Abo

Exklusiv

19 große Maßnahmen sind geplant
Hochwasserschutzplan für die Stadt Euskirchen ist fertig

5 min
Die Aufnahme zeigt den überfluteten Mitbach.

Aus dem Mitbach, der sonst oft nur ein Rinnsal ist, war am Abend des 14. Juli 2021 in Euskirchen ein Gewässer mit der Breite eines Flusses geworden. Die Katastrophe führte zur Aufstellung des Schutzkonzepts.

Zu den vorgesehenen Maßnahmen im knapp 100-seitigen Papier zählen der Bau von Verwallungen und Entlastungsgräben sowie Brückenerneuerungen.

Das kommunale Hochwasserschutzkonzept der Stadt Euskirchen ist unter Dach und Fach. Der Rat hat das knapp 100-seitige Papier verabschiedet. Bis die ersten der darin beschriebenen Maßnahmen realisiert werden, wird allerdings noch einige Zeit vergehen. Denn die Stadtverwaltung muss das weitere Vorgehen und die Reihenfolge der Umsetzung vorher mit dem NRW-Kommunalministerium abstimmen. Dabei geht es auch um Fördermittel des Landes.

Die Stadt reagiert mit dem Konzept auf die Naturkatastrophe vom 14. und 15. Juli 2021. Sie hat es in enger Zusammenarbeit mit dem Bochumer Unternehmen Okeanos Smart Data Solutions erarbeitet. Die Bevölkerung wurde ebenfalls eingebunden. In Workshops hatten die Bürgerinnen und Bürger aus den betroffenen Ortsteilen Gelegenheit, ihre Erfahrungen aus den Tagen des Hochwassers zu schildern und Hinweise und Vorschläge zu formulieren. In Euskirchen wurden 308 Bürgermeldungen erfasst.

Zu den Maßnahmen im Konzept gehören unter anderem das Anlegen von Wällen und Mauern, der Bau von Entlastungsgräben, das Schaffen von Rückhalteräumen und die Erneuerung von Brücken, die sich 2021 als Engpässe entpuppten.

Interkommunale Zusammenarbeit soll Kräfte bündeln

Die Stadt und Okeanos betonen, wie wichtig es ist, neue Wege der Zusammenarbeit zu entwickeln. Denn die Überflutungen hätten „die Grenzen rein kommunaler Schutzmaßnahmen verdeutlicht“. Deshalb wurde 2022 die interkommunale Hochwasserschutzkooperation Erft unter Federführung des Erftverbandes ins Leben gerufen. Ihr Ziel besteht darin, die Kräfte der beteiligten Städte und Gemeinden zu bündeln, um gemeinsam wirksame Strategien zu entwerfen.

Das städtische Konzept sei Bestandteil der gemeinsamen Anstrengungen innerhalb der Erft-Kooperation, heißt es weiter. Es beschreibe konkrete Maßnahmen für Euskirchen, gleichzeitig sei es eng mit den übergeordneten Zielen verknüpft. Mit der Kooperation will man Synergien nutzen, überflüssige Planungen vermeiden und Maßnahmen so koordinieren, „dass ihre Schutzwirkung entlang der gesamten Fluss- und Bachläufe maximiert wird“.

Unterlieger an Flüssen werden bei den Schutzmaßnahmen bedacht

Für Euskirchen sind neben der Erft und dem Veybach auch der Bleibach, der Steinbach, der Sürstbach sowie der Commebach relevant, der je nach Abschnitt auch Flämmer-, Rodder- oder Schießbach heißt.

Wichtig ist immer, dass durch Schutzmaßnahmen, die eine Kommune in die Tat umsetzt, die Gefahr in einer anderen Gemeinde nicht vergrößert wird. „Die Unterlieger an einem Fluss“, sagt der Euskirchener Fachbereichsleiter Bernd Kuballa, „dürfen anschließend nicht schlechter gestellt sein.“ Das Gegenteil werde der Fall sein: „Unsere Maßnahmen schützen das Euskirchener Stadtgebiet und gleichzeitig die Unterlieger Weilerswist und Swisttal.“

