Alltag, Kultur und Lebensgefühl vor 50 Jahren: Bei der Zeitblende 1976 im LVR-Freilichtmuseum Kommen wurden Erinnerungen wachgerufen.
Zeitblende 1976Im Freilichtmuseum Kommern wurde die Uhr wieder um 50 Jahre zurückgedreht

Rauhaardackel „Kili“ genoss die Mitfahrt im Cabrio beim Oldtimer-Corso.
Copyright: Stefan Lieser
„Was man machte? Nichts.“ Bernd Schmitt aus Korschenbroich-Rubbelrath sitzt auf dem kleinen Klappstühlchen vor dem bunten Doppel-Campingzelt, dahinter ein gelb-weißer VW-Bulli. Er trägt einen Sonnenhut und grinst. Schmitt ist Camper anno 1976. Damals, so seine Erinnerung an die Jugendjahre, die auch Kai Thomalla aus Olpe teilt, gehörte es zum Lebensgefühl auf dem Platz einfach dazu, nur da zu sein. Man saß vor dem Zelt, offen für ein Pläuschchen mit Gleichgesinnten. Neben sich das Kaltgetränk und den Mobilgrill. „Jedenfalls hat man sich damals beim Campen nicht so eingebunkert, wie das die Leute heute tun“, ist Schmitt überzeugt.
Und so ist man schon mittendrin im ganz normalen Lebensgefühl von 1976, wie es die Zeitblende inszenierte. Ein Wochenende lang wird im Freilichtmuseum seit einigen Jahren die Uhr um 50 Jahre zurückgedreht. Alltag, Kultur, Lebensgefühl: Was für das Jahr 1976 hierzulande typisch war, soll zu sehen sein. Dazu gab es auch wieder einen großen Oldtimer-Corso, an dem allerdings alle Fahrzeuge aus den Baujahren 1960 bis 1980 teilnehmen konnten.
Der Bravo-Fotoroman trägt den Titel „Liebe auf dem Zeltplatz“
Zum Lebensgefühl gehörte für die Teenager auch 1976 auf jeden Fall die Lektüre der Jugendzeitschrift Bravo. Schmitt und Thomalla, die beiden Camper, greifen sich die auf dem Tischchen liegende Ausgabe vom 12. August 1976. Auf dem Cover ein lockiger Mädchenschwarm und die Schlagzeile: „Holger, der Junge des Jahres und die Mädchen“. Genau das war offenbar damals die Frage. Im Innenteil dieser Bravo-Ausgabe der obligatorische Starschnitt, in diesem Fall zwei Teile Oberschenkel von Udo Lindenberg, und ein Foto-Roman: „Liebe auf dem Zeltplatz“.
Es waren etwa 2400 Leute da, um die 800 weniger als sonst. Für Sonntag rechnen wir aber doch mit um die 5000.
Was nicht zum 1976er Gefühl, wohl aber zur aktuellen Lage passte, war das Grillverbot: Wegen der Rauchwolke vom Großbrand im Hohen Venn, die am Samstag auch über Kommern zog, und der anhaltenden Trockenheit war den Campern das Grillen und jede Art offenen Feuers verboten. Die Wetterbedingungen und die rauchgeschwängerte Luft hatten bis Samstagnachmittag auch Auswirkungen auf die Besucherzahlen. „Es waren etwa 2400 Leute da, um die 800 weniger als sonst. Für Sonntag rechnen wir aber doch mit um die 5000“, so Museumssprecher Daniel Manner.
Die rote Isetta knatterte auch in den 70er-Jahren durchs Rheinland
Geringer als angemeldet war deshalb auch die Zahl der Oldtimer auf der Ausstellungsfläche und beim Autocorso. Statt der vorgesehenen 160 waren 100 Oldtimer dabei. Angereist waren Dagmar Guhlemann und Frank Wollgarten mit ihrer roten BMW Isetta 250 Sport – aus Eicks hatten sie aber auch keinen weiten Weg. Es ist ein Wägelchen, dessen Motorgeräusch stark nach Moped knattert. Eine Isetta wird über die Frontklappe geöffnet, innen ist Platz für zwei Erwachsene, einen nicht zu großen Koffer und einen Hut. Volker Nöthen musste assistieren, um die Vorderklappe zu schließen, damit sich die Isetta in den Corso einreihen konnte.

Den Disco-Tanz der 1970er-Jahre zeigte Tobias Schmidt bei der Zeitblende.
Copyright: Stefan Lieser

In ihrer roten BMW Isetta 250 Sport sitzen Dagmar Guhlemann und Frank Wollgarten aus Eicks. Volker Nöthen schließt die Vorderklappe. Die Ausfahrt im Autocorso der Oldtimer im Museum kann beginnen.
Copyright: Stefan Lieser

