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Bewegende EinblickeNeues Buch erzählt Schicksale jüdischer Familien aus Euskirchen

3 min

Videobotschaften von Zeitzeugen zählten ebenfalls zum Programm der Buchvorstellung.

Das Buch über die Existenzvernichtung der jüdischen Bevölkerung im Altkreis Euskirchen zeichnet Schicksale nach – mit Bildern, Videobotschaften und Berichten von Zeitzeugen.

Geschichten über die Gräueltaten während der NS-Zeit gibt es zuhauf. Oft sind nur Tagebücher vorhanden. Am prominentesten ist sicher das von Anne Frank. Aber es gibt eben auch solche, die nur den Nachkommen bekannt sind. Hinter jedem ermordeten Menschen steckt eine Geschichte, die fassungslos macht.

Vertraute Orte und Namen

„Man blickt immer wieder in menschliche Abgründe und kann kaum glauben, was Menschen anderen Menschen antun können“, fasste der Historiker Hans-Gerd Dick zusammen. Noch ergreifender erscheinen diese Erzählungen, wenn Orte und Namen vertraut sind, so wie im Buch „Die Existenzvernichtung der jüdischen Bevölkerung im Altkreis Euskirchen“, das am Dienstagabend präsentiert wurde. Mit Gabriele Rünger, der ehemaligen Leiterin des Euskirchener Stadtarchivs, und Manuel von Zelisch, Lehrer an der Marienschule, hat Dick in diesem Werk die Schicksale zahlreicher in der Kreisstadt lebender Juden zusammengetragen.

Drei Jahre Recherche verändern den Blick auf die Stadt

„Ich sehe Euskirchen mittlerweile mit ganz anderen Augen“, berichtete von Zelisch über die drei Jahre währende Recherchearbeit. Mittlerweile wisse er genau, auf welches Haus geschossen wurde oder auch, wo betroffene Ehepaare gewohnt haben. „Dort, wo heute das Porto ist, wo ausgelassen getanzt wird, haben damals Menschen gelebt, die von den Nazis deportiert und ermordet wurden.“ Die neuen Erkenntnisse hätten den Autoren schwer zu schaffen gemacht, sagte Rünger. „Wenn ich einfach nur Akten durchlese, gelingt es mir meistens, einen wissenschaftlichen Abstand zu wahren. Bilder haben hingegen eine andere Dimension. Es geht zu Herzen, wenn man den Geschichten Gesichter zuordnen kann.“

Zeitzeugenberichte im Alten Casino

Von Zelisch (v.l.), Rünger und Dick.

Den Gästen im Alten Casino dürfte es ähnlich ergangen sein. Mit Zeitzeugenberichten, die teils mit Videobotschaften und Bildern begleitet wurden, erlebten sie einen bewegenden Einblick in die Inhalte des Hunderte Seiten umfassenden Werks. Sie erzählten von Familien, die mit Aussicht auf Arbeitsplätze und einem versprochenen „Siedlungsgelände“ eine mehrtägige Zugfahrt unter katastrophalen Bedingungen auf sich nahmen, nur um an deren Ende einem Erschießungskommando gegenüberzustehen. Postkarten berichteten von Gedanken und Wünschen des Familiennachwuchses, während in der alten Heimat das verbliebene Hab und Gut bereits als „Judenmöbel“ meistbietend verkauft wurde.

Die Erinnerung an eine Kirchturmuhr

Der Landtagsabgeordnete Klaus Voussem bediente sich in seiner Begrüßungsrede eines im Buch vorkommenden Ereignisses. „Ein Kind schaut aus dem Fenster seines Elternhauses auf die Uhr der Martinskirche. An dieser Uhr lernt es, die Zeit zu lesen. Ein Kind wächst auf, entdeckt seine Stadt und findet seinen Platz in ihr. So beginnt Heimat.“

Im Alter von sieben Jahren musste dieses Kind mit seiner Familie fliehen. Angehörige, die später im Holocaust ermordet wurden, blieben zurück. „Menschen, die hier zu Hause waren, wurden aus ihrer vertrauten Welt gedrängt. Die Sicherheit ihres Alltags zerbrach“, so Voussem. „Am Anfang stand die Erinnerung eines Kindes an eine Kirchturmuhr. Das Buch bewahrt solche Erinnerungen und macht sichtbar, was diesen Menschen genommen wurde. Ich wünsche uns die Bereitschaft, das Gelesene an uns heranzulassen und daraus Verantwortung zu übernehmen.“

Dick hofft auf große Leserschaft und Einsatz im Unterricht

Hans-Gerd Dick betonte im Gespräch mit Moderatorin Pia Berners von der Eugebau, die das Projekt unterstützt hat: „Es gibt bereits viel Literatur zu den Geschehnissen aus dieser Zeit, doch diese Veröffentlichungen liegen meist Jahrzehnte zurück.“ Die Informations- und Faktenbasis sei auch durch die private Ahnenforschung im Zuge von Stolpersteinlegungen enorm gewachsen. „Dadurch lassen sich nun Zusammenhänge erkennen, die vorher unbekannt waren. Wir hoffen daher, dass das Buch auch über die Fachwelt hinaus eine große Leserschaft findet und vielleicht sogar Grundlage für den Schulunterricht wird, um all diese Schicksale nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.“ (arn)