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Tagen mehr Leben gebenKinder- und Jugendhospizdienst Rheinbach begleitet auf dem letzten Weg

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Vor dem Baum des Lebens und der Erinnerung (v. l.): Ursula Schieb-Niebuhr, Julia Hansel, Christian Gunczi und Thomas Meier.

Vor dem Baum des Lebens und der Erinnerung (v. l.): Ursula Schieb-Niebuhr, Julia Hansel, Christian Gunczi und Thomas Meier.

Anfang des Jahres wurde der neue Standort im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis eröffnet.

Zwischen Christian Gunczi und Thomas Meier hat es sofort gepasst, obwohl es anfangs ein kleines Missverständnis gab: „Mir wurde gesagt, Thomas kennt sich mit Computern aus, also könnte er mit mir auch Videospiele spielen“, schildert Gunczi. Doch dem war nicht ganz so, wie Thomas Meier einräumt: „Ich war zwar in der IT-Branche tätig und kenne mich mit Computern natürlich sehr gut aus, ich bin aber kein Gamer.“

Letztendlich spielte das keine große Rolle. Acht Jahre ist es her, dass sich die beiden zum ersten Mal trafen, die Chemie hat zwischen ihnen sofort gestimmt. Seitdem sehen sie sich einmal in der Woche, gehen miteinander spazieren, tauschen sich über alltägliche Dinge aus, gucken Filme oder hören Musik. Gezockt wird auch und da sich beide für wissenschaftliche Themen interessieren, geht es schon mal ins Museum.

Wachsende Nachfrage auch in der Region

Im Lauf der Jahre ist daraus eine freundschaftliche Bindung geworden. Das Besondere: Christian Gunczi leidet an einer sogenannten lebensverkürzenden Erkrankung, Multiple Muskeldystrophie, ein genetischer Defekt. Sein Körper kann keine Muskeln aufbauen. Der 23-Jährige sitzt zeitlebens im Rollstuhl.

Thomas Meier ist ehrenamtlicher Helfer beim Kinder- und Jugendhospizdienst in Bonn und unterstützt seit kurzem auch die Rheinbacher Dependance, die Anfang 2026 eröffnete. Für Gunczi eine Erleichterung: Der Rheinbacher wohnt nur einen Steinwurf vom Büro des Hospizdienstes entfernt, die Wege sind nun kürzer. Er muss nicht mehr nach Bonn fahren, wenn er Hilfe benötigt.

Wie kann der Hospizdienst helfen?

Der Bedarf an ehrenamtlicher Begleitung von Familien mit schwer erkrankten Kindern und Jugendlichen ist nicht nur in Bonn, sondern auch in der Region in den vergangenen Jahren ständig gewachsen. Damit die Wege sowohl für die Betroffenen als auch für die Ehrenamtlichen kürzer werden, wurde ein neuer Standort im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis gesucht, die Wahl fiel auf Rheinbach wegen seiner zentralen Lage und dem Bahnanschluss, schilderte Julia Hansel, die für den Dienst als hauptamtliche Koordinatorin arbeitet. Aktuell betreuen zehn Ehrenamtliche elf Familien in einem durchaus weitläufigen Einzugsgebiet, zu dem neben der Glasstadt auch Swisttal, Meckenheim, Wachtberg, Euskirchen und die Grafschaft gehören.

Der Hospizdienst begleitet Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die entweder an einer lebensverkürzenden oder einer lebensbedrohlichen Erkrankung leiden, und deren Familien auf ihrem Lebensweg. Die Begleitung, die für die Betroffenen kostenlos ist, kann ab der Diagnosestellung, im Leben, im Sterben und über den Tod der jungen Menschen hinaus in Anspruch genommen werden. 25 Prozent der förderungsfähigen Kosten übernehmen die Krankenkassen, der Rest finanziert sich über Mitgliedsbeiträge, Spenden von Privatleuten, Firmen oder Vereinen und Sponsoren.

Auch über den Tod hinaus da

Ganz wichtig ist laut Julia Hansel folgender Aspekt: „Ist der junge Mensch gestorben, dann fallen von jetzt auf gleich sehr viele unterstützende Strukturen weg, Ärzte, Therapeuten, Pflegedienste, Kindergärten oder Schulen, wir aber bleiben da.“

So gibt es in Bonn eine Trauergruppe, Müttergruppen, die sich zum Frühstück oder auf einen Cocktail treffen, oder Väter- und Geschwistertreffs für gemeinsame Ausflüge und Aktivitäten. Man kommt zum Sommerfest, zur Nikolausfeier oder zum Eisessen zusammen: „Dadurch lernen sich Familien auch untereinander kennen, profitieren von den Ressourcen und dem Wissen der anderen, können sich austauschen, trösten und vernetzen“, erklärt die Koordinatorin. Die Angebote sollen auch in der Region ausgebaut werden.

Professionell und intensiv geschulte Ehrenamtler

Die ehrenamtlichen Betreuer werden zunächst intensiv geschult. In den Kursen geht es um den Umgang mit dem Leben, dem Tod und der Trauer, um die Selbstreflexion, Familienstrukturen, Kommunikationstechniken, Erkrankungen, Krisen und Resilienz. Der Kurs, der für die Ehrenamtlichen kostenlos ist, umfasst rund hundert Stunden, einmal wöchentlich und an vier Samstagen findet er statt und dauert zwischen drei und vier Monaten. „Er dient aber auch dazu, sich selbst zu überprüfen, ob dieses Ehrenamt das richtige für einen ist“, schildert Hansel.

Ursula Schieb-Niebuhr (75) bezeichnet die Kurse als sehr wertvoll. Die Bonnerin hilft seit sieben Jahren mit. Nachdem die ehemalige Lehrerin in den Ruhestand gegangen ist, suchte sie nach einer sinnvollen ehrenamtlichen Tätigkeit, sie wollte anderen Menschen etwas Gutes tun und entdeckte die Hospizarbeit: „Denkt man ans Hospiz, dann denkt man an etwas Schweres, doch die Arbeit mit diesen Kindern ist so offen und erfüllend, für mich war es genau die richtige Entscheidung.“

Für Thomas Meier ging es quasi zurück zu den Wurzeln. Vor Jahrzehnten hatte der heute 67-Jährige Zivildienst an der Rheinischen Landesschule für Körperbehinderte gemacht, die soziale Arbeit war dann später kein Thema mehr für ihn, er hat Geologie studiert und im IT-Bereich gearbeitet, dann ging er in die Altersteilzeit. Seine Frau wies ihn auf ein Zeitungsanzeige hin in der der Bonner Kinderhospizdienst Ehrenamtler sucht. Über einen Bekannten, dessen mittlerweile verstorbene Tochter nur ein halbes Herz hatte, erfuhr er, wie sinnstiftend diese Arbeit ist und ließ sich ausbilden. 

Direkt danach lernte er Christian kennen: „Wir begleiten durch das Leben und über den Tod hinaus. Wir können dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben, ist ein bekanntes Motto aus der Hospizbewegung“, sagt Meier und Julia Hansel fügt hinzu: „Im Gegensatz zu den Hospizdiensten für Erwachsene, ist es bei uns eine Lebensbegleitung. Bei Erwachsenen ist es eher der letzte Abschnitt. Wir können ab der Diagnose begleiten, so lange, wie die Familie das braucht.“ 

Weltanschaulich neutral und mit Haltung

Wichtig ist Julia Hansel auch, dass die Betroffenen wissen, dass der Verein weltanschaulich neutral ist und weder die soziale Herkunft noch die Religionszugehörigkeit eine Rolle spielen: „Vielfalt, Demokratie und Haltung sind unsere Grundwerte.“ Auch wichtig ist die Sicherheit. Wer sich ausbilden lassen möchte, muss auf jeden Fall ein erweitertes Führungszeugnis mitbringen.

Begleitet werden nicht nur die Erkrankten, sondern jeder aus der Familie kann die Unterstützung in Anspruch nehmen. Es gehe auch darum, Eltern oder Geschwister im Alltag zu entlasten: „Wir haben zum Beispiel eine Familie mit drei Geschwistern, die von drei Ehrenamtlichen betreut werden, damit auch wirklich jeder Mensch die Zeit bekommt, die er braucht“. Dann geht der Ehrenamtliche mit den Kindern raus und unternimmt etwas und die Eltern haben Zeit, sich um sich in Ruhe um ihr Kind mit der Erkrankung zu kümmern, um den Haushalt oder um sich als Paar. Ganz niederschwellig sei die Hilfe, und wenn es nur darum gehe, einmal die Woche ein Kind zum Klavierunterricht zu fahren.

Noch ein Punkt darf nicht vergessen werden, betont Christian Gunczi, der schon mehrere Begleiter hatte: „Manchmal ändern sich die Lebensumstände der Ehrenamtlichen, dann hören sie auf oder ziehen weg, aber wir werden aufgefangen und wir bekommen auf Wunsch einen neuen Begleiter.“ Daher spricht Julia Hansel auch lieber nicht von Freundschaften, sondern von einem Bündnis, weil es keine Garantie gibt, dass der Betreuende auch morgen noch die Zeit hat, zu unterstützen. Für Gunczi ist noch ein weiterer Aspekt sehr wichtig: „Thomas hilft mir auch darin, dass ich nicht einsam bin.“ Auch wenn Thomas Meier kein Gamer ist, gemeinsam gezockt wird trotzdem: „Einmal hat er sogar gewonnen. In acht Jahren“, fügt Gunzci augenzwinkernd hinzu.