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Dokumentationsstätte in UrftHinter dem Garagentor in der Eifel ist der Kalte Krieg lebendig

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Eine Gesichtsmaske mit aufgeschraubten Filtern zum Schutz vor gefährlichen Gasen hängt an einer Wand.

Schon am Eingang des früheren Ausweichsitzes der Landesregierung wird klar, für welche Gefahren man sich im Kalten Krieg wappnete.

Das Inventar im einstigen Ausweichsitz der Landesregierung in Kall-Urft ist weitgehend komplett. Im Bunker werden Führungen und Fototage angeboten.

Von außen wirkt das Gebäude unscheinbar. Eine 08/15-Garage mit braunen Toren, umgeben von Wald, abseits der großen Verkehrswege. Nichts deutet darauf hin, dass sich hier einst ein gut gehütetes Geheimnis der Bundesrepublik befand. In jener Garage in Urft, hinter einer schweren Stahltür, beginnt eine Reise in eine Zeit, in der die Angst vor dem Atomkrieg den Alltag prägte. Doch nach der Flut und in Zeiten des Krieges besitzt sie eine erstaunliche Aktualität.

Heute heißt die Anlage offiziell Dokumentationsstätte Ehemaliger Ausweichsitz der Landesregierung NRW. Besucher werden durch schmale Gänge und funktional eingerichtete Räume geführt. Dieser Bunker war kein gewöhnlicher Schutzraum. Er war als Führungsstelle für den Ernstfall gedacht.

Die Geschichte beginnt Anfang der 1960er-Jahre: Kalter Krieg, Mauerbau, Kubakrise. Die Sorge vor einer militärischen Eskalation ist groß. In dieser Zeit entscheidet die Landesregierung mit Innenminister Willi Weyer, einen geschützten Ausweichsitz zu errichten.

Der Bunker in Urft hat zehn Millionen D-Mark gekostet

Die Wahl fällt auf die Eifel. Die Region liegt westlich des Rheins, der als natürliche Barriere für den Feind aus dem Osten betrachtet wird. Zudem verspricht das Mittelgebirge einen besseren Schutz als die flachen Landschaften des Niederrheins. Um das Projekt geheim zu halten, wird der Bau offiziell als Erweiterung des Hermann-Josef-Hauses deklariert. In den Akten erscheint die Anlage unter dem harmlosen Namen „Warnamt Eifel“.

Tatsächlich entsteht in weniger als drei Jahren ein hochmoderner Schutzbau. In einen Hang eingelassen, mit aufgeschüttetem Erdreich und schnell wachsenden Pflanzen getarnt, verschwindet der Bunker nahezu vollständig aus dem Blickfeld. „Rund zehn Millionen D-Mark hat das Projekt gekostet“, sagt Harald Röhling. Seine Eltern haben die Anlage vor Jahren vom Land gekauft. Röhling, der als Junge in der Anlage gespielt hat, leitet heute die Führungen durch den Bunker.

Ganz geheim bleibt die Anlage damals nicht. Dem Ostblock ist ihre Existenz schon während des Baus durch Spionage bekannt. Auch die Bewohner der Umgebung bemerken die ungewöhnlichen Bauarbeiten.

Rinigungsmittel sind in einem Regal gelagert.

Die Schränke sind noch gut gefüllt.

Im Bunker in Urft ist auch ein Sendestudio eingerichtet.

Aus dem Sendestudio sollte die Bevölkerung informiert werden.

Im einzigen Einzelzimmer im Schutzbunker in Urft stehen ein Bett, ein Schreibtisch und ein Schrank.

Das Schlafzimmer des Ministerpräsidenten war das einzige Einzelzimmer.

Bunker-Experte Harald Röhling beugt sich über einer Karte. Er trägt eine neon-gelbe Signaljacke.

Bunker-Experte Harald Röhling beugt sich über einer Karte.

Wer heute durch die Anlage geht, steht vor meterdicken Betonwänden. Bis zu drei Meter stark sind die Außenhüllen des Bunkers. Dennoch sollte die Anlage keinen direkten Atomtreffer überstehen. Ihr Zweck ist ein anderer: Schutz vor den sogenannten Sekundäreffekten eines Nuklearschlags. „Die Konstruktion ist darauf ausgelegt, Druckwellen von bis zu zehn Bar Überdruck standzuhalten“, so Röhling. Ebenso sollte sie die Insassen vor radioaktiver Strahlung und Fallout schützen. Gleichzeitig bildet die Stahlarmierung einen riesigen Faradayschen Käfig, der elektronische Systeme vor elektromagnetischen Impulsen bewahren soll.

Der technische Aufwand ist enorm. Die Frischluft durchläuft mehrere Filterstufen aus Sand, Aktivkohle und Filtern gegen radioaktive Partikel und chemische Kampfstoffe. Für den schlimmsten Fall stehen handbetriebene Lüfter bereit, falls die Stromversorgung ausfällt. Auch bei der Energieversorgung wird auf Sicherheit gesetzt. Zwei voneinander unabhängige Mittelspannungsleitungen versorgen die Anlage. Fallen beide aus, springen zwei Notstromaggregate an – ein 18-Zylinder-Deutz-Motor und ein MAN-Diesel. In vier großen Tanks lagern die nötigen Kraftstoffreserven.

