der 48-Jährige – soviel weiß die Anklage – im Gartenhäuschen auf dem elterlichen Grundstück versteckt und seinen Eltern aufgelauert haben. Als der 72-Jährige morgens wie immer die Terrassentür geöffnet hatte, um den Hund in den Garten zu lassen, soll der Sohn den Vater, dann die Mutter mit mehreren tiefen Messerstichen in die Brust attackiert haben, beide verbluteten an den schweren Verletzungen. Anschließend soll der 48-Jährige den Tresor im Keller geöffnet, insgesamt 3840 Euro Bargeld sowie einen Schmuckkasten mit Goldarmband und einen gold-silbernen Ring mit Stein entnommen haben. Anschließend fuhr er mit dem Auto der Eltern davon, zu seinem Schwager, um Kaffee zu trinken. Aber auch daran kann sich der Mann, der damals unter massivem Drogenkonsum stand, nicht erinnern.

Ich merkte immer mehr, irgend etwas stimmt nicht mit mir, ich war nicht mehr ich selbst, war wie gesteuert.
Der Angeklagte

Wie sein Verteidiger Michael Weller in einer Erklärung berichtete, glaubt der Angeklagte, dass er an diesem Tag bei den Eltern geklingelt habe, weil er sich das Messer schleifen lassen wollte. Auf Nachfrage des Gerichts aber räumte er ein, dass er in den Wochen vor der Tat zunehmend Stimmen gehört habe, die seine Familie beleidigt und ihn massiv unter Druck gesetzt hätten. „Ich merkte immer mehr, irgend etwas stimmt nicht mit mir, ich war nicht mehr ich selbst, war wie gesteuert.“ Die Stimmen, „das war der Teufel in Person“. Diese hätten ihn angewiesen, die Eltern zu töten, weil er dann nicht „nur eine Wohnung, sondern ein ganzes Haus und einen Jackpot im Keller“ habe. „Obwohl ich den Stimmen widersprochen habe, habe ich dann doch getan, was sie wollten.“

Die Beziehung zu seinen Eltern war eng, wahrscheinlich zu eng - und offenbar in ungesunder Abhängigkeit. Erst mit 24 Jahren - da war die Schwester längst schon ausgezogen - verließ er auf Druck seiner Eltern, das Nest, zog aber keine 200 Meter weiter in eine kleine Wohnung. Die Wäsche wurde weiterhin von der Mutter gewaschen, und für eine warme Speise war auch immer gesorgt. Beruflich kam er dann sogar auf die Beine, als Lagerlogistiker fand er den „Job meines Lebens“, der „richtig Spaß gemacht“ hat. Im Jahr 2010 dann der „Schock“: 30 Mitarbeitern wurde „wegen Umstrukturierung“ des Unternehmens gekündigt, darunter der Angeklagte.

Absturz nach der Kündigung

Von da an sei er nicht mehr auf die Beine gekommen: Drogen, Depressionen, Entgiftungen und auch Computerspiele bestimmten den Alltag. Um Miete zu sparen, wollte er im Juni 2025 vorübergehend bei den Eltern einziehen. Der Vater habe „nein“ gesagt. Das habe ihm die Mutter am Telefon mitgeteilt. Das war wenige Tage vor der Bluttat.

Die Leichen der Eltern waren erst zwei Tage später entdeckt worden: Am Tag nach der Tat war der 48-Jährige, der den Hund der Eltern bei sich hatte, von der Polizei aufgegriffen worden, weil er sich vor einem Müllcontainer entkleidete. Eine Mutter mit Kinderwagen hatte sich belästigt gefühlt und Alarm geschlagen. Da der Mann sich in einem „psychischen Ausnahmezustand“ befand, hatte man ihn vorläufig in einer Klinik untergebracht. Erst am 19. Juni, also zwei Tage nach dem Doppelmord, machten Polizeibeamte den grauenhaften Fund in dem Bungalow: Ursprünglich waren Streifenbeamte zu der Adresse gefahren, um die Eltern zu informieren, dass ihr Sohn sich in der Klinik befindet. Da wiederholt nicht geöffnet wurde, ein Badezimmerfenster jedoch offen stand, waren sie schließlich eingestiegen. Die Leichen befanden sich im Keller.

Angeklagter zeigte Reue

„Ich bereue zutiefst, was ich getan habe“, hieß es am Ende der verlesenen Erklärung des Angeklagten. „Ich hoffe, meine Schwester kann mir irgendwann mal verzeihen.“ Die 51-Jährige jedoch versuchte jeden Blickkontakt mit ihrem Bruder zu vermeiden. Sie hat nur eine Frage, die sie ihre Anwältin stellen ließ: „Warum hat Du mir und unseren Eltern kein Wort gesagt, dass Du Stimmen hörst?“ Dann fiel erneut der Satz, den der 48-Jährige an diesem ersten Prozesstag am häufigsten formuliert hat: „Ich weiß es nicht.“