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Früherer Gymnasiast erzähltAls die Lehrer in Euskirchen noch Ohrfeigen verteilten

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Das Bild zeigt Wiskirchen vor dem alten Schulgebäude.

Hans Helmut Wiskirchen erzählt von seiner Zeit am Emil-Fischer-Gymnasium Euskirchen. Er machte 1958 Abitur.

Hans Helmut Wiskirchen legte 1958 am Emil-Fischer-Gymnasium sein Abitur ab. Er erzählt von der Schule, die in diesem Jahr Jubiläum feiert.

Oft lauerte der stellvertretende Schulleiter am Eingang. Wer zu spät kam und vom ihm ertappt wurde, erhielt eine Standardstrafe: Er musste eine Woche lang schon um 7.30 Uhr in der Schule erscheinen – obwohl der Unterricht erst um 8 Uhr begann.

Pünktlichkeit war eben unerlässlich in der Zeit, als Hans Helmut Wiskirchen das Emil-Fischer-Gymnasium in Euskirchen besuchte. Und überhaupt: Ohne Disziplin ging es nicht, was oft auch mit dem Werdegang der Pädagogen zusammenhing. „Einige Lehrer hatten eine Militärlaufbahn hinter sich, manche kamen sogar noch aus der wilhelminischen Epoche“, sagt Wiskirchen, der 1958 sein Abitur am „Emil“ ablegte.

Das Emil-Fischer-Gymnasium Euskirchen besteht seit 175 Jahren

Der Euskirchener, Jahrgang 1938, gehört zu den ältesten noch lebenden Ehemaligen des städtischen Gymnasiums, das seit 175 Jahren besteht. Im Frühjahr wurde das Jubiläum mit einem Festakt gewürdigt. Im Gespräch mit dieser Zeitung blickt er zurück auf seine Gymnasialzeit und die Jahre davor.

Hans Helmut Wiskirchen besuchte zunächst die Westschule. Er war zweimal eingeschult worden, das erste Mal im Herbst 1944. Schon bald machte der Zweite Weltkrieg den Schulbetrieb unmöglich. Nach dem Kriegsende war an die Wiederaufnahme des Unterrichts in dem Gebäude in der Weststraße nicht zu denken, zu stark waren die Schäden.

Die Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt die Gruppe in Wanderbekleidung.

Angeführt von dem jungen Lehrer Eberhard „Ebbus“ Bachem (M.), erkundeten die Gymnasiasten während einer Klassenfahrt die Eifel rund um Adenau.

Die Abiturienten von 1958 stehen auf Treppenstufen, sie tragen dunkle Anzüge.

Die Abiturientia 1958 ließ sich vor dem Hauptportal des Emil-Fischer-Gymnasiums ablichten.

Als Ersatzdomizil diente die Taubstummenanstalt, wie sie damals hieß. Dort, in der Billiger Straße, gehörte Wiskirchen im Sommer 1945 ein zweites Mal zu den i-Dötzchen, bevor es – nach einer Zwischenstation in der Nordschule – im Frühjahr 1948 zurück in die Westschule ging. Es galt die Geschlechtertrennung. Mädchen und Jungen bildeten jeweils eigene Klassen. Teilweise fand der Unterricht in Wechselschichten vormittags und nachmittags statt.

Aus Wiskirchens rund 65-köpfigem Jahrgang erhielten am Ende des vierten Schuljahrs, 1949, ganze sechs Schüler vom Lehrer die Empfehlung, sich zur Aufnahmeprüfung am Gymnasium anzumelden. Die Aspiranten mussten an drei Tagen in Mathematik und in Deutsch – aufgeteilt in Diktat und Erlebnisaufsatz – ihre Eignung für die höhere Schule unter Beweis stellen.

Es wurde kräftig gesiebt, in einem Jahr blieben zehn Schüler auf einmal sitzen.
Hans Helmut Wiskirchen

Die Anforderungen waren hoch. Vom Sextett aus der Westschule war Wiskirchen der Einzige, der das Abitur schaffte. Und von den 35 Schülern aus seiner Eingangsklasse am Emil-Fischer-Gymnasium – damals eine reine Jungenschule – legten nur neun den Weg bis zum Reifezeugnis ohne Wiederholungsjahr zurück. „Es wurde kräftig gesiebt, in einem Jahr blieben zehn Schüler auf einmal sitzen“, erzählt Wiskirchen.

Er absolvierte den altsprachlichen Zweig. Von der fünften Klasse an, der Sexta, war Latein obligatorisch. In Stufe sieben kam Englisch hinzu, ein Jahr später Altgriechisch.

Samstagsunterricht war in den 1950er-Jahren üblich

„Bis 1957 mussten meine Eltern Schulgeld zahlen, 20 D-Mark im Monat“, erinnert sich Wiskirchen.„Das war viel Geld, wenn man bedenkt, dass das mittlere Einkommen damals 300 Mark betrug.“ Auch darüber hinaus waren es ganz andere Zeiten als heute: Samstagsunterricht war üblich, und „hausaufgabenfreie Wochenenden gab es nicht“, fügt der 88-Jährige hinzu.

Fleiß gehörte zu den Grundvoraussetzungen, um mithalten zu können. Die Sitten waren streng: Das Hauptportal des Gymnasiums an der Billiger Straße, wo die Schule bis 1966 residierte, war den Lehrern vorbehalten. Nutzte ein Schüler diesen Eingang, etwa weil er zu spät zu kommen drohte, galt das als „Todsünde“, erzählt Wiskirchen.

