Abo

Dramatische SzenenZeitzeugen berichten von der Flutkatastrophe in Euskirchen

5 min
Das Wasser ist trüb-braun, ein Auto ist halb versunken, im Hintergund umgekipptes Gastronomie-Mobiliar.

Am Morgen des 15. Juli 2021 standen weite Teile der Stadt noch unter Wasser, etwa Wilhelm- und Bahnhofstraße.

Im Stadtmuseum Euskirchen erzählten eine Frau und zwei Männer, wie sie den 14. Juli 2021 und die Zeit danach in Erinnerung haben.   

Am Ende stand die Frage nach dem, was geblieben sei fünf Jahre nach der Hochwasserkatastrophe. „Dankbarkeit, dass wir leben, dass wir uns alle noch haben“, sagte Cornelia Niessen. Sie hatte in einem Zeitzeugengespräch vor einem etwa 30-köpfigen Publikum im Euskirchener Stadtmuseum von der Flutnacht 2021 und der Zeit danach erzählt. Damals war sie mit ihrer Familie bei ihrer Schwiegermutter in deren Haus in der Kälkstraße im Einsatz.

Während Niessen in der Runde für die vielen privat Betroffenen stand, berichtete Marc Lohmeyer vom Technischen Hilfswerk (THW) Euskirchen als Ehrenamtler. Dritter im Bunde war Jörg Gerres vom Stadtbetrieb Technische Dienste, der berufsbedingt mit der Überflutung konfrontiert worden war.

Viele Betroffene können über das Geschehen noch nicht sprechen

Ruth Schmitz und Hilde Schröder vom veranstaltenden Museumsförderverein moderierten. Der Vereinsvorsitzende Kurt Lingscheidt hatte zur Einführung gesagt, dass man weitere Zeitzeugen angesprochen habe: „Sie können über die Geschehnisse aber immer noch nicht reden.“ Für viele sei das Thema nach wie vor „zu emotional“, ergänzte Museumsleiterin Dr. Heike Lützenkirchen, die Fotografien aus dem Sommer 2021 an die Wand projizierte.

Niessen spricht in ein Mikrofon, die Moderatorin schaut in ihre Unterlagen.

„Wir sind mit vielen blauen Augen davongekommen“, sagte Cornelia Niessen, hier flankiert von Marc Lohmeyer und Moderatorin Hilde Schröder.

Die beiden Frauen schauen Gerres an, der in ein Mikrofon spricht.

Vom Einsatz der Technischen Dienste erzählte Jörg Gerres. Ruth Schmitz moderierte, hinten Museumsleiterin Heike Lützenkirchen.

Eigentlich sollte auch Christiane Funken mit von der Partie sein, eine Mitarbeiterin der Stadtbibliothek im Kulturhof. Da sie verhindert war, hatten die Moderatorinnen sie vorab befragt, um ihre Schilderungen vorzutragen. Als Funken und ihr Lebenspartner am Abend des 14. Juli zum Kulturhof in der Wilhelmstraße kamen, wurde ihnen schnell klar, dass dort nichts mehr auszurichten war – derart hoch stand das Wasser.

Schlammschippen und Aufräumen dauerten mehrere Wochen

Sie wagten den Weg zum City-Forum, wo im Laufe der Nacht der große Saal voll lief. Funkens Partner stellte Strom und Gas ab – im Keller, „was ja lebensgefährlich war“, sagte Hilde Schröder. Das Paar habe sich im Bistro Snacks und Getränke geholt und die Nacht in der Künstlergarderobe im Obergeschoss verbracht. Mit Kolleginnen und Kollegen war Christiane Funken im City-Forum und in der Bibliothek danach wochenlang mit Schlammschippen und Aufräumen beschäftigt.

Cornelia Niessen erzählte von ihrer Schwiegermutter, die Alarm schlug, als gegen 22.30 Uhr das Wasser durch den Briefkasten ins Haus lief. Die Eheleute fuhren von der Südstadt ins Zentrum. Cornelia Niessens Mann, der von der Walramstraße aus zu Fuß weiter musste, schaffte es noch durch ein Fenster ins Gebäude.