200 Menschen hätten auf engstem Raum 30 Tage autark leben können

„Ein 80 Meter tiefer Brunnen sowie eine Wasseraufbereitungsanlage ermöglichten eine vollständige Autarkie von bis zu 30 Tagen“, so Röhling. Die heute oft erforderliche unterbrechungsfreie Stromversorgung hätte es damals allerdings nicht gegeben: Die Computer – wenn es welche gegeben hätte – wären nach etwa zehn Sekunden Notstromanlauf neu gestartet worden.

Für 200 Personen ist der Bunker ausgelegt. Ausschließlich Männer. Frauen sind in den entsprechenden Führungspositionen der damaligen Zeit schlicht nicht vorgesehen. Die Unterbringung ist funktional. Sechs Personen teilen sich einen Schlafraum. Die Betten erscheinen nach heutigen Maßstäben schmal, gelten jedoch im Vergleich zu militärischen Unterkünften als komfortabel. Ein Aufenthaltsraum, Besprechungszimmer und ein kleines Krankenzimmer mit fünf Betten ergänzen die Ausstattung. Nur ein Raum ist anders: Ein Einzelzimmer für hochrangige Entscheidungsträger. Heute wird es mit einem Augenzwinkern die „Fürstensuite“ genannt.

Der Alltag im Bunker wäre streng geregelt gewesen. Geduscht wird lediglich einmal pro Woche – in einfachen Zinkwannen. Noch heute lagern originale Handtücher und Rollen einlagigen Toilettenpapiers in den Schränken. Das Ziel ist schließlich einzig die Handlungsfähigkeit der Landesregierung: Zehn Referate, Bibliotheken mit Gesetzestexten. Die Botschaft ist eindeutig: Selbst im Katastrophenfall soll die Rechtsordnung weiter bestehen.

Wählscheibe und Lochstreifen: Die Kommunikation ohne Internet

Besonders eindrucksvoll sind die Kommunikationsräume. Hier wird sichtbar, wie komplex Verwaltung bereits lange vor der Digitalisierung funktionierte. Überall stehen Wählscheibentelefone. Intern können die Mitarbeiter miteinander sprechen, externe Telefonate sind nicht vorgesehen. Stattdessen wird die Kommunikation nach außen hauptsächlich über Fernschreiber abgewickelt. Nachrichten werden auf Lochstreifen vorbereitet und anschließend über Standleitungen versendet. Die Technik, damals hochmodern und äußerst zuverlässig, ist längst museumsreif.

Eine besondere Überraschung erwartet die Besucher im Radiostudio. Vollständig erhalten stehen dort Tonbandmaschinen, Mikrofone und eine zentrale Studiouhr mit präzisem Sekundenzeiger. Aus dem Studio sollte der WDR im Krisenfall die Informationen der Regierung für die Bevölkerung verbreiten.

Die nüchterne Stimme informiert über Maßnahmen wie das Arbeitssicherstellungsgesetz – ein eindringliches Zeugnis jener Zeit
Harald Röhling

Vorbereitete Tonbänder lagen bereit. Auf ihnen befanden sich Verlautbarungen der Behörden, die im Spannungs- oder Verteidigungsfall ausgestrahlt werden sollten. „Während der Führung wird ein historischer Text eingespielt. Die nüchterne Stimme informiert über Maßnahmen wie das Arbeitssicherstellungsgesetz – ein eindringliches Zeugnis jener Zeit“, so Röhling.

Tatsächlich genutzt wird die Anlage nie. Ein realer Einsatz bleibt aus. Dennoch ist der Bunker im Kalten Krieg keineswegs ungenutzt. Regelmäßig finden Nato-Großübungen wie „Fallex“ oder „Wintex“ statt. Dabei arbeiten zeitweise bis zu 80 Prozent der vorgesehenen Besatzung in den Räumen. Krisenszenarien werden simuliert, Kommunikationswege getestet und Abläufe eingeübt. Für viele Beteiligte ist dies eine praktische Vorbereitung auf einen möglichen Atomkrieg.

Mit dem Ende des Kalten Krieges verliert der Bunker seine strategische Bedeutung. Nach langwierigen Verhandlungen wird die Anlage schließlich verkauft – sogar der Landesforst hat zeitweise Einspruch gegen die Veräußerung eingelegt. Die Familie des heutigen Betreibers übernimmt den Bunker, Schritt für Schritt entsteht die Dokumentationsstätte in Urft. Bewusst spricht man nicht von einem Museum. Denn die gesamte Anlage ist das Exponat.

Krisenvorsorge ist auch heute ein wichtiges Thema

Mehrere Tausend Besucher kommen laut Röhling pro Jahr nach Urft. Schulklassen beschäftigen sich mit dem Kalten Krieg, Technik-Interessierte bewundern die erhaltenen Anlagen, Firmengruppen erleben einen ungewöhnlichen Ausflug in die Geschichte. Auch Filmproduktionsgesellschaften haben die besondere Atmosphäre des Bunkers für sich entdeckt, auch ist dort ein Musikvideo gedreht worden.

