Aus Kostengründen konnten der Leistungskurs Sozialwissenschaften des Mechernicher Gymnasiums am Turmhof nicht das Europarlament in Brüssel besuchen. Daher kam Sabine Verheyen zu ihnen.
EuropaparlamentVize-Präsidentin Sabine Verheyen spricht mit Mechernicher Gymnasiasten

Auf die Fragen der Schüler des Mechernicher Turmhof-Gymnasiums ging die Europaabgeordnete Sabine Verheyen drei Unterrichtsstunden lang ein.Stephan Everling
Copyright: Stephan Everling
Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt… – die praktische Anwendung humanistischer Bildung war in der Aula des Gymnasiums am Turmhof (GAT) in Mechernich zu beobachten. Denn eigentlich stand für die Schüler des Leistungskurses Sozialwissenschaften eine Reise nach Brüssel an, um sich dort über die Arbeit des Europäischen Parlaments zu informieren.
Doch angesichts der hohen Kosten, die mittlerweile durch einen Bustransfer aus der Eifel nach Brüssel entstehen würden, war eine Planänderung angesagt. Daher fragte Lehrer Bernhard Karst bei der Europaabgeordneten Sabine Verheyen an, ob sie sich vorstellen könne, nach Mechernich zu kommen.
Am Vortag des Europatages kam es zu der Begegnung
Die CDU-Politikerin, erste stellvertretende Präsidentin des Europaparlaments, sagte zu und machte sich auf den Weg in die Eifel. Und das sogar am Vortag des Europatages, der am 9. Mai gefeiert wird. Am 9. Mai 1950 gab der französische Außenminister Robert Schuman seine Europa-Erklärung ab, die zur Bildung der Montan-Union führte, der Keimzelle der Europäischen Union.
Drei Schulstunden lang stand Verheyen den Schülern Rede und Antwort. Dabei hatte diese Konstellation einen unerwarteten Vorteil. Denn nicht nur der Kurs, der im Normalfall zum Brüsseler Sitz des Parlaments gereist wäre, konnte an dem Termin teilnehmen, sondern es waren gleich mehrere Klassen aus den Stufen 10 und Q1, die die stellvertretende Parlamentspräsidentin in der Schulaula des GAT live erleben konnten. Auch Bürgermeister Michael Fingel, der bereits im April Besuch von den Schülern im Rathaus empfangen hatte, war dabei und verfolgte die Runde mit Verheyen.
Kontakt zu den Dienststellen in Luxemburg
Die stellte zu Beginn kurz sich und ihre Tätigkeit als erste Vizepräsidentin des Parlaments vor, die ihr besondere Rechte und Pflichten verleihe. „Das Recht ist, dass ich mir meine Zuständigkeitsfelder aussuchen durfte, besondere Pflichten heißt: Wenn die Präsidentin meint, das machst du bitte auch noch, dann machst du das auch noch“, sagte sie.
Zu ihren Aufgaben gehörten vor allem der Haushalt des Parlaments und Kommunikationsstrategien des Parlaments sowie der Kontakt zu den Behörden und Dienststellen in Luxemburg, einem Arbeitssitz der Parlamentsverwaltung.
Wie ist es um die Debattenkultur im EU-Parlament bestellt?
Doch dann ging es sofort zu den Fragen der Schüler, die zeigten, dass offensichtlich einiges im Unterricht hängen geblieben war. Da ging es um die geopolitische und wirtschaftliche Abhängigkeit der Europäischen Union von anderen Staaten und um die Wege, diese zu verringern.
Themen waren auch die Auswirkungen der gesellschaftlichen Polarisierung für die Debattenkultur im Parlament, die Frage, wie Verheyen zum Einstimmigkeitsprinzip in einigen Entscheidungsprozessen stehe, und die Möglichkeit eines Gesetzesinitiativrechts für das EU-Parlament.
Wenn es in der Öffentlichkeit heißt, Brüssel hat entschieden, frage ich mich immer, wer in Brüssel hat denn etwas entschieden.
Offen und detailliert informierte die erfahrene Politikerin, die seit 2009 Mitglied des Europaparlamentes ist, über die praktischen Möglichkeiten, aber auch über die Probleme in der Parlamentsarbeit und der Europäischen Politik. Dabei wurde nicht nur deutlich, wie komplex die Prozesse sind, die in der EU und ihren Institutionen ablaufen, sondern auch, wie vereinfacht die Sichtweise darauf oft ist.
„Wenn es in der Öffentlichkeit heißt, Brüssel hat entschieden, frage ich mich immer, wer in Brüssel hat denn etwas entschieden?“, sagte sie. Dann wieder informierte sie über die Entscheidungsprozesse im Parlament, ihre Sicht auf eine mögliche Erweiterung der EU oder deren Zukunft. Komplexe Fragen und auch die Antworten zeigten, wie ausdifferenziert die Vorgänge im Maschinenraum der EU mittlerweile sind.
Verheyen nutzte die Gelegenheit, um für ihr Parlament zu werben. „Eigentlich ist es eines der demokratischsten Parlamente“, betonte sie. Doch wer behaupte, Demokratie sei einfach, lüge. Sie sei auch anstrengend.
„Du musst mitmachen, sonst funktioniert sie nicht“, warb sie. Sich aufs Sofa zu setzen und zu meckern, wenn einem etwas nicht passe, sei leicht, löse aber kein Problem. „Es gibt ganz viele Möglichkeiten zu partizipieren“, forderte sie die Schüler auf.