Ich habe die Nacht gewartet, ob ein Lebenszeichen von meinem Mann kommt.
Cornelia Niessen

Er habe seine Mutter ins Obergeschoss geschickt („für sie wäre es sonst nicht gut ausgegangen“), während sie zurück nach Hause zu ihrem Sohn gefahren sei. „Die Telefonverbindung war weg. Ich habe die Nacht gewartet, ob ein Lebenszeichen von meinem Mann kommt.“ Morgens die erlösende Nachricht: Seine Mutter und er waren wohlauf.

Schon am nächsten Tag begannen „mithilfe vieler toller Menschen“ die Aufräumarbeiten im zerstörten Erdgeschoss, seit Mai 2023 könne ihre Schwiegermutter ihr Haus nach Abschluss des Wiederaufbaus wieder komplett nutzen. Niessen weiter: „Wir sind mit vielen blauen Augen davongekommen.“

Die Technischen Dienste der Stadt Euskirchen waren im Dauereinsatz

Jörg Gerres war mit den Bauhofkollegen im Dauereinsatz, um die Stadt von den gigantischen Sperrmüllmengen zu befreien. „Die Arbeit schien unendlich. Allein die   Wilhelmstraße haben wir sechsmal geräumt.“ Insgesamt seien die Technischen Dienste zwei bis drei Monate unterwegs gewesen. In der ersten Zeit erhielten sie Unterstützung von Landwirten, Speditionsfirmen und anderen Freiwilligen. Viele waren von weither gekommen.

Die Stadt gebe längst wieder ein gutes Bild ab. „Darauf können wir stolz sein“, sagte Gerres. „Wir haben auch Keller ausgeräumt. Das haben wir gerne gemacht. Wir sind doch auch dafür da, den Leuten zu helfen.“ Die Zeit nach der Flut, so Gerres, hatte er „eigentlich schon verdrängt, doch wenn ich hier die Bilder sehe, kommt vieles wieder hoch“.

Der Staudamm der Steinbachtalsperre drohte zu brechen

Marc Lohmeyer hatte als damaliger Gruppenführer der THW-Bergungsgruppe mit der Fachgruppe Wasserschaden/Pumpen den Auftrag, die Steinbachtalsperre zu leeren, weil der Damm zu brechen drohte. Auch dort kam viel Hilfe von auswärts. „Wir haben alles an Pumptechnik zum Einsatz gebracht, was wir kriegen konnten“, berichtete Lohmeyer. Sieben Hochleistungsgeräte mit einzelnen Pumpkapazitäten von bis zu 50.000 Liter pro Minute, von Großaggregaten mit Strom versorgt, versetzten die Fachleute in die Lage, nach und nach den Druck vom Damm zu nehmen.

Mitentscheidend war, dass der Floisdorfer Unternehmer Hubert Schilles mit einem Bagger den Grundablass frei schaufelte und dass der Talsperrenwärter Carsten Bönsch und der Ingenieur Wolf-Christian Lorenz per Hand den elektrischen Schieber für den Abfluss öffneten, der nicht mehr funktioniert hatte. Die drei Männer hätten ihr Leben riskiert, um andere zu retten, hatte NRW-Ministerpräsident Wüst erklärt, als er sie ein Jahr später mit der Rettungsmedaille des Landes ehrte.

„Wir haben mitgefiebert, ob das gut geht“, erinnert sich Lohmeyer an die dramatischen Momente, bis die Gefahr gebannt war und die Evakuierung von Schweinheim, Flamersheim und Palmersheim aufgehoben werden konnte. Er hob auch die Kooperation von haupt- und ehrenamtlichen Kräften von THW und Feuerwehr, Bundeswehr und weiteren Organisationen hervor.

Er werde die Flut immer mit den schrecklichsten Momenten seines Lebens verbinden, sagte Lohmeyer, „aber auch mit den schönsten, denn zwei Wochen später habe ich geheiratet“. Seine Frau habe ihm den Rücken frei gehalten, „so dass ich tun konnte, was ich gerne tue: im Ehrenamt Menschen helfen“.