Am Ende der Führung schlägt Röhling den Bogen in die Gegenwart. Während des Kalten Krieges stehen Schutzplätze für lediglich zwei bis drei Prozent der Bevölkerung bereit. Der Bau weiterer Bunker ist politisch und gesellschaftlich umstritten. Viele Menschen empfinden ihn als Ausdruck von Kriegsvorbereitung statt von Sicherheit.

Heute stehen zwar andere Gefahren im Mittelpunkt: Hochwasser, Energieengpässe oder großflächige Stromausfälle. Doch angesichts aktueller Entwicklungen, vor allem in der Ukraine, ist auch das Thema Krieg wieder in den Fokus gerückt. Die Notfallpläne wirken plötzlich erstaunlich aktuell, die Einrichtung von Bunkern und Schutzräumen wird wieder diskutiert. Ein Vorrat an Lebensmitteln, Batterien, Trinkwasser oder ein batteriebetriebenes Radio sind plötzlich nicht mehr Relikte aus dem Kalten Krieg, sondern praktische Vorsorgemaßnahmen.

Nach dem Besuch im Bunker, der auch im Sommer etwa acht Grad kühl ist, bleibt Nachdenklichkeit. Die meterdicken Wände erzählen von einer Zeit permanenter Bedrohung. Gleichzeitig erinnern sie daran, dass Krisenvorsorge keine Frage der Vergangenheit ist. Der Kalte Krieg ist vorbei. Die Notwendigkeit, auf vermeintlich Unvorstellbares vorbereitet zu sein, jedoch nicht.


Bunker in Urft

Die Führungen durch den früheren Ausweichsitz der Landesregierung werden zwar auch für Kinder und Jugendliche angeboten. Bunker-Experte Harald Röhling sagt aber, dass man durchaus etwas mit der Thematik rund um den Kalten Krieg anfangen können sollte – zumal die Anlage kein Museum, sondern eine Dokumentationsstätte sei. Und anfassen dürfe man auch nichts.

Eine Besichtigung ist im Rahmen von Führungen möglich. Sie sind nicht barrierefrei und dauern etwa zwei Stunden. Die Termine: freitags und samstags, jeweils 16 Uhr. Erwachsene zahlen 15 Euro, Teilnehmer bis einschließlich 14 Jahre 8 Euro. Für Gruppen ab zehn Personen werden auf Anfrage gesonderte Führungen angeboten.

Ein Fototag findet am Sonntag, 6. September, von 10 bis 18 Uhr statt. Die Teilnahme kostet 50 Euro für Erwachsene, 25 Euro für Kinder bis 14 Jahre. Eifel-Bunker-Touren dauern den ganzen Tag und umfassen die Anlagen in Ahrweiler, Urft und Satzvey. Die nächste findet am 13. September statt, die Tour kostet 120 Euro, 60 Euro für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre. Alle Angebote sind online buchbar.

Die Anfahrt führt aus Richtung Euskirchen/Mechernich über die A1, Ausfahrt Nettersheim. Dann den Schildern nach Urft (bzw. Kall) folgen. Achtung: In Urft leiten nicht alle Navis richtig. Die Zufahrt zum Bunker beginnt hinter der Urft an der L204 und ist gekennzeichnet. 


Bunker in Satzvey

Ein ehemaliger Atomschutzbunker der Landeszentralbank in Satzvey öffnet regelmäßig seine Türen für Besucher und gewährt Einblicke in ein lange als Geheimnis gehütetes Kapitel des Kalten Krieges.

Die in der Zeit von 1966 bis 1969 errichtete, rund 2500 Quadratmeter große Anlage mit 72 Räumen entstand unter der später gebauten Mittelpunkt- und heutigen Veytalschule. Sie war für bis zu 100 Mitarbeiter ausgelegt und sollte im Ernstfall die Bargeldversorgung sichern.

Dafür hielten die Bundesbank und das Bundesfinanzministerium geheime Serien von D-Mark- und Pfennigscheinen bereit, die bundesweit in Bunkern und Tresoranlagen gelagert wurden. Bis 1989 fanden in Satzvey regelmäßig Übungen statt, ehe die Anlage 1990 mit dem Ende des Kalten Krieges außer Betrieb ging. Seit 2012 ist der frühere Geheimstandort im Rahmen eines Projekts mit der Stadt Mechernich für die Öffentlichkeit zugänglich.

Führungen werden in der Regel am ersten Sonntag im Monat veranstaltet. Tickets kosten 10 Euro für Erwachsene, ermäßigt 8 Euro, Kinder unter zwölf Jahren haben freien Eintritt. Auch hier werden auf Anfrage Führungen für Gruppen ab zehn Personen angeboten. Am 6. September findet zudem eine Führung durch die Fernmeldesammlung statt. Anfragen und Reservierungen sind online möglich.