Eine Mutter meldet den Ex-Lebenspartner wegen sexuellen Missbrauchs ihrer Tochter. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe.
Prozess in BonnSwisttaler Jugendliche muss zu mutmaßlichem Missbrauch aussagen

Eine Statue der Justitia hält eine Waage in der Hand.
Copyright: David-Wolfgang Ebener/dpa
Acht Jahre war das Mädchen alt, als dem Lebensgefährten seiner Mutter, von dem es sich gerne ins Bett bringen ließ, das erste Mal die Hand „verrutschte“. Bei dem Gute-Nacht-Ritual mit Rücken-Krabbeln wurden die Grenzen aber doch wohl zunehmend verschoben. Nach vier Jahren – das Mädchen war mittlerweile zwölf Jahre alt – erzählte sie der Mutter von Übergriffen: Er bekrabble sie nicht nur, sondern fasse sie auch an. Seit Freitag muss sich der 37 Jahre alte Lastwagenfahrer wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes beziehungsweise einer Schutzbefohlenen in 13 Fällen, darunter zwei schwere, vor der 2. Großen Strafkammer des Bonner Landgerichts verantworten.
Der Angeklagte jedoch fühlt sich zu Unrecht belastet. Ein Geständnis wollte er zum Prozessauftakt partout nicht ablegen, obwohl die Kammervorsitzende Stefanie Johan to Settel den 37-Jährigen eindringlich darauf hingewiesen hat, wie „erheblich strafmildernd“ ein Geständnis wäre, weil das missbrauchte Kind nicht in allen Details befragt werden müsste. Aber der Angeklagte wollte bei seiner Einlassung bleiben, die seine Verteidigerin Melanie Jüde vorbereitet hatte. Demnach, so hieß es im Vortrag, sei die ganze schreckliche Missbrauchs-Geschichte eine Erfindung der Ex-Partnerin, die sich rächen wolle, nachdem er endlich – nach vielen Jahren toxischer Beziehung – ausgezogen sei.
Angeklagter räumt „versehentlichen Vorfall“ ein
Dabei räumte der Angeklagte allerdings einen „einmaligen, versehentlichen Vorfall“ ein, bei dem er dem Kind – wie immer – den Rücken gekrault habe; als das Mädchen sich zum Schlafen umdrehte, sei seine Hand versehentlich unter ihren Hosenbund gerutscht. Als er das gemerkt habe, habe er seine Hand sofort weggezogen.
Alles zum Thema Amts- und Landgericht Bonn
- Prozess in Bonn Swisttaler Jugendliche muss zu mutmaßlichem Missbrauch aussagen
- Auswirkungen auf Patienten Warnstreiks an mehreren Unikliniken am Dienstag und Mittwoch
- Angeklagte bleibt Prozess fern 35-Jährige soll Wachtberger jahrelang gestalkt haben
- Diebstahl aus Schließfächern Bonner Golddiebstahl - Ermittler nennen Details
- Höher der Beute unklar Mehrere Schließfächer in Halle in Westfalen aufgebrochen
- Diebstahl Gold aus Bonner Sparkasse gestohlen
- Jahresrückblick 2025 Korruptionsprozess um Marien-Hospital in Euskirchen immer noch offen
Tatsächlich aber hatte der Angeklagte bereits vor zwei Jahren bei der Polizei ein Geständnis abgelegt, angeblich hatte er sich dort gemeldet, um sich selbst anzuzeigen. Aber, so hieß es jetzt in der Einlassung, das habe er nur unter Druck der langjährigen Ex-Gefährtin und unter Drogeneinfluss getan. So entstand im Gerichtssaal die kuriose Situation, dass der Angeklagte – wie erstarrt – sich selbst bei der aufgezeichneten polizeilichen Vernehmung zuschaute, wie er auf der Leinwand nervös und fahrig den Missbrauch an dem Mädchen einräumte. Der 37-Jährige auf der Anklagebank machte den fassungslosen Eindruck, als schaue er einem Fremden zu. Das Video wurde im Prozess eingeführt, obwohl die Verteidigerin noch ein Beweisverwertungsverbot beantragt hatte, da ihr Mandant zu dem Zeitpunkt unter Drogen gestanden habe. Darüber jedoch will die Kammer später entscheiden.
Mutter glaubte dem Mädchen sofort
Die 35 Jahre alte Mutter des heute 14-jährigen Mädchens erzählte als Zeugin, dass sie ihrer Tochter sofort geglaubt und den langjährigen Lebenspartner, der just ausgezogen war, auch sofort angezeigt habe. Erst viel später habe sie ihn – bei einem Treffen auf einer Parkbank – auf den Missbrauch angesprochen: Da habe er, mit gesenktem Haupt, sofort genickt – und alles eingeräumt. Woraufhin sie ihn zur Polizei gebracht habe, damit er ein Geständnis ablege, was auch geschehen ist.
Den Angeklagten beschrieb sie – auf Nachfrage des Gerichts – als einen sehr isolierten, zurückgezogenen Menschen, der extrem eifersüchtig auf sie gewesen sei. In der Beziehung habe sie „24 Stunden unter Kontrolle“ gestanden, für alles habe sie sich rechtfertigen müssen. Damals, als sie mit 13 Jahren in der Schule ein Paar geworden seien, habe „er sie aufgefangen“, da sie aus einer schwierigen Beziehung gekommen sei. Damals, so die Zeugin weiter, „hat er mich sehr geschätzt. Er hatte mir das Gefühl gegeben, dass ich ganz groß bin.“ Mehr als 20 Jahre später ist diese Jugendbeziehung jedoch ein Scherbenhaufen. Das einstige Teenager-Paar würdigte sich im Gerichtssaal keines Blickes. Die Konsequenz: Demnächst muss das 14-jährige Mädchen doch noch in den Zeugenstand.
