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„Zwischen Mief und Moderne“Zeitzeugen berichten im Euskirchener Stadtmuseum über die 1950er

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Die drei Obengenannten sitzen auf Stühlen hinter einem Glastisch.

Zur Sonderausstellung im Stadtmuseum fand das vierte Zeitzeugengespräch mit (v.l.) Ruth Scheffen-Acher, Edi Heimbach und Annemie Inden statt.

Auch die Stadt Euskirchen musste nach dem Krieg neu anfangen. Eine besondere Hebamme soll bei rund 13.000 Geburten geholfen haben.

Auch das vierte Zeitzeugengespräch innerhalb der Sonderausstellung „Neubeginn im Frieden – Euskirchen 1945–1961“ war ein Publikumserfolg. Thema diesmal: „Zwischen Mief und Moderne – die 1950er-Jahre“. Doch stimmt diese Beschreibung der ersten Nachkriegsdekade überhaupt?

Oder ist es eher eine Bewertung aus Sicht der Nachgeborenen, denen das Alltagsleben der damaligen Bevölkerung weniger präsent ist? Die drei Zeitzeugen aus Euskirchen, die Museumsleiterin Dr. Heike Lützenkirchen eingeladen hatte, bestätigten: Sie haben diese Zeit anders erlebt.

Spricht man mit Menschen, die damals Kinder oder junge Erwachsene waren, hört man häufig einen Satz wie diesen: „Es war nach dem Krieg irgendwie auch eine schöne Zeit. Wir hatten ja alle nichts und machten etwas daraus.“

Zeitzeugen schilderten ihre Erinnerungen an die Nachkriegszeit

Das wurde aus den Erzählungen von Edi Heimbach (Jahrgang 1941) und Annemie Inden (1937) deutlich. Die erheblich jüngere dritte Teilnehmerin des Gesprächs, Ruth Scheffen-Acher (Jahrgang 1955), konnte naturgemäß nur mittelbar etwas beitragen. Inden und Heimbach dafür umso mehr.

Beide lebten als Kinder und Jugendliche mit ihren Familien zunächst im kriegszerstörten Euskirchen in Notunterkünften. Sie habe zunächst bei den Großeltern Unterschlupf gefunden, berichtete Annemie Inden, später habe die Familie in einer Art Hütte im Garten am Stadtrand gelebt. „Stühle, die wir damals hatten, besitze ich heute noch. Ich habe sie neu beziehen lassen – die tun es immer noch.“

Die hochbetagte Euskirchenerin, die lebhaft aus jenen Jahren erzählen kann, ist vielen im Publikum bestens bekannt. Die gelernte Konditorin begann ihre Lehre bereits mit 14 Jahren und stand später „mehr als 40 Jahre lang auch jeden Samstag und Sonntag hinter der Theke“ ihres Café Inden in Euskirchen.

Die Not war im Winter 1946/47 besonders groß

Nun wurde sie nach ihrer Kindheit kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs gefragt – eine kleine Zeitreise. „Wir haben auf der Hochstraße gespielt, die damals Adolf-Hitler-Straße hieß. Jede Stunde hieß es plötzlich: „Auto! Dann kam mal ein Wagen, wir ließen ihn durch – und danach haben wir weitergespielt.“ Eine Kinderidylle in schwierigen Zeiten.

Nach dem Krieg änderte sich das Leben. Besonders erinnert sich Inden an die vielen Kuchen, die etwa zum Weißen Sonntag gebacken wurden. „Der wurde ja auch auf dem Land gefeiert. Wir hatten drei oder vier Autos, die den Kuchen ausfahren mussten.“

Was war damals der beliebteste Kuchen? Bäckermeister Edi Heimbach, der „60 Jahre lang“ als Bäcker in Euskirchen tätig war und ebenso bekannt wurde wie Inden, wusste die Antwort sofort: „Schwarzwälder Kirsch – und bei uns vor allem der Pariser Kranz.“

Sich zu Feiertagen einen aufwendigeren Kuchen oder eine Torte zu gönnen, war in den ersten Jahren des Wiederaufbaus ein kleines Zeichen wachsenden Wohlstands – nach Zeiten großer Not, besonders im harten Winter 1946/47. Damals fiel die tägliche Lebensmittelration, die über Stempelkarten ausgegeben wurde, noch knapper aus als ohnehin schon. Darauf verweist auch die Sonderausstellung im Stadtmuseum.