„Die Uschi“ (Ulrike Glaubitz) bedient den Plattenspieler des schwäbischen Herstellers Dual.
Copyright: Stefan Lieser
Das Manöver nahm derweil „Kili“, Rauhaardackel von Ulrike und Bernd Godding aus Aachen, eher unbeteiligt zur Kenntnis. Sein Frauchen auf dem Beifahrersitz des offenen Karmann-Ghia-Cabrios von 1962 hatte dem Vierbeiner eine dicke Sonnenbrille verpasst, „Kili“ schien versonnen ins Treiben um ihn herum zu blicken.
Vieles bei dem Rückblickfest im LVR-Museum funktioniert eben nach dem Prinzip des Rollenspiels. Ob Campen wie vor 50 Jahren oder die nachgebauten Wohnhausszenen in der Ausstellungshalle mitsamt der Zeitgenossen.
Die Geburtssunde des Punk, dazu Prog-Rock und „Ein Bett im Kornfeld“
In diesem Jahr war da zum Beispiel „die Uschi“, alias Ulrike Glaubitz: Sie trug einen Minirock wie von Model Twiggy einst in der hippen Carnaby Street in London üblich, dazu eine wild bestickte halbtransparente Bluse, geflochtene Lederketten und Haarband. Ehemann Jêrome (Peter Drespa) hatte zur Elvis-Perücke gegriffen, zum weißen Oberhemd mit Monsterkragen, ärmelloser Strickjacke und natürlich der Hose mit weitem Schlag. Dieses Herrenmodeteil gilt nach wie vor als der größtmögliche Stil-Fauxpas des vergangenen halben Jahrhunderts.
Gast in der 1976er-Wohnzimmerkulisse am runden Tisch war Kristina Gaulliard im großgemusterten Sommerkleid. Kleider mit großen, wilden Mustern, gerne leuchtend orange, rot, gelb oder grün, sah man auch beim Rundgang über das Zeitblende-Gelände immer wieder an Besucherinnen oder vor Campingwagen. Es gab „Biene Maja“-Filme zu sehen oder die seinerzeit bekannten Plattenspieler des schwäbischen Herstellers Dual.
Die Uschi legte Vinyl-LPs auf und spielte, die Nadel mithilfe des legendären Lifts behutsam aufgesetzt, nicht „Ein Bett im Kornfeld“ von Jürgen Drews oder „Rocky“ von Frank Farian, sondern Drei-Riff-Musik der Ramones ab. Deren Konzert am 4. Juli 1976 im Londoner Roundhouse gilt als die Geburtsstunde des Punk. Mainstream war zu der Zeit allerdings Prog-Rock etwa von Bands wie Yes, Emerson, Lake & Palmer oder King Crimson, dazu von Pink Floyd oder Genesis. Passend zur Zeit gab Super-Queen, Tribute-Band von Queen, ein Konzert auf der Marktplatz-Bühne.
1976 verunglückte Niki Lauda, BAP und Apple wurden gegründet
Texttafeln entlang des Zeitblende-Parcours informierten darüber, was sonst noch 1976 geschah: Die Gurtpflicht beim Autofahren wurde eingeführt, Viking-Sonden landeten auf dem Mars, Muhammad Ali schlug in München Richard Dunn k.o. Auf dem Nürburgring aber ereignete sich beim Großen Preis von Deutschland ein Unfall, der in die Formel-Eins-Geschichte einging: Niki Lauda verunglückte in seinem Ferrari. Der Motor geriet in Brand, Lauda konnte gerettet werden, trug aber schwere Brandverletzungen davon.
1976 gründete Wolfgang Niedecken BAP. Bei der Bundestagswahl am 3. Oktober, erstmals war das Mindestwahlalter von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt, holte die CDU mit 49,6 Prozent der Stimmen zwar die Mehrheit, aber SPD (42,6 Prozent) und FDP (7,9) die meisten Mandate. Kanzler Helmut Schmidt konnte mit seiner Rot-Gelben-Koalition weiterregieren. Ebenfalls 1976 gründeten Steve Jobs, Steve Wozniak und Ronald Wayne die Apple Computer Company.
Und es war das Jahr von „Kikeriki“. „Den Cocktail tranken eher die Frauen“, so Anita Wollgarten, während sie sich ans Mixen macht: Ein Gläschen Eierlikör, auffüllen wahlweise mit Limonade oder Sekt und Orangensaft, Eiswürfel, Strohhalm – fertig ist einer der Sommerhits der 70er. Während man vorsichtig die eher seltsam schmeckende Mischung probiert, erklingt von der Marktplatz-Bühne Discomusik der Endsiebziger, von Boney M, aufgelegt vom DJ „Raue Rille“. Davor ringt Moderator Tobias Schmidt nach Luft. So jedenfalls wirkten die Bewegungen, die er in Schlaghose als Disco-Tanz aufführte.
Mehr Termine und Veranstaltungen im LVR-Freilichtmuseum Kommern
Auch nach dem Zeitblende-Wochenende stehen in den kommenden Wochen noch viele weitere interessante Veranstaltungen im Kommerner Freilichtmuseum auf dem Programm – hier ein kleiner Überblick.
„Ist das Korn reif? Unterwegs mit den Landwirten“ heißt es am kommenden Wochenende, 22./23. August, jeweils zwischen 11 und 16 Uhr. Die Landwirte zeigen, wie auf der Dreifelderwirtschaft Roggen geerntet wird, Garben gebunden und in die Scheune transportiert werden.
„Frisch gebrüht! Kaffee und seine Ersatzprodukte“ stehen am 5. und 6. September, jeweils von 11 bis 17 Uhr, im Mittelpunkt. Denn während „richtige“ Kaffeebohnen oft Luxus waren, standen auch in Notzeiten verschiedene heimische Pflanzen als Alternative bereit.
„Nach der Ernte“ lautet der Titel der nächsten Großveranstaltung im Freilichtmuseum. Am 19. und 20. September, jeweils von 11 bis 18 Uhr, zeigen die Landwirte und Hauswirtschafterinnen des Museums, unterstützt von vielen weiteren Akteuren, welche Tätigkeiten früher in Haus und Hof notwendig waren, um die Ernte einzubringen und zu verarbeiten. Das detaillierte Programm sowie weitere Veranstaltungen und Führungen findet man im Internet. (thw)