Die Männer bilden einen Halbkreis. Einer von ihnen spricht, die anderen hören zu.

Die Ehemaligen treffen sich regelmäßig. 50 Jahre nach dem Abitur besichtigten Hans Helmut Wiskirchen (3.v.l.) und seine früheren Mitschüler die ehemalige Tuchfabrik Müller in Kuchenheim.

Die Pennäler mussten stattdessen über die Turnhallenseite auf den Schulhof, um sich dort in Reih und Glied und klassenweise aufzustellen. Von dort aus wurden sie vom Lehrer in den Klassenraum geführt. Schweigen war dabei Pflicht. Verstöße gegen die Verhaltensregeln blieben natürlich nicht aus – oft mit spürbaren Folgen, so der Euskirchener: „Ohrfeigen gehörten zum Tagesgeschäft.“

Kaum vorstellbar nach heutigen Maßstäben: Um an dem städtischen Gymnasium zum Abitur zugelassen zu werden, mussten die Schüler ein Gesuch inklusive Lebenslauf an den Euskirchener Bürgermeister richten, den obersten Repräsentanten des Schulträgers.

Und mit einer Fünf in der Deutsch-Prüfung war man im Abitur durchgefallen.
Hans Helmut Wiskirchen

Wer in der Abschlussstufe in Deutsch eine Fünf hatte, konnte sich die Mühe sparen: „Damit erhielt man keine Zulassung. Und mit einer Fünf in der Deutsch-Prüfung war man im Abitur durchgefallen“, erzählt Wiskirchen, der zu den erfolgreichen Kandidaten gehörte.

In der Aula hielt er die Abiturrede für den ’58er-Jahrgang. Darin widmete er sich unter anderem dem lateinischen Wahlspruch aus der Antike, der noch heute über dem Portal des Schulgebäudes an der Billiger Straße zu lesen ist: „Virtuti et litteris“, übersetzt: „Für Mannhaftigkeit und Wissen“. Es gehe darum, sagte Wiskirchen damals, den „Mut zu haben, die gefundene Wahrheit zu künden und mannhaft für sie einzutreten“.

Viele Euskirchener Abiturienten aus dem 1958er-Jahrgang wurden Lehrer

Viele Schüler verließen das Gymnasium zu jener Zeit nach der Mittelstufe mit dem „Einjährigen“, wie der Abschluss landläufig hieß. „Bei Bewerbungen, zum Beispiel für die Beamtenlaufbahn, hatte man mit dem Einjährigen gute Chancen“, berichtet der Euskirchener, der mit dem Abi in der Tasche die Pädagogenlaufbahn einschlug.

Damit stand er bei Weitem nicht allein: Von den 25 Abiturienten aus seiner altsprachlichen Klasse wurden 18 Lehrer. Wiskirchen entschied sich wie sieben weitere von ihnen für Latein als Studienfach, zudem für Germanistik und später zusätzlich für Mathematik.

Aus dem Zülpicher Progymnasium wurde ein Vollgymnasium

Nach dem Staatsexamen 1964 und dem Referendariat am Bonner Beethoven-Gymnasium hatte er Glück, dass das Zülpicher Progymnasium durch die Oberstufe erweitert und so zum Vollgymnasium wurde. So bekam er eine Stelle in Heimatnähe, die er bis zur Pensionierung 2002 behielt. In Zülpich war er außerdem gut zehn Jahre Leiter der Volkshochschule. Wiskirchen ist ein exzellenter Kenner der Euskirchener Stadtgeschichte. Er hält noch heute Vorträge und leitet Führungen.

Von seinen Klassenkameraden leben noch zehn. Die Ehemaligen treffen sich seit Anfang der 1990er-Jahre stets am Kirmessamstag im Oktober. Seit 1993 unternahmen sie, oft im Jahresrhythmus, immer wieder gemeinsame Fahrten. Die erste führte nach Trier, später ging es – oft von Hans Helmut Wiskirchen organisiert – nach Dresden, Berlin, Stralsund, Rom, Wien, Innsbruck, Emden, Gera und zum Bodensee, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Schule, blickt Wiskirchen zurück, „war ein Ort intensiven Lernens“. Alle Abiturienten seines Jahrganges – 25 Altsprachler, 13 Neusprachler – „haben in ihrer Schulzeit ein solide Bildungsgrundlage erhalten“. Die Notengebung war strenger, ein „Sehr gut“ gab es nur für Klausuren, die auch formal fehlerfrei waren. In den Hauptfächern wurden häufiger Klassenarbeiten geschrieben als heute, und anfangs gab es dreimal pro Schuljahr Zeugnisse: „Zum Herbst, zu Weihnachten und das Versetzungszeugnis zu Ostern.“

Wiskirchen erwähnt auch die Notzeit nach dem Zweiten Weltkrieg. In den Jahren von 1945 bis 1951 ermöglichte ein Hilfsfonds der Alliierten   eine Schulspeisung: Weihnachten gab es als Krönung eine Tafel „Quatta“-Schokolade. Und noch etwas hat er nicht vergessen: „Eine Südfrucht, zum Beispiel eine Banane, war damals eine Kostbarkeit.“