Umfangreiche Flächenankäufe werden für die Umsetzung benötigt

Umgekehrt werde Euskirchen von Verbesserungen bei den Oberliegern Mechernich und Bad Münstereifel profitieren, erklärt Kuballa: „Wasser, das in Bad Münstereifel und Mechernich zurückgehalten wird, kommt bei uns nicht an.“ Dies soll unter anderem durch Rückhaltebecken erreicht werden, deren Bau der Erftverband plant, unter anderem durch die Umgestaltung des Kommerner Mühlensees (Bleibach) und an der Möschemer Mühle auf Münstereifeler Gebiet (Eschweiler Bach als linkes Nebengewässer der Erft). In Euskirchen sind Becken oberhalb von Schweinheim (Sürstbach) und südlich von Wißkirchen (Veybach) vorgesehen.

Bernd Kuballa (r.) und Norbert Wiedemann sitzen an einem Tisch. Wiedemann zeigt Kuballa einen Fluss auf einer ausgebreiteten Stadtkarte.

Der städtische Fachbereichsleiter Bernd Kuballa (r.) und Sachgebietsleiter Norbert Wiedemann erläuterten das Konzept.

Bei der Planung der Baumaßnahmen sind zahlreiche Restriktionen zu beachten: Hier sind Abschnitte verrohrt, dort reicht die Bebauung bis ans Ufer, an anderer Stelle muss erst einmal Grunderwerb getätigt werden. Ohne umfangreiche Flächenankäufe bestehe „nahezu keine Möglichkeit zur Entwicklung natürlicher Auenstrukturen, welche die Hochwasserspitzen abflachen können“, schreiben die Autoren des Konzepts.

Einen „absoluten Schutz“ gegen Hochwasser gibt es nicht

Sachgebietsleiter Norbert Wiedemann, der sich in Euskirchen mit Bernd Kuballa und Projektleiter Matthias Ritter federführend um das Konzept kümmert, lenkt den Blick auf einen anderen Aspekt: das definierte Schutzziel. Grundlage für die Planungen sei ein 100-jährliches Hochwasser – ein Hochwasser also, wie es statistisch einmal in 100 Jahren auftritt. „Für diesen Fall sind Maßnahmen zu treffen, die Leib und Leben schützen“, sagt Wiedemann.

Gleichzeitig betonen er und Kuballa, dass es absoluten Schutz nicht geben könne. „Diese Botschaft muss klar sein“, sagt Wiedemann. Er erinnert auch daran, dass Privateigentümer ebenfalls verpflichtet sind, ihre Grundstücke und Gebäude im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu schützen: „Auch in diesem Fall gilt, dass Unterlieger an den davon betroffenen Gewässern nicht schlechtergestellt werden dürfen.“


Schweinheim steht oben in der Priorisierungsliste

Das Hochwasserschutzkonzept für Euskirchen umfasst 19 größere Baumaßnahmen. Die Kosten werden momentan mit rund 12 Millionen Euro veranschlagt. Die Ausgaben für zwei große Rückhaltebecken sind darin nicht enthalten. Ihr Bau ist Sache des Erftverbandes. Er kalkuliert dafür mit 56 Millionen Euro.

Das Konzept beschreibt und bewertet wesentliche Hochwassergefährdungen im Stadtgebiet, wie es die Autoren formulieren. Auf Basis der Analysen sind für die Orte, die von einem 100-jährlichen Hochwasser betroffen wären, Steckbriefe erstellt worden. Sie stellen die jeweilige hydraulische Leistungsfähigkeit und sinnvolle Maßnahmenkonzepte dar.

Das Büro Okeanos und die Stadt haben eine Priorisierungsliste ausgearbeitet. Oben stehen drei Baumaßnahmen in Schweinheim: ein Ersatzbau für die Brücke in der Irmelsgasse, die Umgestaltung des Dorfplatzes und eine Verwallung in der Nähe des Steinbachs südlich des Dorfes. Ob die Liste in der vorgeschlagenen Reihenfolge abgearbeitet wird, hängt von den Vorgaben des Landes ab. „Nach Gesprächen mit dem Kommunalministerium werden wir wissen, mit welchen Maßnahmen wir loslegen können“, sagt Norbert Wiedemann. Die Gesamtdarstellung findet man im Ratsinformationssystem der Stadt (Rubrik „Rathaus“) mit dem Suchbegriff „Hochwasserschutzkonzept“.