In Hillesheim startet am 14. August das Festival „Afrika neu entdecken“, in dem zahlreiche Aspekte jenseits der gängigen Sichtweise gezeigt werden.
Afrika neu entdeckenKulturfestival in der Eifel will mit gängigen Klischees aufräumen

Die Initiatoren eines bemerkenswerten Projekts werben an der Eifel-Film-Bühne in Hillesheim für das Festival „Afrika neu entdecken“: Nadija Drlic (v.l.), Katharina Runge, Heike Plein, Helmut Blinn und Maariike Thijs.
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Die vielfältige Kultur eines ganzen Kontinents steht vom 14. bis zum 23. August in Hillesheim auf dem Programm. Bei Kunstausstellungen, Lesungen, Konzerten, Filmen, einem Familientag, beim Fußball oder im Rahmen einer Podiumsdiskussion geht es um „Afrika neu entdecken“.
„Wir leisten hier Bildungsarbeit. Viele Deutsche schauen doch immer noch mit Klischees auf Afrika.“ Helmut Blinn vom Verein „Forum Eine Welt“ bewertet das, was ab dem Wochenende in Hillesheim zu sehen und zu erleben sein wird, eher nüchtern. Zehn Tage lang wird es vor allem an der mittelalterlichen Stadtmauer, in der „Alten Schreinerei“ der Kulturinitiative Hillesheim und in der Eifel-Film-Bühne genau darum gehen: Was verbindet man eigentlich mit Afrika?
Die herkömmliche Sichtweise ist klar: Der Exotismus des Kontinents, seiner Völker, die „Big Five“ in den riesigen Naturschutzgebieten – das ist für viele Menschen Afrika. Aber auch der Reichtum des Kontinents an Bodenschätzen, von Diamanten bis zu seltenen Erden.
Millionen Menschen sind in Afrika auf der Flucht
Afrika ist auch der Kontinent, auf dem zahlreiche (Bürger-)Kriege toben. Der Kontinent, auf dem Millionen Menschen auf der Flucht sind – die meisten in Nachbarländer, einige machen sich auf den Weg nach Europa. Was immer bleibt: Afrika ist die Wiege der Menschheit.
Vermutlich macht alles das und mehr den westeuropäischen Blick auf die meisten der 54 anerkannten Staaten des Kontinents aus. Aber was davon wird der Lebenswirklichkeit der Menschen gerecht? Es gehe darum, Klischees aufzubrechen, Vorurteile zu hinterfragen, vermeintliche Gewissheiten zu überprüfen. Auch das wollen die Macher mit dem Kulturfestival erreichen.
Filme
„Short Cut – Kurzfilmtour“ ist ein Experiment. Katharina Runge von der mitveranstaltenden Eifel-Film-Bühne lädt die Cineasten für Freitag, 14. August, 20 Uhr, zu einer besonderen Ortsbegehung Hillesheims ein. Dann geht es vom Kino aus zu zwei Pop-up-Kinos an Hauswänden, wo drei der fünf jeweils zwischen fünf und 15 Minuten langen Kurzfilme gezeigt werden, die beiden anderen im Kino selbst. Dort wird am Sonntag, 16. August, auch „Supa Modo“, die Geschichte eines neunjährigen kenianischen Mädchens, gezeigt.
Literatur
Wer sich für moderne afrikanische Literatur oder von Menschen mit afrikanischem Hintergrund geschriebene Literatur interessiert, den lädt das Festival zu zwei Lesungen in die „Alte Schreinerei“ ein. Yandé Seck, deutsch-senegalesische Autorin, liest dort am Donnerstag, 20. August, 18 Uhr, aus ihrem bewegenden Roman „Weiße Wolke“.
Mirrianne Mahn stellt „Issa“ vor. Ihr 2024 erschienener, preisgekrönter Roman, der sich mit Identität, Familie und den Nachwirkungen der Kolonialgeschichte auseinandersetzt, ist Thema am Sonntag, 16. August, ab 11 Uhr. Am Dienstag, 18. August, wird es zudem als geschlossene Veranstaltung in der Grundschule eine Märchenlesung mit Erzählerin Ibrahima geben.
Musik
Afrika ist für viele vor allen Dingen auch Musik. Und die steht am Samstag, 22. August, ab 19 Uhr an der Stadtmauer im Mittelpunkt. Angekündigt sind, so Nadija Drlić von der Kulturinitiative, die Afro-Fusion-Band „Mimshack“, die Musik auf traditionellen Instrumenten spielt. Drei Jugendliche aus der Region, die aus Somalia stammen, stellen Populäre Musik aus Afrika vor. Der Auftritt von „Sim“ als dritter Band ist noch unsicher: „Es gibt Visa-Probleme“, berichtet Drlić. Wie bei allen Open-Air-Terminen gibt es eine Schlechtwetter-Alternative mit der Messehalle oder anderen Ausweichorten, so Heike Plein.
Kunst
Die „Alte Schreinerei“ im Altstadtquartier wird für „Afrika neu entdecken“ auch zur Galerie. Awoz aus Guadeloupe zeigt seine Arbeiten, die sich mit Themen auseinandersetzen, die den afrikanischen Kontinent betreffen, Dokumentarfotograf Pelumi aus Nigeria zeigt Arbeiten zu Aspekten wie Mobilität, Kultur, Umwelt, soziale Gerechtigkeit und den Alltag , Khalifa General aus dem Senegal Ölgemälde. Vernissage ist am Freitag, 14. August. Am 15. August wird auch eine Ausstellung mit afrikanischer Mode eröffnet. Unter anderem mit zwei Schumacher-Brüdern aus dem Senegal, die ihre Re-Design-Schuhe vorstellen. Das Duo habe zur WM auch das senegalesische Team mit Freizeitschuhen ausgestattet, so Drlić.
Feste und Fußball
Vieles, was nach den gängigen Vorstellungen die afrikanische Lebensart kennzeichnet, wird es beim Familientag am Sonntag, 23. August, von 12 bis 17 Uhr an der Stadtmauer geben. „Afro Dance“ aus Trier will einen Tanzworkshop anbieten, es gibt Gerichte aus der afrikanischen Küche inklusive Kurz-Kochkurs, und zweimal ist ein traditionelles somalisches Kulturspiel geplant. Hebamme Sonja Liggett-Igelmund wird über ihr Hebammenprojekt in Afrika berichten. Dazu werden Informations- und Marktstände aufgebaut.
Dazu gehört auch ein besonderer Termin: Vom 21. bis 23. August feiert der VfL Hillesheim sein Vereinsfest. Unter anderem mit einem Kleinfeldturnier, bei dem neben drei Alte-Herren-Teams auch die Kicker von Afrika FC Köln antreten werden. Was auf die afrikanischen Wurzeln vieler berühmter Fußballer hinweist: Ousmane Dembélé, in Frankreich geboren, hat seine Wurzeln in Westafrika. Der Vater des ebenfalls gebürtigen Franzosen Kylian Mbappé stammt aus Kamerun, seine Mutter aus Algerien. Lamine Yamal, gebürtiger Spanier, hat einen marokkanischen Vater, seine Mutter stammt aus Äquatorialguinea.
Und Samuel Fitwi Sibhatu, einer der besten deutschen Marathonläufer, flüchtete 2014 aus Eritrea nach Deutschland. Auf sein Laufpotenzial wurde man bei Marathons in der Vulkaneifel aufmerksam. Er trainierte zunächst in Hillesheim.
Debatte
„Afrika neu entdecken“ wird auch die Frage der Integration von Geflüchteten stellen, etwa in der Podiumsdiskussion. Man wolle das Bewusstsein schärfen für ein neues Afrikabild, so die Veranstalter. „Der Blick geht nach vorne. Wir wollen konstruktiv sein“, betont Nadija Drlić. Ein deutsch-senegalesisches Sozialprojekt, das sie 2025 mitverantwortete, ist als Fotodokumentation vom 14. bis 23. August in der „Filmwerkstatt“ der Eifel-Film-Bühne zu sehen.
Doch was ist Afrika heute jenseits aller Veranstaltungsformate? Die Podiumsdiskussion unter dem Festivalmotto „Afrika neu entdecken“ sucht dazu nach Antworten am Dienstag, 18. August, ab 18.30 Uhr in der „Alten Schreinerei“. Ihre Teilnahme zugesagt haben Dorothe Nett und Alice Amyo von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), TikToker Mister Klein Talks und Poetry-Slammerin Monica Bliss.
Wer das alles erleben will, muss dafür nichts bezahlen. Dank des Sponsorings von Unternehmen ist der Eintritt zu allen Veranstaltungen frei. Schirmherrin des Festivals ist Landrätin Julia Gieseking.
An mangelnder Sichtbarkeit leidet das interdisziplinäre Afrika-Festival, in dieser Form in der Region ein Novum, jedenfalls nicht: An vier der fünf Straßen, die nach Hillesheim führen, stehen in der Nähe des Ortseingangs großformatige Plakate, die für „Afrika neu entdecken“ werben. Schüler der 7. bis 10. Klasse des Gerolsteiner St.-Matthias-Gymnasiums haben sie entworfen. Collagen aus Motiven von Afrika-Stereotypen bildeten die Vorlagen. Da werden Klischees gleich mal im Format großer alter Filmplakate aus den Beständen der Eifel-Film-Bühne, deren Rückseite die Bildträger sind, gekonnt infrage gestellt. Auf einem der Motive ist die folkloristische Assoziation brutal durchbrochen: Kindersoldaten sind schemenhaft zu erkennen.
Das Festival in Hillesheim hat eine Internetseite mit Programmübersicht und weiteren Informationen. Das Festival ist auf Instagram und Facebook vertreten, es gibt Informationen auf den Websites der Veranstalter Eifel-Film-Bühne, Kulturinitiative Hillesheim und Forum Eine Welt. Flyer sind zudem in den Tourist-Informationen in Hillesheim und Umgebung ausgelegt.