1950er waren geprägt von Arbeit und Verdrängung

Im Alltag kamen aus Heimbachs Bäckerei in den 1950er-Jahren vor allem Schwarzbrot und Graubrot – ein einfaches Mischbrot aus Roggen und Weizen – sowie „Teilchen“. Später wurden morgens Brötchen für „bis zu 120 Kunden“ ausgeliefert, zunächst noch mit dem Fahrrad. Bezahlt wurde häufig auf Vertrauensbasis: „Die Kunden ließen bei uns anschreiben. Das änderte sich erst, als die Registrierkassen kamen – da war es mit dem Anschreiben vorbei“, so Heimbach.

Der Bäckermeister hat zudem rund um die Hochstraße das damalige Viertel dokumentiert: Wohnhäuser, Geschäfte und die Namen ihrer Bewohner hat er auf einer Karte festgehalten. Für Museumsleiterin Lützenkirchen ein Glücksfall. Sie rief das Publikum dazu auf, ähnliche Erinnerungen festzuhalten. Die Schilderungen von Heimbach und Inden vermittelten vor allem eines: In der Nachkriegszeit wurde viel gearbeitet. Die Familie stand im Mittelpunkt, der Alltag musste bewältigt werden.

Zeit für grundsätzliche Reflexionen blieb kaum. Dass diese Jahre in der jungen Bundesrepublik auch eine Zeit des Verdrängens waren, ist historisch bekannt. Und nach der Arbeit? „Wir fuhren zur Burg Kirspenich oder zu den Katzensteinen – das waren unsere Ausflüge, und damit waren wir zufrieden“, erzählte Annemie Inden. Eine Bescheidenheit, die den damaligen Verhältnissen entsprach.

Hebamme Agnes Deutschbein soll rund 13.000 Geburten betreut haben

Große Begeisterung löste in den 1950er-Jahren dagegen das Freibad in den Erftauen aus. Ein hörbares Raunen ging durchs Publikum, als Museumsleiterin Lützenkirchen ein großes Schwarz-Weiß-Foto des Geländes an die Wand projizierte. „Als die Transistorradios aufkamen – wir hatten eins –, war unser Platz auf der Liegewiese immer dicht umlagert“, erinnerte sich Edi Heimbach schmunzelnd.

Neben einem großen Ausschnitt eines Fahrrads hängt ein Blatt mit einem Bild der Hebamme Agnes Deutschbein und einem Text an einer Wand.

Die Hebamme Agnes Deutschbein war in Euskirchen flott unterwegs. Sie hat an die 13.000 Babys entbunden.

Eine besondere Rolle im Alltag vieler Familien spielte zudem die Hebamme Agnes Deutschbein (1896–1986). Sie soll rund 13.000 Geburten betreut haben, berichtete Lützenkirchen. Bekannt war sie auch wegen ihres Mopeds, mit dem sie zu den werdenden Müttern eilte, erinnerte sich Heimbach.

Deutschbein, die später mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, habe vielen Euskirchenern gewissermaßen ein Zeichen ihres Könnens hinterlassen: „Es heißt bis heute: Wer von ihr entbunden wurde, den erkennt man an der Form seines Bauchnabels.“

„Neubeginn im Frieden – Euskirchen 1945-1961“ ist noch bis zum 25. Mai im Stadtmuseum, Wilhelmstraße 32-24 (Kulturhof), zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 15 bis 18 Uhr, Samstag 11 bis 15 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr.