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Nordbrücke gesperrtMit der Fähre in Graurheindorf über den Rhein – Wie die Werft den Ansturm erlebt

5 min
Rund 20 Autos kann die Fähre Christophorus pro Fahrt über den Rhein bringen.

Rund 20 Autos kann die Fähre Christophorus pro Fahrt über den Rhein bringen.

Die Schlangen an beiden Fährufern wachsen schnell an. Die Betriebszeiten wurden wegen der dramatischen Lage verlängert.

Mit einer Mischung aus entgeisterter Faszination und Lust am Spektakel stehen Fabian und Finn an der Rampe des Fähranlegers in Graurheindorf. „Wir wollten uns das einfach mal ansehen“, sagt Fabian grinsend. Die beiden 15-Jährigen aus Bonn-Buschdorf haben es leicht, sie sind mit ihren Fahrrädern einfach an der Autoschlange am Engländerweg vorbei gefahren. Das hat etwa zweieinhalb Minuten gedauert. Wer auf vier statt zwei Rädern unterwegs ist, braucht am Mittwochnachmittag dagegen zweieinhalb Stunden, um auf die rettende Fähre nach Niederkassel-Mondorf zu gelangen.

280 Autos pro Stunde

Die Nachricht von der gesperrten Nordbrücke hat die Pendlerinnen und Pendler aus dem Rhein-Sieg-Kreis während der Arbeit getroffen: Ob Büro, Pflegezimmer oder Baustelle, alle eint das Problem, über den Rhein zu gelangen. Und viele entscheiden sich für die Fähre. Die Fährgesellschaft arbeitet im Akkord: Gleich zwei Schiffe sind im Einsatz, alle dreieinhalb Minuten legt eines an der Rampe an. Das hat Finn mit einer Stoppuhr gemessen. Die beiden Zehntklässler haben an diesem Tag ihre Mathe-Zentralklausur geschrieben, die Lust am Rechnen ist ihnen nicht vergangen: „Die große kann 21 Fahrzeuge transportieren, die kleine 12. Das sind etwa 283 Autos pro Stunde und Richtung“, rechnet Fabian vor.

Vor ihnen fährt ein junger Mann in einem blauen Kleinwagen vorbei, er macht eine flehende Geste mit seinen Händen. Er wird es noch drauf schaffen. 280 Autos pro Stunde, in etwa. Zum Vergleich: Über die Nordbrücke fuhren täglich im Schnitt 100.000 Fahrzeuge. Finn und Fabian könnten sicher auch das auf die Stunde herunter rechnen, aber sie müssen zurück, nochmal vorbei an der Autoschlange, die bis zur Kreuzung mit der Kölnstraße reicht. Der Stau reicht in Richtung Auerberg zurück, aus Hersel kommend gibt es weniger Probleme – ein Vorgeschmack auf die kommenden Tage, Wochen, Monate.

In einem schwarzen Kleinwagen sitzt Jan Tos, von Beruf Haustechniker im Bonner Marienhospital. „Drei Stunden habe ich vom Venusberg bis hier hin gebraucht“, klagt er. Der Rheidter wolle einfach nur nach Hause. „Eigentlich habe ich Bereitschaft, aber zurück fahre ich nur, wenn da eine Leitung platzt und alles unter Wasser steht.“ Er sieht das große Ganze: „Da wurde in der Vergangenheit viel verpennt, die Brücke ist ja nicht erst seit gestern marode. Ich hoffe, man kann die noch halbwegs reparieren.“ Er denke darüber nach, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren.

Stau am Engländerweg: Zweieinhalb Stunden dauert es, von Bonn aus auf die Fähre zu gelangen.

Stau am Engländerweg: Zweieinhalb Stunden dauert es, von Bonn aus auf die Fähre zu gelangen.

In der Graubi Bar, dem Bistro am Fähranleger, interessieren sich die wenigen Gäste eher für den Getränke- als den Verkehrsfluss. „Manche von den Autofahrern kaufen schnell ein Eis oder ein Getränk, ansonsten hat die Sperrung gerade keine Auswirkungen auf die Kundschaft“; sagt Mitarbeiter Damien Flock. Nur die eine Kollegin, die eigentlich zur Spätschicht kommen sollte, die habe eben abgesagt. „Wir haben schon überlegt, ob wir von Auto zu Auto gehen, um den Leuten etwas anzubieten“, sagt seine anwesende Kollegin Annemarie Wittmann. Finn und Fabian könnten sicher ausrechnen, wie sich das auf den Umsatz auswirkte.

Bester Laune – ja, wirklich – sitzt Jannik Schiemann am Steuer seines roten Kleinwagens. „Es kann sich nur noch um Stunden handeln“, hatte er um 17.19 Uhr an seine Familie geschickt, als er an der Kreuzung stand. Mittlerweile ist 19.40 Uhr, was soll man sagen, er hat Recht behalten. „Ich arbeiten normalerweise in Siegburg, musste heute mal nach Roisdorf. Wir haben das auf der Arbeit mitbekommen und eine Kollegin sagte schon: Na, mal schauen wie du zurückkommst“, schildert er. Für die Fähre habe er sich entschieden, weil der Kartendienst von der Suchmaschine mit dem großen G ihm diesen Weg empfohlen habe. „Sollte der schnellste sein.“ Eine gute Übung in Geduld sei das, meint Schiemann. „Aber jetzt habe ich eine Ausrede, damit ich nicht mehr kochen muss und kann mir Pizza bestellen“, sagt er und lacht.

Fährführer Ansgar Stüben macht freiwillig Überstunden, um den Autofahrern zu helfen.

Fährführer Ansgar Stüben macht freiwillig Überstunden, um den Autofahrern zu helfen.

Man sieht es Ansgar Stüben nicht an, doch der Fährführer der „Christopherus“ ist angespannt. „Wir haben das mit der Sperrung natürlich auch mitbekommen, wenig später ging der Andrang durch die Kunden los. Wir waren zu dem Zeitpunkt mit der kleinen Fähre unterwegs, die große lag in der Werft zur Reparatur. Wir haben die notdürftig fahrbereit gemacht, sodass wir seit 17 Uhr mit beiden Fähren in Betrieb gehen konnten.“

Dass das nur wenig Entlastung bringe, sei auch ihm bewusst, doch das Team tue, was es leisten könne. „Wir haben den Betrieb von 20 auf 22 Uhr verlängert, am Feiertag und am Wochenende starten wir normalerweise erst um 9, jetzt um 6.30 Uhr, wie an Wochentagen. Alles Weitere müssen wir dann schauen.“ Geplant sei aber, ab Montag beide Fähren einzusetzen. „Wir können leider nicht mehr einsetzen, denn wir haben nur drei Fahrzeuge für zwei Strecken. Und vor allem fehlt uns das Personal: Drei Kollegen hatten eigentlich frei und sind trotzdem hergekommen.“

Pro Schiff seien zwei Kassierer eingesetzt. Das zu lernen dauere eine Woche, sagt Stüben. Die Ausbildung zum Fährführer dagegen ein Jahr. „Im Sommer haben zwei ihre Ausbildung fertig, das schafft uns etwas Entlastung.“ Einen 24-Stunden-Betrieb sei dennoch nicht möglich. „Wir arbeiten heute bis ans Limit, aber irgendwann müssen auch mal wir Schluss machen.“ Wieder legt die Fähre in Mondorf an, krachend fällt die Rampe auf den Beton. Klack-klack, klack-klack, fahren die Autos vom Schiff, die nächsten drauf. Bei Stüben sitzt jeder Handgriff. Er sie die kommenden Monate sehr häufig ausführen.